Gibt es einen Erkenntniswert bei Fragmenten? Das Beispiel der Makulatur im Historischen Staatsarchiv Königsberg (heute im GStA Berlin)

Im Geheimen Staatsarchiv in Berlin (GStA PK) befindet sich heute ca. 30% des 1945 zerstörten Historischen Staatsarchivs Königsberg. In einer abenteuerlich zu nennenden „Reise“ wurden diese Bestände nach Grasleben (bei Helmstedt) ausgelagert und gelangten anschließend über Goslar in das Staatliche Archivlager Göttingen und schließlich 1979 in das GStA.[1] Das Historische Staatsarchiv Königsberg umfasste die zentrale Überlieferung des Deutschen Ordens in Preußen. Überdauert haben heute vor allem die frühneuzeitlichen Rechnungsbücher der verschiedenen preußischen Ämter, von 1539 bis in das 18. Jahrhundert.

Amtsrechnungen oder Rechnungsbücher sind relativ häufig als Koperte in mittelalterliche Makulatur gebunden. Dieses Phänomen tritt heute in vielen Stadt- oder selbst Staatsarchiven zutage.[2] Aber selbstverständlich befinden sich auch in anderem Archivgut Reste von mittelalterlichen (und neuzeitlichen) Handschriften oder von Inkunabeln.

Insgesamt 549 Fragmente, sowohl abgelöst als auch in situ befinden sich heute in der XX. Hauptabteilung im GStA. Von diesen sind 388 dem Bereich der Liturgie zuzuordnen,[3] es sind also mehr als doppelt so viele liturgische wie nicht-liturgische Fragmente, bei letzteren beträgt die Gesamtzahl 161.

Die liturgischen Fragmente

Das Spektrum der Datierung der liturgischen Fragmente ist spätmittelalterlich geprägt. Es umfasst den Zeitraum vom 12. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Freilich bewegen sich die meisten Fragmente in der Zeit vom 2. Drittel des 14. Jahrhunderts bis zum 2. Drittel des 15. Jahrhunderts, ein vergleichsweise enger Zeitraum.

Das älteste Fragment, in der Sammlung die Nr. 292, besteht aus einem Doppelblatt und datiert in das ausgehende 12. Jahrhundert.[4] Inhaltlich handelt es sich um ein monastisches Brevier in später gotischer Minuskel mit linienlosen, deutschen Neumen. Die Textausschnitte aus dem Sanktorale enthalten die Festformulare von Martin, Mennas, Clemens, Crisogonus sowie Saturninus und lassen keine weitere Spezifizierung zu. Dies ist beim nächstälteren Fragment anders. Nr. 270 ist ebenfalls ein Doppelblatt aus der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert aus einem Bamberger Brevier.[5] Die dort vorhandenen Ausschnitte aus dem Temporale finden sich in weiteren Bamberger Brevieren.

Die jüngsten Fragmente stammen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts: drei Gradualia in Rotunda (Nr. Nr. 295-296 und Nr. 310) sowie ein Missale (Nr. 266).[6] Ebenfalls ganz am Ende der Zeitschiene befinden sich vier Fragmente aus Inkunabeln. Zwei dieser Fragmente stammen aus dem 1499 in der Offizin von Georg Stuchs in Nürnberg gedruckten Missale des Deutschen Ordens.[7] Ein weiteres Fragment gehört einem Missale Moguntinum, das nach 1482 bei Georg Reyser in Würzburg gedruckt wurde.[8] Zwei Blätter aus dem kurz nach 1500 gedruckten Missale Sverinense, das bei den Rostocker  Michaelis-Brüdern gedruckt wurde, steht am Ende dieser Reihe.[9] Dieser extrem seltene Druck ist in keinem einzigen kompletten Exemplar vorhanden, die Berliner Fragmente sind also eine absolute Rarität.

Die Mehrzahl der Fragmente entstammt dem Bereich des Messdienstes. 138 Fragmente waren Teile von Missalia, 64 stammen aus Gradualia und 21 aus Sequentiaren. Demgegenüber gab es „nur“ 65 Brevierfragmente und 42 Antiphonarfragmente. Zu diesen „gewöhnlichen“ Handschriften treten noch Teile von Psalterien, Lektionaren sowie auch einige Ausnahmen, die weder dem Chor- noch dem Messdienst zugehörig sind oder aber für beide Bereiche hätten Verwendung finden können. Hier sind bspw. die Fragmente eines Benedictionale episcopale (Abb. 1) zu nennen,[10] von dem sich an verschiedenen Trägerbänden aus den Jahren 1522-1541 insgesamt vier Blätter befunden haben. Sollten diese Fragmente in Preußenland entstanden sein, wäre die Frage nach dem Bistum zu stellen, in dem sie Verwendung gefunden hatten. In Frage kämen die Bistümer Samland, Pomesanien und Kulm, die alle drei dem Deutschen Orden unterstanden sowie das Bistum Ermland.[11] Leider lässt sich diese wichtige Frage nicht beantworten, da auch keinem der vier Bistümer eine derartige Handschrift heute bekannt ist.

Abb. 1: Fragment eines Benedictionale episcopale mit einem Ausschnitt zur Dominica in palmis (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 85, Nr. 370)

Weitere Beispiele für inhaltlich ungewöhnliche Fragmente in diesem Bestand wären das Fragment eines Responsoriale oder eines Kollektars.[12]

Die Fragmente weisen verschiedene Initialen auf, wenngleich rote und blaue Lombarden überwiegen. Gleichwohl gibt es aber auch eine  nicht unbeträchtliche Anzahl von Makulatur mit Silhouetten- und Fleuronnée-Initialen mit weiteren Verzierungsformen. Die vorhandenen Notationen orientieren sich ebenso wie die Initialen am Alter des Fragments. So dominieren Hufnagelnotationen gegenüber Quadratnotationen. In den ältesten Fragmenten kommen meist linienlose deutsche Neumen vor.

Bezüglich der verwendeten Schriften verwundert es nicht, dass meist eine Textualis oder Textura verwendet wurden. Einige jüngere Stücke weisen eine Rotunda auf, während die ältesten Fragmente in spätkarolingischen oder gotischen Minuskeln geschrieben wurden.

Was ist das besondere an dieser Sammlung ? Was macht sie wissenschaftlich gesehen wertvoll, haftet liturgischen Fragmenten doch sehr häufig das Prädikat „gibt es immer und überall“ bzw. „ist immer dasselbe“ an ?

Knapp 20% dieser liturgischen Fragmente im GStA folgen dem römischen Ritus oder sind keinem spezifischen Ritus mehr zuzuordnen. Bei einige Blättern sind hingegen sehr konkrete Zuweisungen möglich. Dazu zählt bspw. ein Missalefragment der Brandenburger Kirche (Nr. 32), ein Antiphonarfragment aus dem Bistum Lüttich (Nr. 113), ein Brevierfragment aus dem Bistum Prag (Nr. 120), ein Brevierfragment der Bamberger Kirche (Nr. 270), ein Missalefragment der Rigaer Kirche (Nr. 214) sowie weitere Fragmente aus franziskanischem und dominikanischem Zusammenhang.[13]

Diese schon recht beeindruckende Sammlung bekommt mit den „restlichen“ 80% ihr Sahnehäubchen. Die Fragmente befanden sich wie bereits erwähnt sehr häufig an Amtrechnungen der ehemaligen preußischen Ämter. Die preußischen Ämter gehen sehr salopp formuliert auf die Wirtschaftseinheiten des Deutschen Ordens zurück, der bis zur Reformation sowohl Landesherr als Inhaber der bischöflichen Gewalt im Ordensland Preußen gewesen war.[14] Ein dichtes Netz mit Pfarreien und Kommenden überzog das Territorium.[15] Dennoch sind heute bislang nach derzeitigem Forschungsstand nur wenige liturgische Handschriften aus dem gesamten europäischen Ordensraum, 26 Codices des Chor- und 23 des Messdienstes, bekannt. Dazu gehörig ist der einzige umfangreichere Bestand von u.a. 2 Antiphonaren, 6 Brevieren und 13 Missalien, der sich in der Danziger Marienbibliothek, einer Pfarrkirche des Ordens, befand.[16] Neben dieser preußischen Ordensliturgica gab es noch vier Handschriften, die im Zisterzienserkloster Pelplin aufbewahrt wurden, dem heutigen Priesterseminar. Preußenland war also mit diesen wenigen Codices vergleichsweise stark unter den Ordensliturgica vertreten. Die vielen Handschriften, die in den Pfarr-, Kommenden- und Burgkirchen vorhanden gewesen sein mussten, waren verschwunden.

Ein Teil trat nun mit den Königsberger Fragmenten wieder zutage, denn diese folgten mehrheitlich der Liturgie des Deutschen Ordens, wie ein Vergleich mit den vorhandenen Handschriften und vor allem mit dem Normcodex, dem Liber Ordinarius, beim Orden Notula genannt, erbrachte.[17] Allein der Umfang dieser neu entdeckten liturgischen Handschriftenteile erbringt für die Erforschung der Ordensliturgie ungemeinen Nutzen. Doch auch unter diesen Stücken befinden sich Besonderheiten. Die Liturgie des Deutschen Ordens bildete sich im 13. Jahrhundert heraus. Zuvor entlehnte der Orden liturgische Vorgaben bei den Kanonikern vom Heiligen Grab und den Dominikanern. Erst 1257 erlaubt Alexander IV. dem Deutschen Orden eine neue, eigene Liturgie. Aus dieser liturgisch gesehen frühen Zeit des 13. Jahrhunderts gibt es nicht einmal eine Handvoll Handschriften, die diese Liturgie ausführen. Mit teilweise im Umfang von 3 Blättern vorhandenen Fragmenten erweiterte sich dieser Bestand um ein Doppelblatt eines Antiphonars (Nr. 289), um Teile von vier verschiedenen Missalien (Nr. 75-76, 93-95, 107, 110) sowie um jeweils ein Doppelblatt von zwei Gradualien (Nr. 82, 85).[18]

Das Fragment eines Missale festivum (Nr. 18) erweitert auch dieses Spektrum, denn seitens des Ordens gibt es nur eine einzige Handschrift dieser liturgischen Gattung.[19] Ein Gradualefragment des Ordens weist in die Ballei Utrecht (Nr. 117), wo der Orden umfangreiche Besitzungen hatte und ebenso umfangreiche Pfarrechte innehatte.[20] (Abb. 2) Durch das Vorhandensein einer überarbeiteten Version einer Adalberts-Vita in einem Brevier kann ein weiteres Fragment (Nr. 337) im Bistum Samland verortet werden.[21]

Abb. 2: Fragment eines Graduale des Deutschen Ordens mit Nachträgen aus dem Raum Utrecht (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 85, Nr. 117)

Von dem bereits erwähnten Liber Ordinarius sind nur jeweils zwei komplette Handschriften, die sich heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart sowie der Bibliothek der Danziger Akademie der Wissenschaften befinden, erhalten.  Unter den Berlin-Königsberger Fragmenten konnten zwei weitere zusammengehörige Fragmente (Nr. 154-155) dieses wichtigen und zugleich so seltenen Textes identifiziert werden.[22] (Abb. 3)

Abb 3: Zwei Fragmente aus einem Liber Ordinarius des Deutschen Ordens (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 85, Nr. 154-155)

Damit bin ich für diesen Bereich der liturgischen Fragmente fast wieder am Ausgangspunkt angelangt. Denn die beiden Fragmente aus dem Stuchs’schen Ordensmissale von 1499 sind gleichfalls sehr selten, genauer gesagt, die Inkunabel des Ordensmissale ist ebenfalls nur noch selten in vollständigen Exemplaren überliefert.[23] (Abb. 4)

Abb. 4: Ein Doppelblatt und ein Streifen mit Auszügen aus dem Sanktorale aus dem 1499 bei Georg Stuchs in Nürnberg gedruckten Missale des Deutschen Ordens (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 84, D 1-D 2)

Sicher ist diese Fundsituation als eher ungewöhnlich zu bezeichnen. Aber auch die liturgische Überlieferung in vielen Pfarrkirchen ist oftmals unerforscht, weil es keine Quellen mehr gibt. Oder weil die entsprechenden Fragmente nicht bearbeitet sind.

Nichtliturgische Fragmente

Jetzt komme ich zum zweiten Teil meiner Ausführungen, die sich mit den nicht-liturgischen Fragmenten aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg beschäftigen. Auch diese fanden sich zu einem Großteil als Kopert an den Amtsrechnungen der preußischen Ämter. Die Identifizierung und Katalogisierung dieses Bestandes wurde kürzlich abgeschlossen.[24] 159 Fragmente umfasst dieser Teil, darunter fünf Inkunabeln.[25]

Das älteste Fragment dieser Sammlung enthält die weitverbreiteten Homilien des Beda Venerabilis aus der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts (Nr. 57).[26] Ihre Entstehung liegt nachweislich nicht im Ordensland Preußen, sondern die Schrifteigenheiten deuten auf den süd(ost)deutschen Raum hin. (Abb. 5)

Abb. 5: Für die Feste von Nativitas Iohannis bap. sowie der Vigilia Petri et Pauli wurden Homilien des Beda Venerabilis ausgewählt (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 132, Nr. 57)

Inhaltlich herausragende Stücke gibt es unten den nicht-liturgischen Fragmenten aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg gleichwohl durchaus weitere, auch wenn eine Verbindung mit dem Deutschen Orden bzw. eine Benutzung in einer der vielen Pfarr- oder Kommendenbibliotheken  des Ordens nicht von vorneherein vorausgesetzt werden kann. Die Existenz eines Fragmentes der Catena aurea des Thomas von Aquin (Nr. 19) gerade im Ordensland würde nicht verwundern, erfreute sich dieser Text dort doch großer Beliebtheit.[27] Allerdings bezog sich diese Beliebtheit auf die deutsche Übersetzung der Catena, während es sich hier um das lateinische Original handelt. (Abb. 6) Ein für das Ordensland Preußen selten überlieferter Text ist der Commentarius in salutationem et annuntiationem angelicam Deiparae praestitam des Augustinus Triumphus de Ancona (Nr. 75), von dessen Schrift ein einziger, unmittelbarer Nachweis in der Danziger Marienbibliothek existiert.[28] (Abb. 7) Auch das Malogranatum des Gallus von Königssaal, das hier in zwei Doppelblättern aus dem 15. Jahrhundert vorliegt, ist zumindest in Preußenland bislang nur aus der Bibliothek des Danziger Elendenhofs, der Danziger Marienbibliothek und in der Bibliothek des samländischen Domkapitels bekannt.

Abb. 6: Teile eines Blattes aus der lateinischen Catena aurea des Thomas von Aquin wurden in der Mitte auseinandergeschnitten, bevor sie als Deckelbeklebung dienten (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 132, Nr. 19)

Abb. 7: Ein Doppelblatt aus dem Commentarius in salutationem et annuntiationem angelicam Deiparae praestitam des Augustinus Triumphus diente als Kopert zur Amtrechnung Waldau von 1559/60 (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 132, Nr. 75)

Die meisten der nicht-liturgischen Fragmente stammen aus dem 14. Jahrhundert. Wenn man die Ansicht vertritt, aufgrund ihrer Verarbeitung als Makulatur an den preußischen Amtsrechnungen, ist eine Zuordnung zum Deutschen Ordens wahrscheinlich oder doch wenigstens möglich, so ist gerade das 14. Jahrhundert die Blütezeit des Ordens in Preußen, auch wenn sich bereits erste Krisen deutlich bemerkbar machen. Eine Zuordnung qua se kann dies freilich nicht sein, denn das 14. Jahrhundert ist generell eine Zeit der rapiden Zunahme an Schriftlichkeit.

Der beste Gegenbeweis für eine „automatische“ Zuordnung dieser Fragmente in das Umfeld des Deutschen Ordens stellen die Fragmente aus dem Bernhardinerkloster in Thorn dar, die sich ebenfalls in diesem Bestand finden und ganz offensichtlich nicht den Bibliotheken des Deutschen Ordens zugehörig waren.

Einige dieser Fragmente resp. Handschriften sind definitiv nicht in Preußen entstanden. Die Casus decretorum des Bartholomäus Brixiensis (Nr. 95) sind in einer wohl nordfranzösischen gotischen Minuskel geschrieben. Einige juristische Fragmente wurden sicher in Italien geschrieben, so bspw. Fragmente des Decretum Gratiani (Nr. 92-94), der Tractatus de electionibus cum glossa autoris des Guillelmus de Mandagoto (Nr. 115), die Novae constitutiones von Papst Innozenz IV. (Nr. 122) oder das Speculum iudiciale des Guillelmus Durantis (Nr. 124). Mit absoluter Sicherheit in Preußen geschrieben wurde hingegen der Vertrag zwischen der Altstadt und Neustadt Braunsberg (Nr. 127). Dieses Fragment stammt übrigens auch aus der Sammelmappe des Bernhardinerklosters in Thorn. Bei vielen anderen Fragmenten ist wenn schon nicht sicher eine Entstehung, so doch die Benutzung in Preußenland sehr wahrscheinlich.

Ein Teil der nicht-liturgischen Fragmente geht eine gewisse Verbindung mit den liturgischen ein. So existieren in der Sammlung einige Viten oder Heiligenleben. Teile dieser Texte wurden in die Offiziumslesungen integriert, wie etwa die Legenda aurea des Jacobus de Voragine (Nr. 67-74). Ein Exemplar der Legenda aurea befand sich bspw. 1405 in der Pfarrbibliothek in Thorn. Prinzipiell dieselbe Art von Texten, Bibelauslegungen oder Legenden, wurden zudem für die auch beim Deutschen Orden obligatorischen Tischlesungen benötigt.[29]

Neben einer starken Dominanz der theologischen Fragmente ist ein ebenso starkes Vorkommen an Fragmenten aus dem Kirchen- und Zivilrecht zu konstatieren. Dabei sind es aber weniger die zeitgenössischen Kommentare als vielmehr die Standardwerke selber, die hier überliefert werden. Auch aus dem medizinischen Bereich sind Fragmente vorhanden, allerdings keine aus dem Bereich der Wundarznei, sondern hauptsächlich Kompendien.

Vor dem Hintergrund, dass die lateinische Literatur in Preußen vergleichsweise wenig bearbeitet ist, ist gerade die Einordnung dieser Fragmente von besonderem Interesse. Die Vielfalt an Texten, liturgisch und nicht-liturgisch, lenkt nicht zuletzt das Interesse auch auf die Buchbinder und ihr Makulierverhalten, müssen ihnen die entsprechenden Codices „zur weiteren Verwendung“ doch vorgelegen haben. Über diese Thematik ist in Preußenland bislang gar nichts bekannt. Selbst die Kenntnis über Skriptorien oder Schreibwerkstätten im Bereich des Deutschen Ordens und anderer Orden steckt noch ganz in den Anfängen. Sicher ist lediglich, dass zumindest die Ordensritter und –priester ihr benötigtes Pergament nicht selber hergestellt, sondern es aus diversen Quellen bezogen haben. Neben Urkunden und Verwaltungsschriftgut wurde es sicher auch für Handschriften benutzt, von denen heute diese Fragmente Zeugnis ablegen.

 

[1] Zum Übergang an das GStA vgl. Bernhart Jähnig, Verlagerung der Königsberger Bestände von Göttingen nach Berlin, in: Der Archivar 34 (1981), Sp. 400-402. Michael Kruppe, Das Staatliche Archivlager in Göttingen (1953-1979): seine Geschichte, seine Bedeutung, in: Preußenland NF 6 (2015), S. 126-162.

[2] Als Beispiele vgl. Anette Löffler, Das unscheinbare Kleid alter Bücher. Die Reutlinger Sondersammlung „Abgelöste Bucheinbände“, in: Reutlinger Geschichtsblätter NF 33 (1993), S. 1-87. Dies., Die Fragmentsammlung im Stadtarchiv Duisburg, in: Duisburger Forschungen 58 (2012), S. 1-282. Andreas Traub, Annekathrin Miegel (Bearb.): Musikalische Fragmente. Mittelalterliche Liturgie als Einbandmakulatur, Katalog zur Ausstellung, Stuttgart 2013.

[3] Anette Löffler, Fragmente liturgischer Handschriften des Deutschen Ordens aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg I-III (Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 18,24 und 28) hg. von Udo Arnold), Lüneburg 2001, Marburg 2004-2009.

[4] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 292, S. 193-194.

[5] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 270, S. 167-169.

[6] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nrn. 266 und 295-296, S. 163-164 und 196-197. Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 310, S. 17-18.

[7] Anette Löffler, Ein neues Fragment aus dem Missale des Deutschen Ordens von 1499, in: Gutenberg-Jahrbuch 2008, S. 81-86.

[8] Anette Löffler, Die Berliner Inkunabelfragmente aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg, in: Gutenberg-Jahrbuch 91 (2016), S. 131-140, hier S. 122-123.

[9] Löffler, Inkunabelfragmente (wie Anm. 8), S. 123-125.

[10] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 370, S. 78-79.

[11] Dazu im Überblick Radoslaw Biskup, Bistümer im Deutschordensstaat in Preußen (bis 1525), in: Cura animarum. Seelsorge im Deutschordensland Preußen, hg. von Stefan Samerski (Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands 45), Köln/Wien/Weimar 2013, S. 58-73.

[12] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 321, S. 31 (Responsoriale) und Nr. 315, S. 24-26 (Kollektar).

[13] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 32, S. 44-47; Nr. 113, S. 101-102; Nr. 120, S. 149-150. Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 214, S. 90-92; Nr. 270, Nr. 167-169. Aus dominikanischem Zusammenhang s. Löffler, Kat. II, Nr. 170, S. 29-30 und 226, S. 111-112 sowie Kat. III, Nr. 331, S. 39-40; für die Franziskaner s. Löffler, Kat. I, Nr. 127, S. 155-156 und Kat. III, Nr. 317, S. 27-28.

[14] Jürgen Sarnowsky, Die Wirtschaftsführung des Deutschen Ordens in Preussen (1382 – 1454) (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 34), Köln(Weimar(Wien 1993. Marc Löwener, Die Einrichtung von Verwaltungsstrukturen in Preußen durch den Deutschen Orden bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts (Quellen und Studien 7), Wiesbaden 1998. Roman Czaja, Die Krise der Landesherrschaft: der Deutsche Orden und die Gesellschaft seines Staates in Preußen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: Die Ritterorden in Umbruchs- und Krisenzeiten (Ordines militares 16), Thorn 2011, S. 159-171. Die Domkapitel des Deutschen Ordens in Preußen und Livland, hg. von Radoslaw Biskup, Mario Glauert (Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands, Beiheft 17), Münster 2004.

[15] Bernhart Jähnig, Mission und Landesherrschaft. Entwicklung kirchlicher Strukturen im Preußenland, in: Kirche im Dorf. Ihre Bedeutung für die kulturelle Entwicklung der ländlichen Gesellschaft im „Preußenland“ 13.-18. Jahrhundert, Berlin 2002, S. 11-34.

[16] Eine Kurzbeschreibung der Codices bei Otto Günther, Die Handschriften der Kirchenbibliothek von St. Marien in Danzig (Katalog der Danziger Stadtbibliothek V), Danzig 1921. Dazu Anette Löffler, Die mittelalterlichen Handschriften der Danziger Marienbibliothek, in: Danzig vom 15. bis 20. Jahrhundert, hg. von Bernhart Jähnig (Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreussische Landesforschung 19), Marburg 2006, S. 63-86. Dies., Die Danziger Marienkirche und ihre Stellung in der Liturgie des Deutschen Ordens, in: Pfarrkirchen in den Städten des Ostseeraums, hg. von Felix Biermann, Manfred Schneider, Thomas Terberger, Greifswald 2006, S. 227-237. Demnächst dies., Liturgische Musikhandschriften des Deutschen Ordens in und aus Preußenland , in: Beiträge zur Geschichte der Musik und Musikkultur in Danzig und Westpreußen, hg. von Erik Fischer (Beiträge des interkulturellen Forschungsprojekts „Deutsche Musikkultur im östlichen Europa“ 5), Stuttgart [2017].

[17] Anette Löffler, Neue Erkenntnisse zur Entwicklung des Liber Ordinarius (Notula) OT. Handschriften und Fragmente des Normcodex in Stuttgart, Danzig und Berlin, in: Preußische Landesgeschichte. Festschrift für Bernhart Jähnig zum 60. Geburtstag, hg. von Udo Arnold, Mario Glauert, Jürgen Sarnowsky, Marburg 2001, S. 137-150.

[18] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 75-76, S. 103-105; Nr. 82, S. 109-110; Nr. 85, S. 112-113; Nr. 93-95, S. 95-98; Nr. 107, S. 126-127; Nr. 110, S. 130-134. Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 289, S. 186-188

[19] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 18, S. 29-31.

[20] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 117, S. 142-147. Dazu jetzt dies., Die Liturgie des Deutschen Ordens in der Ballei Utrecht, in: Die Priester im Deutschen Orden, hg. von Udo Arnold (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 77 (2016), S. 75-94.

[21] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 337, S. 44-45.

[22] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 154-155, S. 8-18; Löffler, Liber Ordinarius (wie Anm. 17), S. 148-150.

[23] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. D1-D2, S. 92-94. Anette Löffler, Ein neues Fragment aus dem Missale des Deutschen Ordens von 1499, in Gutenberg-Jahrbuch 2008, S. 81-86.

[24] Das Manuskript wird derzeit für den Druck überarbeitet.

[25] Löffler, Inkunabelfragmente (wie Anm. 8).

[26] Dazu Anette Löffler, Ein unbekanntes Fragment mit den Homilien des Beda Venerabilis, in: http://mittelalter.hypotheses.org/889 (Published: April 24, 2013).

[27] Walther Ziesemer, Catena aurea, in: Altpreußische Forschungen 19 (1942), S. 187-199. Ralf Päsler, Zur Überlieferung der deutschen Übersetzungen der ‚Catena aurea’ des Thomas von Aquin. Zwei Neufunde in Danzig und einige Anmerkungen, in: ZfdA 137 (2008), S. 190–203.

[28] Adolar Zumkeller, Manuskripte von Werken der Autoren des Augustiner-Eremitenordens in mitteleuropäischen Bibliotheken (Cassiacum 20), Würzburg 1966, Nr. 136, S. 74-76.

[29] Arno Mentzel-Reuters, Arma spiritualia. Bibliotheken, Bücher und Bildung im Deutschen Orden (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 47), hier S. 76-82 und 187-191.

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