olim Admont

Die Auflistung der Handschriften der Stiftsbibliothek Admont auf manuscripta.at enthält auch für die zahlreichen in der Zwischenkriegszeit verkauften Handschriften Angaben zu den aktuellen Aufbewahrungsorten, soweit diese bekannt sind. Bei der Vorbereitung meines Vortrages für die Tagung „Klösterliche Handschriften- und Buchverkäufe in der Zwischenkriegszeit“, die am 16. und 17. April 2018 in Wien stattfindet, bin ich nun auf einige ehemals Admonter Codices gestoßen, für die man sich bisher mit der Angabe „Verbleib unbekannt“ begnügen mußte.

Zunächst aber eine sehr erfreuliche Aktualisierung der Liste, die ich einer Mitteilung von Christopher de Hamel verdanke: Admont besaß eine beachtliche Anzahl romanischer Blindstempeleinbände, von denen sich heute nur noch Cod. 415 im Kloster befindet. Unter den verkauften Bänden ist Cod. 413 (Beschreibung im Katalog von Jakob Wichner), der – wie auch viele andere Handschriften des Klosters – 1935 von Ernst Philipp Goldschmidt erworben wurde; er gelangte im selben Jahr in den Besitz von John Henry Montagu Manners, 9th duke of Rutland und befand sich bis 2005 im Besitz der Familie in Belvoir Castle (bei Grantham), wo der Codex so gut wie unzugänglich war[1].

Belvoir Castle (Ct. Rutland, England) (Photo Jerry Gunner/Wikipedia, CC BY 2.0)

2006 konnte das British Library die Handschrift als Ablöse für Erbschaftssteuer erwerben; sie trägt nun die Signatur Add. MS 82947 und ist vollständig digitalisiert.

London, British Library, Add. MS 82947 (olim CAd 413), Vorderdeckel

 

Folgende Handschriften, für die auf manuscripta.at [eingesehen am 15.4.2018] kein aktueller Aufbewahrungsort angegeben ist, sind nun ebenfalls lokalisierbar:

CAd 401 (Wichner)
gehört zu den von E. P. Goldschmidt erworbenen Handschriften; sie ist seit 1936 in der Bodleian Library in Oxford, MS. Lat. hist. e. 1.

CAd 439 (Wichner)
Für diese Handschrift ist zutreffend Oxford als Aufbewahrungsort angegeben; allerdings ist die Signatur der Bodleian Library zu korrigieren: sie lautet richtig MS. Lat. misc. d. 68. Auch diese Handschrift wurde 1936 von E. P. Goldschmidt erworben.

CAd 478 (Wichner)
Der Codex wurde 1938 an das Antiquariat Brecher in Brünn verkauft; 1951 verkaufte der Antiquar William H. Allen in Philadelphia die Handschrift an die dortige University of Pennsylvania Library, wo sie in der Medieval and Renaissance Manuscripts Collection als Ms. Codex 615 (eine ältere Signatur lautete Ms lat. 26) verwahrt wird. Die Handschrift, die einen interessanten Pergamenteinband trägt, den Planctus naturae des Alanus von Lille überliefert und 1365 von einem Johannes de Polna geschrieben wurde, ist vollständig digitalisiert[2].

f. 54v mit Schreibervermerk und dem oft überlieferten Epitaphium Alani (Walther, Initia Nr. 727)

CAd 637 (Wichner)
Die Handschrift wurde durch die Bodleian Library 1936 von E. P. Goldschmidt erworben und trägt heute die Signatur MS. Lat. misc. d. 66.

Eine Ergänzung ist schließlich zu CAd 712 (Wichner) anzubringen: dieser Codex befindet sich auch heute noch in Admont, allerdings vermindert um die fol. 119-126, die aus der Handschrift herausgelöst wurden. Die Blätter enthalten eine Überlieferung der Gesetze König Stephans I. von Ungarn und befinden sich seit 1935 als Cod. lat. 433 in der Széchény Bibliothek in Budapest.

 

[1] Vgl. etwa Friedrich Adolph Schmidt-Künsemüller, Die abendländischen romanischen Blindstempeleinbände (Stuttgart 1985) 122 Nr. 70: „Die Beschreibung dieses Einbandes ist unvollständig, da es nicht möglich war, nähere Angaben und ein Foto des Vorderdeckels zu erhalten.“ Auch ich habe mehrere vergebliche Versuche unternommen, die Handschrift einsehen zu dürfen.

[2] Die online verfügbare Beschreibung nennt die Admonter Provenienz nicht, die aber wegen des auf dem Rücken aufgeklebten alten Signaturenschildes unzweifelhaft ist; die Angabe „Formerly owned by Z(entral-) Stelle f(ür) Denkmalschutz“ ist irrig; der Stempel im Hinterdeckel bezieht sich auf die Erteilung der Ausfuhrbewilligung durch das Österreichische Bundesdenkmalamt.

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Hohenfurth, Emil Hirsch und Otto Ege

Passend zur Tagung „Klösterliche Handschriften- und Buchverkäufe in der Zwischenkriegszeit“, die am 16-17. April in Wien stattfindet, beschäftigt sich dieser Blogeintrag mit Verkäufen aus dem Stift Hohenfurth/Vyšší Brod und, im Zusammenhang damit, mit der Provenienz eines Otto-Ege-Leafs.

In zwei ausführlichen Blogeinträge hat sich Peter Kidd mit der Provenienz der Handschrift beschäftigt, die als Blatt Nummer 2 für das berühmtem „Fifty Original Leaves of Medieval Manuscripts“ Portfolio von Otto Ege zerschnitten wurde und als „12th-century Cistercian Missal“ bezeichnet wird (eher 13. Jh.). Nachdem die Handschrift zunächst Frankreich oder Spanien zugeschrieben worden war, wies sie Christopher de Hamel zuletzt aufgrund eines neu zugewiesenen Blattes mit figürlicher Dekoration Österreich zu.

Kidd  weist nun auf eine ausführliche Beschreibung der kompletten Handschrift in einem undatierten Katalogs (wohl Ende der 1920er Jahre) des Antiquariats Emil Hirsch aus München hin (Nr. 17 des Katalogs mit Tafel VII)[1]. Er schließt seinen Beitrag mit folgender Bemerkung:

“It is suggestive, but probably no more than a coincidence, that Hirsch owned two other manuscripts now at the British Library, both from Cistercian houses in southern Germany or Austria: Hirsch III.606, of unknown precise provenance, and Hirsch III.943, which may have been written in 1191 for the Abbey of Wilhering, a little west of Linz, and was later at the Cistercian abbey of Hohenfurt in Southern Bohemia, now Vyšší Brod in the Czech Republic, a little north of Linz.”

Zunächst ist klarzustellen, dass es sich bei den Handschriften in der British Library vorrangig um Bände aus dem Besitz von Paul Hirsch, einem deutschen Musikwissenschaftlerund Sammler von Büchern über Musik, und nicht von Emil Hirsch, dem oben genannten Antiquar handelt. Aus der Hirsch-Collection der BL wurde die von Kidd genannte Handschrift  Hirsch III.934 aber tatsächlich von Emil Hirsch an Paul Hirsch verkauft. Sie findet sich als Nr. 14 im oben genannten Katalog.  Dieses Missale, dessen Buchschmuck Friedrich Simader einen Beitrag gewidmet hat[2], ist schon länger als Codex CXII des Zisterzienserkloster Hohenfurth/Vyšší Brod identifiziert[3].

Otto Ege und Hohenfurth?

Nach diesem ersten Hinweis auf die Handschriftenprovenienz lassen sich nun rasch noch mehrere andere Handschriften im Katalog von Emil Hirsch finden, die offensichtlich aus der Hohenfurth/Vyšší Brod stammen (siehe unten). Was lässt sich  aber über das Missale sagen, das von Otto Ege zerschnitten wurde?

Die Handschrift zeichnet sich durch eine Kreuzigungsszene aus, in der die Jungfrau Maria Blut aus der Seite Christi in einem Kelch sammelt. Auf der anderen Seite des Kreuzes ist ein Schwert abgebildet, neben dem Johannes mit einem Buch steht.

Abbildung zur Nr. 17 im Katalog von Emil Hirsch

Unter den Handschriften von Hohenfurth/Vyšší Brod findet sich für Cod. CXXXIV der folgende Eintrag:

Beschreibung von Cod. CXXXIV von Raphael Pavel

Diese Beschreibung des Bildschmucks im Katalog von Raphael Pavel macht es sehr wahrscheinlich, dass es sich dabei um das gesuchte Zisterziensermissale handelt und auch die Blattanzahl von 173 Blatt stimmt in beiden Beschreibungen überein. Hinweise auf die nachgetragene Missa de s. Bernardo finden sich jedoch in den Auktionskatalogen nicht.

Zu Cod. CXXXIV existiert jedoch noch eine weitere Beschreibung, die im Katalog der illuminierten Handschriften von Hohfenfurt von  Antonín Friedl aus dem Jahr 1968 abgedruckt wurde (S. 26 Nr. 16)[4]:

Beschreibung von Cod. CXXXIV von Antonín Friedl

Friedl beschreibt hier den Buchschmuck ausführlicher und gibt die Größe der Handschrift mit 35 x 25 cm an. Im Auktionskatalog von Hirsch wird eine Größe von 350 x 234 mm erwähnt, die zumindest in der Höhe exakt mit der Hohenfurther Handschrift übereinstimmt, wenn auch die Breite etwas geringer ist.

Der Eintrag geht auch auf den mittelalterlichen Einband der Handschrift ein. Da die Beschreibung des Einbandes im Ausktionskatalog und auch in den anderen von Peter Kidd genannten Publikationen jedoch nur vage bleibt, ist hier keine eindeutige Identifizierung möglich. Jedoch wird in allen Beschreibungen ein mittelalterlicher Einband erwähnt.

Von Interesse ist der Hinweis zur Geschichte der Handschrift am Ende der Beschreibung Friedls: Im Jahr 1945 fehlte sie in der Bibliothek. Schon in der Einleitung erwähnt Friedl eine Reihe Hohenfurther Handschriften, die zwischen 1945-1950 die Bibliothek verließen, unter ihnen auch Cod. CXXXIV. Die Beschreibung beruht offensichtlich früheren Arbeiten des Autors, der schon seit den 1920er Jahren zu Buchmalerei publizierte. Es spricht damit also nichts dagegen, dass die Handschrift bereits vor dem zweiten Weltkrieg abhandenkam und daher im Auktionskatalog von Emil Hirsch erwähnt werden kann.

In Summe kann trotz der fehlenden Abbildungen in den Hohenfurther Katalogen daher sicher angenommen werden, dass es sich bei Cod. CXXXIV um die Quelle der Blätter Nr. 2 aus dem Konvolut „50 Leaves“ von Otto Ege handelt. Damit bestätigt sich nun auch eine Vermutung Peter Kidds, der angesichts eines Nachtrags zum Fest des Hl. Wenzel in der Handschrift schreibt:

the missal is currently attributed to Austria; perhaps we should be looking to the far north of the present-day country, and into what is now the Czech Republic.

Liste von Handschriften aus Hohenfurth/Vyšší Brod bei Emil Hirsch

Was nun die anderen Handschriften im Auktionskatalog von Emil Hirsch betrifft, soll die folgende Tabelle Hinweise auf eine Hohenfurther Provenienz geben, soweit sie mir ersichtlich war bzw. ohnehin aus der Literatur bekannt ist. Sie gibt neben den Katalognummern der schon genannten Kataloge von Pavel und Friedl auch die Nummer in einer Abschlussarbeit von David Michal Říha zu den illuminierten Handschriften von Hohenfurth aus dem Jahr 2006 an[5]. Zusätzlich wird auf eine Liste der in Hohenfurth fehlenden Handschriften im Ergänzungskatalog von Bohumil Ryba von 1980 verwiesen (dort S. VI)[6]. Der Eintrag „(fehlt)“ weist darauf hin, dass die jeweiligen Autoren die Handschrift im Katalog als fehlend vermerkten. Die heutigen Aufenthaltsorte wurden nicht ausführlich recherchiert, sodass hier sicher noch Ergänzungen zu machen sind.

Es wird deutlich, dass offensichtlich nicht alle Handschriften, die im Katalog von Emil Hirsch aufscheinen, auch tatsächlich verkauft wurden. Ob sie allerdings heute noch immer vor Ort sind, muss erst nachgeprüft werden.

Katalognr. Hirsch Katalognr.

Pavel

Katalognr.

Friedel

Fehlend bei Ryba Katalognr.

Riha

Heutiger Aufenthaltsort
1 XCIV 15 (fehlt) ja 15 (fehlt)
2 CLVI 17 nein III/3b Hohenfurth?
3 CLVIII 17 nein III/3c Hohenfurth?
7 LXXXI nicht im Katalog ja nicht im Katalog Princeton University Library, MS Garrett 70
9 CXLV 34 ja 33 (fehlt)
11 XXVIII nicht im Katalog nein nicht im Katalog Hohenfurth?
13 CXLIX 38 ja 37 (fehlt) Knihovna národního muzea v Praze

Idno: XVIII B 35

14 CXII 8 (fehlt) Ja 8 (fehlt) British Library, Hirsch III.934
15 LVII 20 nein 19 Hohenfurth?
16 LXXV 2 (fehlt) ja 2 (fehlt) Chicago, Newberry Library, Cod. +7
17 CXXXIV 16 (fehlt) ja 16 (fehlt) Otto Ege Leaf Nr. 2
18 CXXIII 27 (fehlt) nein 26 Hohenfurth?
19 CLII? 48 (fehlt) ja 47 (fehlt)
20 CXXXVIII 18 ja 17 (fehlt) Getty Museum, Ms. Ludwig XIII 1
25 CXLIII 19 ja 18 (fehlt)

 

[1] Valuable Manuscripts of the middle ages. Mostly illuminated. Antiquariat Emil Hirsch (München, undatiert) online.

[2] Friedrich Simader, Ein vermeintliches „Missale Salisburgense“ der British Library. Codices Manuscripti, 48/49 (2004) 7-12.

[3]  Raphael Pavel, Beschreibung der im Stifte Hohenfurt befindlichen Handschriften, in: Die Handschriften-Verzeichnisse der Cistercienser-Stifte, Bd. 2: Wilhering, Schlierbach, Osegg, Hohenfurt, Stams (Xenia Bernardina II,2, Wien 1891) 165-461, hier 205.

[4] Antonín Friedl, Iluminované rukopisy vyšebrodské (České Budějovice 1967) online, hier 26 Nr. 16

[5] David Michal Říha, Základní fond středověkých rukopisů v cisterciáckém klášteře ve Vyšším Brodě (Prag 2006) online.

[6] Bohumil Ryba, Soupisy rukopisů a starých tisků do roku 1800 z fondů Krajské knihovny v Českých Budějovicích II/1–2. Rukopisy kláštera ve Vyšším Brodě. Dodatek (České Budějovice 1980) online.

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LEGO® Scriptorium

Scriptoriumsforschung für die Kleinen: ein Scriptorium aus Lego (mit Büchernische). Entwurf: Zaglwabl

Gesamtansicht des Scriptoriums

Arbeitsplatz mit Buchständer

Tres digiti scribunt totum corpusque laborat.

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Gibt es einen Erkenntniswert bei Fragmenten? Das Beispiel der Makulatur im Historischen Staatsarchiv Königsberg (heute im GStA Berlin)

Im Geheimen Staatsarchiv in Berlin (GStA PK) befindet sich heute ca. 30% des 1945 zerstörten Historischen Staatsarchivs Königsberg. In einer abenteuerlich zu nennenden „Reise“ wurden diese Bestände nach Grasleben (bei Helmstedt) ausgelagert und gelangten anschließend über Goslar in das Staatliche Archivlager Göttingen und schließlich 1979 in das GStA.[1] Das Historische Staatsarchiv Königsberg umfasste die zentrale Überlieferung des Deutschen Ordens in Preußen. Überdauert haben heute vor allem die frühneuzeitlichen Rechnungsbücher der verschiedenen preußischen Ämter, von 1539 bis in das 18. Jahrhundert.

Amtsrechnungen oder Rechnungsbücher sind relativ häufig als Koperte in mittelalterliche Makulatur gebunden. Dieses Phänomen tritt heute in vielen Stadt- oder selbst Staatsarchiven zutage.[2] Aber selbstverständlich befinden sich auch in anderem Archivgut Reste von mittelalterlichen (und neuzeitlichen) Handschriften oder von Inkunabeln.

Insgesamt 549 Fragmente, sowohl abgelöst als auch in situ befinden sich heute in der XX. Hauptabteilung im GStA. Von diesen sind 388 dem Bereich der Liturgie zuzuordnen,[3] es sind also mehr als doppelt so viele liturgische wie nicht-liturgische Fragmente, bei letzteren beträgt die Gesamtzahl 161.

Die liturgischen Fragmente

Das Spektrum der Datierung der liturgischen Fragmente ist spätmittelalterlich geprägt. Es umfasst den Zeitraum vom 12. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Freilich bewegen sich die meisten Fragmente in der Zeit vom 2. Drittel des 14. Jahrhunderts bis zum 2. Drittel des 15. Jahrhunderts, ein vergleichsweise enger Zeitraum.

Das älteste Fragment, in der Sammlung die Nr. 292, besteht aus einem Doppelblatt und datiert in das ausgehende 12. Jahrhundert.[4] Inhaltlich handelt es sich um ein monastisches Brevier in später gotischer Minuskel mit linienlosen, deutschen Neumen. Die Textausschnitte aus dem Sanktorale enthalten die Festformulare von Martin, Mennas, Clemens, Crisogonus sowie Saturninus und lassen keine weitere Spezifizierung zu. Dies ist beim nächstälteren Fragment anders. Nr. 270 ist ebenfalls ein Doppelblatt aus der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert aus einem Bamberger Brevier.[5] Die dort vorhandenen Ausschnitte aus dem Temporale finden sich in weiteren Bamberger Brevieren.

Die jüngsten Fragmente stammen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts: drei Gradualia in Rotunda (Nr. Nr. 295-296 und Nr. 310) sowie ein Missale (Nr. 266).[6] Ebenfalls ganz am Ende der Zeitschiene befinden sich vier Fragmente aus Inkunabeln. Zwei dieser Fragmente stammen aus dem 1499 in der Offizin von Georg Stuchs in Nürnberg gedruckten Missale des Deutschen Ordens.[7] Ein weiteres Fragment gehört einem Missale Moguntinum, das nach 1482 bei Georg Reyser in Würzburg gedruckt wurde.[8] Zwei Blätter aus dem kurz nach 1500 gedruckten Missale Sverinense, das bei den Rostocker  Michaelis-Brüdern gedruckt wurde, steht am Ende dieser Reihe.[9] Dieser extrem seltene Druck ist in keinem einzigen kompletten Exemplar vorhanden, die Berliner Fragmente sind also eine absolute Rarität.

Die Mehrzahl der Fragmente entstammt dem Bereich des Messdienstes. 138 Fragmente waren Teile von Missalia, 64 stammen aus Gradualia und 21 aus Sequentiaren. Demgegenüber gab es „nur“ 65 Brevierfragmente und 42 Antiphonarfragmente. Zu diesen „gewöhnlichen“ Handschriften treten noch Teile von Psalterien, Lektionaren sowie auch einige Ausnahmen, die weder dem Chor- noch dem Messdienst zugehörig sind oder aber für beide Bereiche hätten Verwendung finden können. Hier sind bspw. die Fragmente eines Benedictionale episcopale (Abb. 1) zu nennen,[10] von dem sich an verschiedenen Trägerbänden aus den Jahren 1522-1541 insgesamt vier Blätter befunden haben. Sollten diese Fragmente in Preußenland entstanden sein, wäre die Frage nach dem Bistum zu stellen, in dem sie Verwendung gefunden hatten. In Frage kämen die Bistümer Samland, Pomesanien und Kulm, die alle drei dem Deutschen Orden unterstanden sowie das Bistum Ermland.[11] Leider lässt sich diese wichtige Frage nicht beantworten, da auch keinem der vier Bistümer eine derartige Handschrift heute bekannt ist.

Abb. 1: Fragment eines Benedictionale episcopale mit einem Ausschnitt zur Dominica in palmis (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 85, Nr. 370)

Weitere Beispiele für inhaltlich ungewöhnliche Fragmente in diesem Bestand wären das Fragment eines Responsoriale oder eines Kollektars.[12]

Die Fragmente weisen verschiedene Initialen auf, wenngleich rote und blaue Lombarden überwiegen. Gleichwohl gibt es aber auch eine  nicht unbeträchtliche Anzahl von Makulatur mit Silhouetten- und Fleuronnée-Initialen mit weiteren Verzierungsformen. Die vorhandenen Notationen orientieren sich ebenso wie die Initialen am Alter des Fragments. So dominieren Hufnagelnotationen gegenüber Quadratnotationen. In den ältesten Fragmenten kommen meist linienlose deutsche Neumen vor.

Bezüglich der verwendeten Schriften verwundert es nicht, dass meist eine Textualis oder Textura verwendet wurden. Einige jüngere Stücke weisen eine Rotunda auf, während die ältesten Fragmente in spätkarolingischen oder gotischen Minuskeln geschrieben wurden.

Was ist das besondere an dieser Sammlung ? Was macht sie wissenschaftlich gesehen wertvoll, haftet liturgischen Fragmenten doch sehr häufig das Prädikat „gibt es immer und überall“ bzw. „ist immer dasselbe“ an ?

Knapp 20% dieser liturgischen Fragmente im GStA folgen dem römischen Ritus oder sind keinem spezifischen Ritus mehr zuzuordnen. Bei einige Blättern sind hingegen sehr konkrete Zuweisungen möglich. Dazu zählt bspw. ein Missalefragment der Brandenburger Kirche (Nr. 32), ein Antiphonarfragment aus dem Bistum Lüttich (Nr. 113), ein Brevierfragment aus dem Bistum Prag (Nr. 120), ein Brevierfragment der Bamberger Kirche (Nr. 270), ein Missalefragment der Rigaer Kirche (Nr. 214) sowie weitere Fragmente aus franziskanischem und dominikanischem Zusammenhang.[13]

Diese schon recht beeindruckende Sammlung bekommt mit den „restlichen“ 80% ihr Sahnehäubchen. Die Fragmente befanden sich wie bereits erwähnt sehr häufig an Amtrechnungen der ehemaligen preußischen Ämter. Die preußischen Ämter gehen sehr salopp formuliert auf die Wirtschaftseinheiten des Deutschen Ordens zurück, der bis zur Reformation sowohl Landesherr als Inhaber der bischöflichen Gewalt im Ordensland Preußen gewesen war.[14] Ein dichtes Netz mit Pfarreien und Kommenden überzog das Territorium.[15] Dennoch sind heute bislang nach derzeitigem Forschungsstand nur wenige liturgische Handschriften aus dem gesamten europäischen Ordensraum, 26 Codices des Chor- und 23 des Messdienstes, bekannt. Dazu gehörig ist der einzige umfangreichere Bestand von u.a. 2 Antiphonaren, 6 Brevieren und 13 Missalien, der sich in der Danziger Marienbibliothek, einer Pfarrkirche des Ordens, befand.[16] Neben dieser preußischen Ordensliturgica gab es noch vier Handschriften, die im Zisterzienserkloster Pelplin aufbewahrt wurden, dem heutigen Priesterseminar. Preußenland war also mit diesen wenigen Codices vergleichsweise stark unter den Ordensliturgica vertreten. Die vielen Handschriften, die in den Pfarr-, Kommenden- und Burgkirchen vorhanden gewesen sein mussten, waren verschwunden.

Ein Teil trat nun mit den Königsberger Fragmenten wieder zutage, denn diese folgten mehrheitlich der Liturgie des Deutschen Ordens, wie ein Vergleich mit den vorhandenen Handschriften und vor allem mit dem Normcodex, dem Liber Ordinarius, beim Orden Notula genannt, erbrachte.[17] Allein der Umfang dieser neu entdeckten liturgischen Handschriftenteile erbringt für die Erforschung der Ordensliturgie ungemeinen Nutzen. Doch auch unter diesen Stücken befinden sich Besonderheiten. Die Liturgie des Deutschen Ordens bildete sich im 13. Jahrhundert heraus. Zuvor entlehnte der Orden liturgische Vorgaben bei den Kanonikern vom Heiligen Grab und den Dominikanern. Erst 1257 erlaubt Alexander IV. dem Deutschen Orden eine neue, eigene Liturgie. Aus dieser liturgisch gesehen frühen Zeit des 13. Jahrhunderts gibt es nicht einmal eine Handvoll Handschriften, die diese Liturgie ausführen. Mit teilweise im Umfang von 3 Blättern vorhandenen Fragmenten erweiterte sich dieser Bestand um ein Doppelblatt eines Antiphonars (Nr. 289), um Teile von vier verschiedenen Missalien (Nr. 75-76, 93-95, 107, 110) sowie um jeweils ein Doppelblatt von zwei Gradualien (Nr. 82, 85).[18]

Das Fragment eines Missale festivum (Nr. 18) erweitert auch dieses Spektrum, denn seitens des Ordens gibt es nur eine einzige Handschrift dieser liturgischen Gattung.[19] Ein Gradualefragment des Ordens weist in die Ballei Utrecht (Nr. 117), wo der Orden umfangreiche Besitzungen hatte und ebenso umfangreiche Pfarrechte innehatte.[20] (Abb. 2) Durch das Vorhandensein einer überarbeiteten Version einer Adalberts-Vita in einem Brevier kann ein weiteres Fragment (Nr. 337) im Bistum Samland verortet werden.[21]

Abb. 2: Fragment eines Graduale des Deutschen Ordens mit Nachträgen aus dem Raum Utrecht (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 85, Nr. 117)

Von dem bereits erwähnten Liber Ordinarius sind nur jeweils zwei komplette Handschriften, die sich heute in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart sowie der Bibliothek der Danziger Akademie der Wissenschaften befinden, erhalten.  Unter den Berlin-Königsberger Fragmenten konnten zwei weitere zusammengehörige Fragmente (Nr. 154-155) dieses wichtigen und zugleich so seltenen Textes identifiziert werden.[22] (Abb. 3)

Abb 3: Zwei Fragmente aus einem Liber Ordinarius des Deutschen Ordens (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 85, Nr. 154-155)

Damit bin ich für diesen Bereich der liturgischen Fragmente fast wieder am Ausgangspunkt angelangt. Denn die beiden Fragmente aus dem Stuchs’schen Ordensmissale von 1499 sind gleichfalls sehr selten, genauer gesagt, die Inkunabel des Ordensmissale ist ebenfalls nur noch selten in vollständigen Exemplaren überliefert.[23] (Abb. 4)

Abb. 4: Ein Doppelblatt und ein Streifen mit Auszügen aus dem Sanktorale aus dem 1499 bei Georg Stuchs in Nürnberg gedruckten Missale des Deutschen Ordens (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 84, D 1-D 2)

Sicher ist diese Fundsituation als eher ungewöhnlich zu bezeichnen. Aber auch die liturgische Überlieferung in vielen Pfarrkirchen ist oftmals unerforscht, weil es keine Quellen mehr gibt. Oder weil die entsprechenden Fragmente nicht bearbeitet sind.

Nichtliturgische Fragmente

Jetzt komme ich zum zweiten Teil meiner Ausführungen, die sich mit den nicht-liturgischen Fragmenten aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg beschäftigen. Auch diese fanden sich zu einem Großteil als Kopert an den Amtsrechnungen der preußischen Ämter. Die Identifizierung und Katalogisierung dieses Bestandes wurde kürzlich abgeschlossen.[24] 159 Fragmente umfasst dieser Teil, darunter fünf Inkunabeln.[25]

Das älteste Fragment dieser Sammlung enthält die weitverbreiteten Homilien des Beda Venerabilis aus der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts (Nr. 57).[26] Ihre Entstehung liegt nachweislich nicht im Ordensland Preußen, sondern die Schrifteigenheiten deuten auf den süd(ost)deutschen Raum hin. (Abb. 5)

Abb. 5: Für die Feste von Nativitas Iohannis bap. sowie der Vigilia Petri et Pauli wurden Homilien des Beda Venerabilis ausgewählt (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 132, Nr. 57)

Inhaltlich herausragende Stücke gibt es unten den nicht-liturgischen Fragmenten aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg gleichwohl durchaus weitere, auch wenn eine Verbindung mit dem Deutschen Orden bzw. eine Benutzung in einer der vielen Pfarr- oder Kommendenbibliotheken  des Ordens nicht von vorneherein vorausgesetzt werden kann. Die Existenz eines Fragmentes der Catena aurea des Thomas von Aquin (Nr. 19) gerade im Ordensland würde nicht verwundern, erfreute sich dieser Text dort doch großer Beliebtheit.[27] Allerdings bezog sich diese Beliebtheit auf die deutsche Übersetzung der Catena, während es sich hier um das lateinische Original handelt. (Abb. 6) Ein für das Ordensland Preußen selten überlieferter Text ist der Commentarius in salutationem et annuntiationem angelicam Deiparae praestitam des Augustinus Triumphus de Ancona (Nr. 75), von dessen Schrift ein einziger, unmittelbarer Nachweis in der Danziger Marienbibliothek existiert.[28] (Abb. 7) Auch das Malogranatum des Gallus von Königssaal, das hier in zwei Doppelblättern aus dem 15. Jahrhundert vorliegt, ist zumindest in Preußenland bislang nur aus der Bibliothek des Danziger Elendenhofs, der Danziger Marienbibliothek und in der Bibliothek des samländischen Domkapitels bekannt.

Abb. 6: Teile eines Blattes aus der lateinischen Catena aurea des Thomas von Aquin wurden in der Mitte auseinandergeschnitten, bevor sie als Deckelbeklebung dienten (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 132, Nr. 19)

Abb. 7: Ein Doppelblatt aus dem Commentarius in salutationem et annuntiationem angelicam Deiparae praestitam des Augustinus Triumphus diente als Kopert zur Amtrechnung Waldau von 1559/60 (GStA Berlin PK, XX. HA, Hs. 132, Nr. 75)

Die meisten der nicht-liturgischen Fragmente stammen aus dem 14. Jahrhundert. Wenn man die Ansicht vertritt, aufgrund ihrer Verarbeitung als Makulatur an den preußischen Amtsrechnungen, ist eine Zuordnung zum Deutschen Ordens wahrscheinlich oder doch wenigstens möglich, so ist gerade das 14. Jahrhundert die Blütezeit des Ordens in Preußen, auch wenn sich bereits erste Krisen deutlich bemerkbar machen. Eine Zuordnung qua se kann dies freilich nicht sein, denn das 14. Jahrhundert ist generell eine Zeit der rapiden Zunahme an Schriftlichkeit.

Der beste Gegenbeweis für eine „automatische“ Zuordnung dieser Fragmente in das Umfeld des Deutschen Ordens stellen die Fragmente aus dem Bernhardinerkloster in Thorn dar, die sich ebenfalls in diesem Bestand finden und ganz offensichtlich nicht den Bibliotheken des Deutschen Ordens zugehörig waren.

Einige dieser Fragmente resp. Handschriften sind definitiv nicht in Preußen entstanden. Die Casus decretorum des Bartholomäus Brixiensis (Nr. 95) sind in einer wohl nordfranzösischen gotischen Minuskel geschrieben. Einige juristische Fragmente wurden sicher in Italien geschrieben, so bspw. Fragmente des Decretum Gratiani (Nr. 92-94), der Tractatus de electionibus cum glossa autoris des Guillelmus de Mandagoto (Nr. 115), die Novae constitutiones von Papst Innozenz IV. (Nr. 122) oder das Speculum iudiciale des Guillelmus Durantis (Nr. 124). Mit absoluter Sicherheit in Preußen geschrieben wurde hingegen der Vertrag zwischen der Altstadt und Neustadt Braunsberg (Nr. 127). Dieses Fragment stammt übrigens auch aus der Sammelmappe des Bernhardinerklosters in Thorn. Bei vielen anderen Fragmenten ist wenn schon nicht sicher eine Entstehung, so doch die Benutzung in Preußenland sehr wahrscheinlich.

Ein Teil der nicht-liturgischen Fragmente geht eine gewisse Verbindung mit den liturgischen ein. So existieren in der Sammlung einige Viten oder Heiligenleben. Teile dieser Texte wurden in die Offiziumslesungen integriert, wie etwa die Legenda aurea des Jacobus de Voragine (Nr. 67-74). Ein Exemplar der Legenda aurea befand sich bspw. 1405 in der Pfarrbibliothek in Thorn. Prinzipiell dieselbe Art von Texten, Bibelauslegungen oder Legenden, wurden zudem für die auch beim Deutschen Orden obligatorischen Tischlesungen benötigt.[29]

Neben einer starken Dominanz der theologischen Fragmente ist ein ebenso starkes Vorkommen an Fragmenten aus dem Kirchen- und Zivilrecht zu konstatieren. Dabei sind es aber weniger die zeitgenössischen Kommentare als vielmehr die Standardwerke selber, die hier überliefert werden. Auch aus dem medizinischen Bereich sind Fragmente vorhanden, allerdings keine aus dem Bereich der Wundarznei, sondern hauptsächlich Kompendien.

Vor dem Hintergrund, dass die lateinische Literatur in Preußen vergleichsweise wenig bearbeitet ist, ist gerade die Einordnung dieser Fragmente von besonderem Interesse. Die Vielfalt an Texten, liturgisch und nicht-liturgisch, lenkt nicht zuletzt das Interesse auch auf die Buchbinder und ihr Makulierverhalten, müssen ihnen die entsprechenden Codices „zur weiteren Verwendung“ doch vorgelegen haben. Über diese Thematik ist in Preußenland bislang gar nichts bekannt. Selbst die Kenntnis über Skriptorien oder Schreibwerkstätten im Bereich des Deutschen Ordens und anderer Orden steckt noch ganz in den Anfängen. Sicher ist lediglich, dass zumindest die Ordensritter und –priester ihr benötigtes Pergament nicht selber hergestellt, sondern es aus diversen Quellen bezogen haben. Neben Urkunden und Verwaltungsschriftgut wurde es sicher auch für Handschriften benutzt, von denen heute diese Fragmente Zeugnis ablegen.

 

[1] Zum Übergang an das GStA vgl. Bernhart Jähnig, Verlagerung der Königsberger Bestände von Göttingen nach Berlin, in: Der Archivar 34 (1981), Sp. 400-402. Michael Kruppe, Das Staatliche Archivlager in Göttingen (1953-1979): seine Geschichte, seine Bedeutung, in: Preußenland NF 6 (2015), S. 126-162.

[2] Als Beispiele vgl. Anette Löffler, Das unscheinbare Kleid alter Bücher. Die Reutlinger Sondersammlung „Abgelöste Bucheinbände“, in: Reutlinger Geschichtsblätter NF 33 (1993), S. 1-87. Dies., Die Fragmentsammlung im Stadtarchiv Duisburg, in: Duisburger Forschungen 58 (2012), S. 1-282. Andreas Traub, Annekathrin Miegel (Bearb.): Musikalische Fragmente. Mittelalterliche Liturgie als Einbandmakulatur, Katalog zur Ausstellung, Stuttgart 2013.

[3] Anette Löffler, Fragmente liturgischer Handschriften des Deutschen Ordens aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg I-III (Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 18,24 und 28) hg. von Udo Arnold), Lüneburg 2001, Marburg 2004-2009.

[4] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 292, S. 193-194.

[5] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 270, S. 167-169.

[6] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nrn. 266 und 295-296, S. 163-164 und 196-197. Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 310, S. 17-18.

[7] Anette Löffler, Ein neues Fragment aus dem Missale des Deutschen Ordens von 1499, in: Gutenberg-Jahrbuch 2008, S. 81-86.

[8] Anette Löffler, Die Berliner Inkunabelfragmente aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg, in: Gutenberg-Jahrbuch 91 (2016), S. 131-140, hier S. 122-123.

[9] Löffler, Inkunabelfragmente (wie Anm. 8), S. 123-125.

[10] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 370, S. 78-79.

[11] Dazu im Überblick Radoslaw Biskup, Bistümer im Deutschordensstaat in Preußen (bis 1525), in: Cura animarum. Seelsorge im Deutschordensland Preußen, hg. von Stefan Samerski (Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands 45), Köln/Wien/Weimar 2013, S. 58-73.

[12] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 321, S. 31 (Responsoriale) und Nr. 315, S. 24-26 (Kollektar).

[13] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 32, S. 44-47; Nr. 113, S. 101-102; Nr. 120, S. 149-150. Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 214, S. 90-92; Nr. 270, Nr. 167-169. Aus dominikanischem Zusammenhang s. Löffler, Kat. II, Nr. 170, S. 29-30 und 226, S. 111-112 sowie Kat. III, Nr. 331, S. 39-40; für die Franziskaner s. Löffler, Kat. I, Nr. 127, S. 155-156 und Kat. III, Nr. 317, S. 27-28.

[14] Jürgen Sarnowsky, Die Wirtschaftsführung des Deutschen Ordens in Preussen (1382 – 1454) (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 34), Köln(Weimar(Wien 1993. Marc Löwener, Die Einrichtung von Verwaltungsstrukturen in Preußen durch den Deutschen Orden bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts (Quellen und Studien 7), Wiesbaden 1998. Roman Czaja, Die Krise der Landesherrschaft: der Deutsche Orden und die Gesellschaft seines Staates in Preußen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: Die Ritterorden in Umbruchs- und Krisenzeiten (Ordines militares 16), Thorn 2011, S. 159-171. Die Domkapitel des Deutschen Ordens in Preußen und Livland, hg. von Radoslaw Biskup, Mario Glauert (Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands, Beiheft 17), Münster 2004.

[15] Bernhart Jähnig, Mission und Landesherrschaft. Entwicklung kirchlicher Strukturen im Preußenland, in: Kirche im Dorf. Ihre Bedeutung für die kulturelle Entwicklung der ländlichen Gesellschaft im „Preußenland“ 13.-18. Jahrhundert, Berlin 2002, S. 11-34.

[16] Eine Kurzbeschreibung der Codices bei Otto Günther, Die Handschriften der Kirchenbibliothek von St. Marien in Danzig (Katalog der Danziger Stadtbibliothek V), Danzig 1921. Dazu Anette Löffler, Die mittelalterlichen Handschriften der Danziger Marienbibliothek, in: Danzig vom 15. bis 20. Jahrhundert, hg. von Bernhart Jähnig (Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreussische Landesforschung 19), Marburg 2006, S. 63-86. Dies., Die Danziger Marienkirche und ihre Stellung in der Liturgie des Deutschen Ordens, in: Pfarrkirchen in den Städten des Ostseeraums, hg. von Felix Biermann, Manfred Schneider, Thomas Terberger, Greifswald 2006, S. 227-237. Demnächst dies., Liturgische Musikhandschriften des Deutschen Ordens in und aus Preußenland , in: Beiträge zur Geschichte der Musik und Musikkultur in Danzig und Westpreußen, hg. von Erik Fischer (Beiträge des interkulturellen Forschungsprojekts „Deutsche Musikkultur im östlichen Europa“ 5), Stuttgart [2017].

[17] Anette Löffler, Neue Erkenntnisse zur Entwicklung des Liber Ordinarius (Notula) OT. Handschriften und Fragmente des Normcodex in Stuttgart, Danzig und Berlin, in: Preußische Landesgeschichte. Festschrift für Bernhart Jähnig zum 60. Geburtstag, hg. von Udo Arnold, Mario Glauert, Jürgen Sarnowsky, Marburg 2001, S. 137-150.

[18] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 75-76, S. 103-105; Nr. 82, S. 109-110; Nr. 85, S. 112-113; Nr. 93-95, S. 95-98; Nr. 107, S. 126-127; Nr. 110, S. 130-134. Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 289, S. 186-188

[19] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 18, S. 29-31.

[20] Löffler, Kat. I (wie Anm. 3), Nr. 117, S. 142-147. Dazu jetzt dies., Die Liturgie des Deutschen Ordens in der Ballei Utrecht, in: Die Priester im Deutschen Orden, hg. von Udo Arnold (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 77 (2016), S. 75-94.

[21] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. 337, S. 44-45.

[22] Löffler, Kat. II (wie Anm. 3), Nr. 154-155, S. 8-18; Löffler, Liber Ordinarius (wie Anm. 17), S. 148-150.

[23] Löffler, Kat. III (wie Anm. 3), Nr. D1-D2, S. 92-94. Anette Löffler, Ein neues Fragment aus dem Missale des Deutschen Ordens von 1499, in Gutenberg-Jahrbuch 2008, S. 81-86.

[24] Das Manuskript wird derzeit für den Druck überarbeitet.

[25] Löffler, Inkunabelfragmente (wie Anm. 8).

[26] Dazu Anette Löffler, Ein unbekanntes Fragment mit den Homilien des Beda Venerabilis, in: http://mittelalter.hypotheses.org/889 (Published: April 24, 2013).

[27] Walther Ziesemer, Catena aurea, in: Altpreußische Forschungen 19 (1942), S. 187-199. Ralf Päsler, Zur Überlieferung der deutschen Übersetzungen der ‚Catena aurea’ des Thomas von Aquin. Zwei Neufunde in Danzig und einige Anmerkungen, in: ZfdA 137 (2008), S. 190–203.

[28] Adolar Zumkeller, Manuskripte von Werken der Autoren des Augustiner-Eremitenordens in mitteleuropäischen Bibliotheken (Cassiacum 20), Würzburg 1966, Nr. 136, S. 74-76.

[29] Arno Mentzel-Reuters, Arma spiritualia. Bibliotheken, Bücher und Bildung im Deutschen Orden (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 47), hier S. 76-82 und 187-191.

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Norwegian Book Fragments and the Internet

As the headline indicates, this post is about Norwegian book fragments, not Austrian manuscripts, and I hope that this fact does not scare away any readers. I certainly appreciate the opportunity to appear as a guest on the Iter austriacum!

The background for this guest-post is a collaborative session at the international Medieval Congress in Leeds in July of this year, on medieval fragments in the digital age. The session demonstrated that there are quite a few people out there who are tackling the issues and challenges connected to manuscript fragments and that, no doubt, the best solutions will come through discussion and collaboration with others.

The digital age holds incredible potential for manuscript material – perhaps even more so for the fragments than for complete manuscripts, because of the possibility to digitally piece together manuscripts that for some reason have been destroyed. The lack of a binding is no disadvantage in a digital format!

There are several collections where groups of fragments to some extent are “reconstructable”, such as the large fragment collections in the Nordic countries. Combined they hold about 50 000 book fragments from various book genres, although the majority of the fragments come from medieval liturgical books rendered useless after the Reformation in the sixteenth century. Norway’s share of the fragments count ca 6000 single pieces, most of which are in the National Archives in Oslo.

From leaves to covers

… and from covers to even smaller fragments; this basically sums up the history of Norwegian manuscript material, particularly that written in Latin. Very few Latin manuscripts used in medieval Norway have survived as books, only about a dozen. What we do have are fragments, surviving as binding material on account books sent to the Danish royal administration in the late sixteenth and early seventeenth centuries. The 6000 fragments are estimated to come from about a thousand highly fragmentary books – leaving us in average about six fragments per book.

The size and character of the fragment collection in Norway stands in contrast to that of our neighbour, Sweden. The Swedish National Archives hold ca 22 500 parchment covers, in the form of large leaves or bifolia from medieval books. In Norway, only very few fragments survive as covers. Most leaves were cut into smaller pieces and used to strengthen the seam at the spine of the paper leaflets. In other words, in Sweden four fragments may constitute a full quire, while in Norway four fragments may equal half a leaf, or not even that.

Another consequence of different binding practices is that the Norwegian fragment collection includes fragments from very small books, which would be disregarded for binding purposes in Stockholm or Copenhagen, simply because they would not be considered big enough to do the Job.

Accounts from the Trondheim area in Norway, bound with two fragments from a small twelfth-century psalter. The book when whole measured only about 10 cm in width, a small book even for Norwegian bindings. Oslo, National Archives, In situ fragments, LR, Fosen 1638-39 Pk 63, 1, K (Photo: Åslaug Ommundsen)

Some here, some there

Some manuscripts – or codicological units you might say – have been divided on collections in two or more Nordic countries. The reason for this is historical. At the time of the massive reuse of abandoned liturgical (and other) books, Norway was under Danish rule, and the governors reported to Copenhagen. Likewise, Finland was, at the time, under Swedish rule, and its accounts were sent to Stockholm. In addition, the borders between the countries have changed after the Middle Ages and since the manuscripts were reused, so that Eastern part of medieval Denmark (Skåne) is now Southern Sweden, and some of the Eastern parts of Norway are Sweden, too. Any attempt to keep the research on the fragment collections strictly “national” would therefore be futile. Some codicological units consist of fragments from up to four different collections in different countries, like the case study presented below (although I should add that those cases are rather exceptional).

The Nordic countries ca. 1600, with slightly different borders than today, and the two main administrative centres, Copenhagen and Stockholm marked in red. Source for map: Nordic Latin Manuscript Fragments. The Destruction and Reconstruction of Medieval Books, ed. Å. Ommundsen and T. Heikkilä. (Map drawn by Øyvind Lothe, Reine Linjer.)

In the early 19th century the Norwegian accounts were returned from Copenhagen to Oslo after the establishment of the National Archives of Norway. At first, the book fragments on the accounts did not attract much interest, but interest grew over the nineteenth century. About 100 years ago, there was a project to detach the fragments from their respective accounts, sort them in envelopes and number them as separate items. About 330 fragments are still left in situ (and will remain so).

In such a situation, with fragments partly detached and in envelopes, partly in situ on accounts, and partly divided on different collections in different countries, digital tools are a godsend. By using digital photographs and computer software one can reassemble manuscripts regardless of their current location, and also make the “virtual manuscript” publically available on line.

In Bergen we have experimented with different web solutions, and are at the moment using fragment.uib.no to publish “virtual manuscripts”. Sites with “reconstructions” are obviously different from the collections’ own databases or websites, but they can certainly be important supplements, valuable as an aid to visualization and a facilitator for further research.

Example of a partially reconstructed “virtual manuscript” at fragment.uib.no (The Saint Alphegus Missal, with fragments from the National Archives of Norway). (Pdf: Åslaug Ommundsen)

Nordic fragments on line

Regarding the Nordic fragment collections and databases, Sweden was definitely in front, with its MPO project (Medeltida PergamentOmslag) which was initiated at the National Archives in Stockholm in 1993. The MPO database went online a few years ago, and is very useful.

Finland also funded a major project on their fragment material in the National Library in Helsinki in 2008, which resulted in a very good illustrated and searchable database of the so-called Fragmenta membranea Collection.

Iceland present fragments both on a specialized website for music, ismus.is, and on a general website for manuscript material, handrit.is.

Denmark has had significant scholars working on their fragment material in the National Archives and the Royal Library. In some ways their golden years were before computer databases and the internet, still there are some fragments available on line. One site presenting a small section of the fragments in the Danish National Archives, is liturgy.dk. Also, the Royal Library in Copenhagen has an excellent presentation of their fragments as part of their E-manuscripts at the website Fragmenta Latina Hauniensia.

In Norway the first institution to publish their fragment collection, was in fact the University of Bergen, with a presentation of their Digital fragment collection (NB: not to be confused with the undersigned’s various web initiatives, which also has url’s containing “fragment” and “uib.no”!) The National Archives in Oslo has recently finished a database following the principles of the MPO database in Sweden. An illustrated version available on-line is a few years away, though. In the anticipation of the official database in Oslo, their fragments should soon (autumn 2017) be available as part of the research data management plan of our fragment project in Bergen, with the National Archives’ kind permission.

The Bergen project

In 2012 Bergen research foundation and the University of Bergen funded a four-year research project on Norwegian fragments, From manuscript fragments to book history. The project members, apart from myself, were Michael Gullick, Astrid Marner and Synnøve Myking, all exceptionally talented colleagues.

The advantage of having tall mountains between our project in Bergen and the main fragment collection in Oslo was that we needed digital photographs of everything in order to do our research, so we needed to establish an extensive photo collection early on. Fortunately, the National Archives in Oslo are very helpful and generous, allowing users to take photographs. One year into the project we had photographs of about 97-98% of the 6000 fragments available on our computers.

One web page was set up before the project started; fragments.app.uib.no with the help of the IT-department at the University of Bergen. Another page was designed as part of the project, fragment.uib.no, with the help of a private company, Reine Linjer. The sites have different structures and different strengths and weaknesses, but the plan is to link them together as part of the research data management plan mentioned above. The forthcoming on line source will contain our main research data, including the thousands of photographs from the National Archives.

A “legendary” case study

For Leeds I chose a case study to illustrate some of of the issues mentioned above, namely a legendary, probably made in Northern France just before 1200 but used somewhere in the Lund area (in modern Sweden, but medieval Denmark) during the course of the Middle Ages.

Half a page from the legendary referred to as Vitae 3, containing readings for Saint Adrian of Nicomedia. Oslo, NRA, Lat. fragm. 6,1. (Photo: Åslaug Ommundsen)

The book has taken two generations to reassemble to its current, still highly fragmentary state (but it is very likely that more fragments are yet unidentified), moving from nine to 19 fragments:

  • Lilli Gjerløw registered nine fragments in Oslo, National Archives, as Vitae sanctorum 3 in the 1960s and 70s
  • Michael Gullick and Åslaug Ommundsen identified six more fragments in Oslo after 2003
  • Åslaug Ommundsen identified a bifolium in Lund University Library as part of the book in 2010
  • Michael Gullick identified fragments by the same scribe in Copenhagen, Royal Library (possibly once bound together with the legendary?) in 2012
  • Åslaug Ommundsen identified a fragment the Danish National Archives (published by Steffen Harpsøe) as part of the book in 2016

This case illustrates how different a post in a fragment inventory would work compared to a “virtual manuscript”. Several years ago we registered the codicological unit as Vitae 3 on fragments.app.uib.no, and listed the then-discovered fragments one below the other.

In the recent entry on fragment.uib.no the book is called A Northern French legendary in Lund, and can be leafed through in the form of a “reconstructed” book. This was made using the following low-cost “recipe”:

1) Paste photographs into their proper place on the pages in InDesign

2) Write InDesign file to pdf

3) Feed pdf into free «turning pages» software

4) Upload file onto website: fragment.uib.no

(For points 3) and 4) we have help from Reine linjer mentioned above)

The result is a file where you can turn the pages, and get an impression both of how much is left from the manuscript, but also what the manuscript may once have looked like – and how much is actually still missing, such as in one of the leaves from Vitae 3, for example:

«Reconstructed» page from the legendary Vitae 3 at fragment.uib.no, contining the legend of Saint Gorgonius. (A Northern French Legendary in Lund, here shown with fragments from the National Archives of Norway: Lat. fragm. 21,5-6 and 753,1-2 and 4). (Pdf: Åslaug Ommundsen

This is not an argument of one solution instead of the other – a searchable site with as much info as possible, is useful in any case. A “reconstructed” manuscript can give you a sense of what the manuscript once looked like, and be both informative and inspirational.

Since several fragments from the legendary Vitae 3 were pointing towards Skåne (current day Sweden, medieval Denmark), it is not unlikely that the book’s secondary provenance or place of use was Lund. Lund was not just any town in Denmark, but was the arch see of the Danish Church from 1104 onwards. The legendary was probably not penned in Lund, though, but in Northern France, as indicated by its selection of saints:

30 January: Aldegunde of Maubeuge

3 February: Celerinus of Carthage (epistola Cypriani)

17 February: Silvinus of Auchy

6 September: Humbertus of Maroilles

7 September: Regina of Alise

8 September: Adrianus of Nicomedia

9 September: Audomarus (Omer) of Thérouanne

9 September: Gorgonius and Dorotheus of Nicomedia

22 September: Emmeram of Regensburg

22 September: Sadalberga of Laon

———

Gaufridus (Geoffrey of Auxerre: De colloquio Simonis cum Iesu)

Typical for the scribe is a round and pleasant style, you may notice the round d, the lobe of the a, the shape of the t and the shape of the ampersand. The scribe is highly recognizable, so if more fragments turn up, most likely in the Danish National Archives, he will certainly be recognized.

Oslo, NRA; lat. fragm. 6,1 (cropped). Photo: Åslaug Ommundsen

 

Lund University Library, fragm. 9 (cropped). Photo: Bengt Melliander

In the case of this legendary, Vitae 3, the evidence takes us from archival bindings from Bergen to Copenhagen and from Copenhagen to Lund in the early modern period. The manuscript tells an additional geographical tale, namely that of a manuscript travelling from Northern France to Lund, possibly a result of personal connections. Since a manuscript like this legendary could be relevant for so many, hardly restricted to Norway or Scandinavia, the internet is the obvious place to put it.

For us, the purpose of fragment.uib.no was to find the simplest way possible to make a virtual manuscript where you could leaf through the pages. This way of doing it is but one option. Whatever tools people find and apply, the important thing is that fragments are getting the attention they deserve.

A more detailed account of the reconstruction of Vitae 3 is available in Åslaug Ommundsen, “Danish fragments in Norway and their connections to twelfth-century Lund” in Nordic Latin Manuscript Fragments. The Destruction and Reconstruction of Medieval Books, ed. Å. Ommundsen and T. Heikkilä (London and New York: Routledge, 2017) p. 184-220.

For more about Norwegian fragments, see Espen Karlsen (ed.), Latin Manuscripts of Medieval Norway. Studies in Memory of Lilli Gjerløw (Oslo: Novus forlag, 2013)

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Piece by Piece: Fragments in the Digital Ages

In the past couple of years research on fragments has been more intense than ever. Projects, blogs, books, and conferences have been devoted to left-overs from manuscripts re-used by bookbinders as well as to manuscripts that were cut up and sold as single leaves by book dealers. To facilitate this research the scholarly network Fragmentarium (University of Fribourg, Switzerland) wants to provide an international and interdisciplinary research environment.

During the 2017 International Medieval Congress in Leeds the Austrian National Library  therefore organised two sessions and a round table discussion on the topic of medieval manuscript fragments. All talks presented in these sessions by scholars from Austria, Germany, Switzerland, Norway and the US will be posted here in the next couple of weeks.

Session I – a summary of which was posted by Sébastien Barret in a report from Leeds on  the Mittelalter Blog.

Too Many Books: Cataloguing Fragments in the Austrian National Library
Katharina Kaska, Sammlung von Handschriften und alten Drucken, Österreichische Nationalbibliothek, Wien

Norwegian Book Fragments and the Internet
Åslaug Ommundsen, Institutt for lingvistiske, litterære og estetiske studier, Universitetet i Bergen

Fragmentarium: Challenges in Digital Fragmentology
Veronika Drescher, Institut d’études médiévales, Université de Fribourg

Session II:

Fragmented Theology: Texts from 12th-Century Manuscript Fragments
Christoph Egger, Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Universität Wien

Gibt es einen Erkenntnisgewinn durch (liturgische) Fragmente?: Das Beispiel der Handschriftenfragmente aus dem Historischen Staatsarchiv Königsberg in Berlin
Anette Löffler, Independent Scholar, Threna

Discoveries in the Details: Cataloguing in situ Manuscript Fragments in Incunabula
Ruth Mullett, Medieval Studies Program, Cornell University

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Lambeciana

Im Oktober 1662 übersiedelte der hochverschuldete Hamburger Gelehrte Peter Lambeck[1] endgültig nach Wien und trat eine Stelle als „Historiographus und Vice-Bibliothecarius“ in der kaiserlichen Hofbibliothek an.

Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Sondersammlungen, P 22 : L 4-5 (CC BY-SA 4.0)

Seine umfangreiche Bibliothek hatte er, vielleicht als Pfand für seine Schulden, in der Hansestadt zurücklassen müssen. Verkaufsverhandlungen zogen sich hin; schließlich gelang es Lambeck (seit 1663 kaiserlicher Bibliothecarius), die Büchersammlung für 2300 Gulden seinem Dienstherren Kaiser Leopold I. zu verkaufen und sie damit zu einem Bestandteil der Hofbibliothek zu machen. Die Bücher wurden in 20 Kisten verpackt und über Leipzig nach Wien transportiert. Im April 1667 waren Bibliothekar und Bibliothek wieder vereint. Lambecks Büchersammlung besteht zum überwiegenden Teil aus Drucken, aber auch aus einigen Handschriften. Ein vierbändiger Katalog, geordnet nach Format und dann jeweils in Sachgruppen gegliedert, erschließt die Sammlung und erlaubt die Identifikation der heute noch in der Österreichischen Nationalbibliothek vorhanden Bände[2].

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 13507: Vorderdeckel und f. 3r

Eine Reihe von mittelalterlichen Handschriften aus Lambecks Besitz nennt bereits Hermann Menhardt in der Einleitung zu seinem „Verzeichnis der altdeutschen literarischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek“[3]. Weitere Bände sind im Online-Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek nachgewiesen. Wenn man die – oft sehr detaillierten – Einträge in Lambecks Katalog als Grundlage nimmt, lassen sich aber ohne große Mühe noch weitere Bände feststellen. Im Folgenden sollen dafür drei Beispiele gegeben werden.

Unter den Theologici in Folio beschreibt Lambeck ein manuscriptum in charta, das den Bußpsalmenkommentar Papst Innocenz III. und die Testamenta XII patriarcharum in der Übersetzung des Robert Grosseteste enthält. Ein Zusatz zur Beschreibung teilt mit, daß auf der ersten Seite der Handschrift folgende Eintragung zu lesen ist: Honorabilis vir dominus Andreas Steenbeke de Lentze, perpetuus vicarius in capella Sancti Spiritus Hamburgensis, donavit hunc librum in suo testamento ad lecturam doctoralem pro animae suae salute. Qui obiit anno Domini MCCCC° LXXV feria quarta secundo [sic!] mane post dominicam Cantate post Pasca. Requiescat in pace.

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 13507, f. 7v-8r

Aufgrund dieser Angaben läßt sich sofort der Cod. 4620 der Österreichischen Nationalbibliothek identifizieren, auf dessen f. 1r sich tatsächlich der zitierte Eintrag findet – und Lambecks Lesung secundo mane in das tatsächlich zu erwartende summo mane berichtigt werden kann[4].

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 4620, f. 1r

Die durch das Testat des Andreas Steenbeke begünstigte Institution ist die „Lectura doctoralis“, eine 1408 durch den Kanoniker Johannes Vritze im Hamburger Domkapitel gestiftete Pfründe, deren Inhaber mit der Erteilung von theologischem Unterricht beauftragt war. 1430 wurde dieser Pfründe eine zweite mit entsprechender Aufgabe hinzugefügt[5]. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts erhielten diese Pfründen durch Schenkungen und Nachlässe umfangreichen Buchbesitz, der zum Teil durch Urkunden und Inventare dokumentiert ist – eine erhaltene Handschrift ist hingegen bisher nicht bekannt gewesen[6]. Auch das Testat des Andreas Steenbeke ist in einem Inventar erwähnt: Dominus Andreas Stenbeke, vicarius capelle sancti spiritus, pro sui memoria dedit quendam librum in asseribus ligatum, cum albo coreo coopertum, continentem expositiones Innocentii super Psalmos penitenciales septem[7].

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 4620

Da über das nachmittelalterliche Schicksal der den beiden Lecturae zuzuordnenden Buchbestände nichts bekannt ist[8], gibt es auch wenig Anhaltspunkte zur Beantwortung der Frage, wie Lambeck in den Besitz des Bandes gelangt ist.

Das selbe gilt für einen Band, der in Lambecks Bibliothekskatalog beschrieben ist als Pauli de Sancta Maria ex Iudae Episcopi Burgensis in Hispania, Scrutinium Scripturarum in duas divisum partes, quorum prior Colloquium Sauli et Pauli, posterior autem Colloquium Discipuli et Magistri Continet. Manuscriptum in Charta. Wesentlich ist die erläuternde Hinzufügung, die den Explicit-Vermerk des Codex zitiert: Explicit Dialogus, qui Scrutinium dicitur Scripturarum, compositus per Reverendissimum Patrem Dominum Paulum de Sancta Maria sacrae Theologiae eximium Professorem ac Burgensem Episcopum; et finivit eum, priusquam [sic!] compleuit Additiones super Nicolaum de Lira Anno Domini 1434  /: h(oc) e(st) 1434 :/ anno aetatis suae 81. Fuit etiam praefatus Reverendissimus Dominus Paulus episcopus Serenissimi Regis Castellae et Legionis Archicancellarius, ex Iudaica gente natus. Et postquam Hebraicos Doctores et Scripturas plene noverat, in provecta aetate Christianus effectus, hunc Dialogum post Additiones, quas ad Apostillas Magistri Nicolai de Lira super utrumque Testamentum anno supradicto composuit, etiam perfecit[9]. Es handelt sich um das in Handschriften und frühen Drucken überaus häufig überlieferte, in Dialogform abgefaßte kontroverstheologische Werk Scrutinium Scripturarum des konvertierten Juden und späteren Bischofs von Burgos Paulus de Sancta Maria (gest. 1435)[10]. Allein die Österreichische Nationalbibliothek besitzt mit den Cod. 3658, 4141, 4148, 4573, 4867 und 15467 mindestens sechs Handschriften dieses Werkes. Von diesen ist nur Cod. 4141 bisher ohne nähere Angaben zur Provenienz. Das erste Blatt dieser Papierhandschrift, die mit einem Präfekteneinband von 1752 versehen ist und als einzigen Text das Scrutinium enthält, fehlt, so daß der Text im Prolog des Werkes einsetzt.

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 4141, f. 1r

Interessant ist aber vor allem der Schluß des Textes auf f. 279v. Hier findet sich der Explicit-Vermerk im selben Wortlaut, wie ihn Lambecks Katalog wiedergibt, wobei der Text in zwei durch einen Handwechsel unterschiedene Teile geteilt ist.

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 4141, f. 279v

Für eine Identifizierung des Manuskripts mit dem von Lambeck beschriebenen wäre die Übereinstimmung mit dem ersten Teil des Explicit-Vermerks allein noch kein ausreichender Beleg: der Text Explicit dialogus qui scrutinium dicitur scripturarum compositus per reuerendissimum patrem dominum Paulum de sancta Maria sacre theologie eximium professorem ac Burgensem episcopum et finiuit eum postquam compleuit additiones super Nicolaum de Lira Anno domini 1434o anno etatis sue 81 ist wohl als Bestandteil der Überlieferung anzusehen, denn er findet sich weitgehend gleichlautend auch in anderen Handschriften und Inkunabeldrucken des Werkes[11]. Eine vielleicht etwas später zu datierende Hand hat den Explicit-Vermerk um weitere Angaben zur Biographie des Autors und zur Bedeutung des Werkes ergänzt: Fuit autem prefatus reuerendissimus dominus Paulus episcopus serenissimi Regis Castelle et Legionis archicancellarius, ex iudaico genere natus, et postquam hebraicos doctores et scripturas plene nouerat in prouecta etate christianus effectus hunc dialogum post additiones suas ad postillas magistri Nicolai de Lira super utrumque testamentum anno supradicto composuit et perfecit. In quo verus intellectus omnium scripturarum et prophetarum inuenitur saltem(??) in illis passibus in quibus fides catholica fundatur, de quo semper Deo gratias. Abgesehen vom letzten Satz findet sich dieser Zusatz wörtlich auch in Lambecks Beschreibung der Handschrift in seinem Bibliothekskatalog. Es ist daher zu vermuten, daß in Cod. 4141 das Exemplar aus Lambecks Besitz vorliegt. Leider finden sich in der Handschrift keine Hinweise auf mittelalterliche Vorbesitzer – vielleicht befanden sich diese auf dem nun fehlenden ersten Blatt.

Einen klaren Hinweis auf mittelalterliche Vorbesitzer enthält hingegen Cod. 5140. Auf dem ersten Blatt der Handschrift, die Texte aus dem Umkreis des Konzils von Konstanz enthält,  steht nicht nur am unteren Rand ein Besitzvermerk der Kartause Stettin, sondern es wird auch der Name des Schenkers genannt: Liber Carthusiensium prope Stettinum quem dedit dominus Iohannes Zasse. Am oberen Rand, über dem Beginn des Textes, hat dieser auch (wohl) selbst seinen  Namen eingetragen: Liber domni Iohannis Sassen.

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 5140, f. 1r

Die Identität von Cod. 5140 mit dem in Lambecks Katalog beschriebenen Band ist wieder durch die Übereinstimmung der Angaben gesichert (auch wenn Lambeck Sasses Vornamen versehentlich als Iob statt Iohannes gelesen hat). Sie wurde bereits durch einen modernen Forscher (vielleicht Hermann Menhardt?) festgestellt und mit Bleistift am Rand des Manuskripts notiert. Die Herkunft des Bandes aus der Stettiner Kartause findet sich derzeit in keinem der Repertorien von Sigrid Krämer vermerkt[12].

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 13507, f. 12r

Nicht ohne Reiz ist die in Lambecks Bibliothekskatalog zum nächsten Titel am Rand eingetragene Bewertung eines Benützers wohl des 18. Jahrhunderts. Das Buch, das hier mit einem vernichtenden Pestilens author abgetan wird, ist der erste Band des vierbändigen  Examen Concilii Tridentini des protestantischen Theologen Martin Chemnitz, erschienen 1578 in Frankfurt am Main (VD16 C 2170). Auch dieses Buch ist erhalten geblieben; es ist heute im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek unter der Signatur 21.E.26 aufgestellt; auf dem Titelblatt findet sich der eigenhändige Besitzeintrag des 1662 zum Katholizismus konvertierten Petrus Lambeck.

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 21.E.26 Bd. 1, Titelblatt

Daß eine weitere Beschäftigung mit Lambecks Bibliothekskatalog noch interessante Ergebnisse zutage fördern wird, ist sicher; solche werden gegebenenfalls im Iter Austriacum veröffentlicht werden.


[1]
Gebhard König, Art. „Lambeck, Peter“, in: Neue Deutsche Biographie Bd. 13 (1982) 426f. (Online); GND.

[2] Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 13507 (Bücher in 2°), Cod. 13508 (Bücher in 4°), Cod. 13509 (Bücher in 8°), Cod. 13510 (Bücher in 12°).

[3] Hermann Menhardt, Verzeichnis der altdeutschen literarischen Handschriften der österreichischen Nationalbibliothek (Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin – Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Sprache und Literatur 13, Berlin 1960-1961), hier Bd. I S. 16 und Index s.v. „Lambeck, Peter“, Bd. III S. 1595.

[4] Da die Abschrift von Innocenz‘ Bußpsalmenkommentar mit 28. Oktober 1407 datiert ist, ist die Handschrift auch erwähnt in: Die datierten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek von 1401 bis 1450. Beschr. v. Franz Unterkircher (Katalog der datierten Handschriften in lateinischer Schrift in Österreich 2, Wien 1971) 106, online hier.

[5] Eduard Meyer, Geschichte des Hamburgischen Schul- und Unterrichtswesens im Mittelalter (Hamburg 1843) 60-105 (online hier).

[6] Sigrid Krämer, Handschriftenerbe des deutschen Mittealters (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband 1, München 1989) Bd. 1, 315-318 kennt die beiden Lecturae als buchbesitzende Einrichtungen gar nicht; in der Online-Datenbank Sigrid Krämer, Scriptores possessoresque codicum medii aevi. Datenbank von Schreibern und Besitzern mittelalterlicher Handschriften (Augsburg 2003-2012) ist zwar Andreas Steenbeke mit dem Cod. 4620 nachgewiesen, aber die Verbindung zu den Lecturae nicht hergestellt; die Online-Datenbank Sigrid Krämer, Bibliothecae codicum medii aevi. Versuch einer Rekonstruktion mittelalterlicher Bibliotheken in Europa nach dem heute noch vorhandenen Handschriftenbestand. Datenbank mittelalterlicher Bibliotheken und ihrer Handschriften in Deutschland und anderen Ländern Europas. Handschriftenbibliotheken des europäischen Mittelalters (Augsburg 2010) erwähnt zwar unter dem etwas irreführenden Sammeltitel „Hamburg, Universität“ (eine Universität gab es in Hamburg erst ab 1919) aufgrund der urkundlichen Dokumentation die beiden Lecturae, kennt aber keine erhaltenen Handschriften.

[7] Meyer, Geschichte 403.

[8] Meyer, Geschichte 73; und vgl. die Publikationen von Sigrid Krämer, wie Anm. 6.

[9] Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 13507, f. 10r-11r.

[10] Friedrich Stegmüller, Repertorium biblicum Bd. 4 (Madrid 1954) 194 Nr. 6328, Bd. 9 (Madrid 1977) 331 Nr. 6328; zur Inkunabelüberlieferung vgl. die Eintragungen im Gesamtkatalog der Wiegendrucke.

[11] So etwa als Schlußschrift in Basel, Universitätsbibliothek Cod. B.I.17 f. 372r; am Beginn des Textes in Graz, Universitätsbibliothek Cod. 679 und in München, BStB Clm 14308. Beispiele aus Inkunabeln: GW M29969, Exemplar München, BStB; GW M29971, Exemplar Wolfenbüttel HAB; GW M29976, Exemplar Darmstadt, ULB.

[12] Wie oben Anm. 6. Sie wird auch nicht erwähnt in Edward Potkowski, Die Schriftkultur der Stettiner Kartäuser, in: Bücher, Bibliotheken und Schriftkultur der Kartäuser. Festgabe zum 65. Geburtstag von Edward Potkowski. Ed. Sönke Lorenz, redigiert von Oliver Auge und Robert Zagolla (Contubernium 59, Stuttgart 2002) 165-193. Krämer verweist aber auf eine andere Handschrift, die Johannes Sasse der Stettiner Kartause geschenkt hat: Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ms. theol. lat. qu. 30 (Rose Nr. 543).

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Texttransfer und Buchaustausch – Netzwerke monastischer Handschriftenproduktion am Beispiel des Zisterzienserstifts Baumgartenberg in Oberösterreich

Im Mittelpunkt meines hier skizzierten Dissertationsprojekts[1] stehen die Handschriftenproduktion und der Bucherwerb des ehemaligen Zisterzienserstiftes Baumgartenberg (OÖ) im 12. Jahrhundert und seine Einbindung in  regionale und ordensspezifische Netzwerke. Durch ein Zusammenspiel von überlieferungsgeschichtlichen, paläographischen, kodikologischen und kunsthistorischen Methoden sollen Einblicke in die Interaktion ostösterreichischer Klöster im Hochmittelalter gegeben werden.

Die Baumgartenberger Handschriften

Das oberösterreichische Stift wurde 1141 als zweites Tochterkloster, nach Stift Zwettl (1138), von Heiligenkreuz gegründet und gehört damit der Filiation von Morimond an. Im Zuge der Aufhebung unter Joseph II. wurde der Baumgartenberger Bibliotheksbestand in die Studienbibliothek in Linz (heute OÖ Landesbibliothek) verbracht. Aus dem Gesamtbestand wählte die Hofbibliothek (heute Österreichische Nationalbibliothek) Handschriften und Drucke aus, die nach Wien überführt werden mussten. Der Großteil der etwa 70 bisher bekannten mittelalterlichen Baumgartenberger Handschriften teilt sich noch heute auf diese beiden Bibliotheken auf. Zur Abgrenzung der frühesten Handschriften, die die die Grundlagen der Untersuchung bilden, dient eine Bücherliste aus der Zeit um 1200, die den damaligen Bestand der Bibliothek von 96 Bänden, unter ihnen 71 nicht-liturgische, wiedergibt (MBKOE 5 1971).  Von diesen lassen sich nach derzeitigem Stand der Forschung noch 33 nachweisen.

Schriftproduktion und Bibliothek von Baumgartenberg können nicht isoliert betrachtet werden. Für jede Handschrift, die im Stift kopiert wurde, ist eine Vorlage nötig, jeder Zuwachs von außen hat einen Herkunftsort. Auf welche Netzwerke konnte Baumgartenberg zurückgreifen, um sich die benötigten Texte zu verschaffen?

Woher kommen die Handschriften und Schreiber?

Im Zisterzienserorden mit seinem Filiationsystem können bei der Neugründung eines Klosters und der Ausstattung der dortigen Bibliothek sowohl das Mutterkloster als auch schon existierende Tochterklöster eine wichtige Rolle spielen. So hat etwa Bellevaux, die erste Tochtergründung von Morimond, der Neugründung Heiligenkreuz ihre vierbändige Abschrift der Moralia Gregors des Großen übergeben (HAIDINGER-LACKNER 2015). Auch für Baumgartenberg lässt sich mindestens in einem Fall ein derartiger Übertrag nachweisen: ÖNB Cod. 726 stammt sowohl in Schrift als auch Ausstattung aus dem Skriptorium Heiligenkreuz.

Häufiger sind jedoch die Beispiele, bei denen die Handschriften nicht eindeutig einem Skriptorium zugeordnet werden können. So finden sich etwa in ÖNB Cod. 706 Schreiberhände, die in mehreren Heiligenkreuzer Handschriften auftreten, zusammen mit einem Schreiber, der in einer weiteren Baumgartenberger Handschrift nachweisbar ist, und zwei sonst unbekannten Händen. Könnte diese Handschrift unter Mithilfe Heiligenkreuzer Schreiber in Baumgartenberg entstanden sein? Einen Hinweis darauf bietet der Text. Diese Baumgartenberger Kopie der Augustinus zugeschriebenen Sammlung De verbis domini kann einer oberösterreichischen Überlieferungsgruppe zugeordnet werden (DE CONINCK 2006). Eine Überprüfung des Heiligenkreuzer Exemplars Heiligenkreuz Cod. 75 zeigt, dass dieser Codex einem anderen Ast des Stemmas zuzuordnen ist und kaum die Vorlage der Baumgartenberger Handschrift sein kann. Bei einer Entstehung von ÖNB Cod. 706 in Heiligenkreuz wäre anzunehmen, dass das im Stift vorhandene Exemplar als Vorlage verwendet worden wäre.

Dieses Beispiel zeigt den Mehrwert, den eine Verbindung aus paläographischer und philologischer Untersuchung zur Erforschung von Überlieferungswegen bringt. Problematisch ist jedoch für diesen Ansatz die geringe Anzahl an Untersuchungen zu österreichischer Skriptorien im Hochmittelalter. Zwar leistet Alois Haidinger auf seiner Website www.scriptoria.at bahnbrechende Arbeit, bis zu einer flächendeckenden Aufarbeitung aller wichtigen Zentren der Buchproduktion werden jedoch noch Jahrzehnte vergehen. Gelingt daher die Schriftzuweisung (noch) nicht, müssen, neben der allenfalls vorhandenen Ausstattung, die in vielen Fällen bereits untersucht wurde[2], vor allem die Texte Hinweise zu Abhängigkeiten liefern.

Woher kommen die Texte?

Lange Zeit wurde eine absolute Zentralisierung aller Zisterzienserklöster vor allem in liturgischen Bereich durch die Vorgabe eines Normexemplars angenommen. In diesem Zusammenhang ging man auch von einer Textüberlieferung entlang der Filiationslinien aus. Für manche Texte und Überlieferungsgruppen ist dies tatsächlich nachweisbar (siehe etwa LECLERCQ 1966). Für Ostösterreich zeigen bisherige Untersuchungen an Einzelbeispiel aber auch die Bedeutung des lokalen Austausches zwischen benachbarten Klöstern unterschiedlicher Orden. Auf ein besonders illustratives Beispiel für die Verbreitungswege eines neuen Textes weist Dominique Poirel für den Kommentar Super Hierarchiam Dionisii von Hugo von St. Victor hin (zuletzt POIREL 2015). Deutlich zeigt sich ein Weg des Textes über die Zisterzienser aus Frankreich nach Heiligenkreuz (siehe dazu KASKA 2014), von dort in die niederösterreichischen Klöster Göttweig, Zwettl und Klosterneuburg und über eine verlorene Zwischenstufe dann in die steirischen Klöster Admont, Seckau und Rein. Der Text kam also entlang der zisterziensischen Filiationslinie nach Österreich, um sich dort entlang lokaler Routen ohne Rücksicht auf Ordensgrenzen zu verbreiten. Generell sind die Texte der Frühscholastik und besonders die Werke Hugos von St. Victor lohnende Untersuchungsobjekte für die Textausbreitung im österreichischen Raum, wie Christoph Egger bereits mehrfach gezeigt hat (EGGER 2009, 2014). Aus der  Baumgartenberger Bibliothek bietet sich ein anderer, weit seltener kopierter Text für die Untersuchung der Netzwerke in Österreich an: die Übersetzung des Cerbanus von Maximus‘ Confessor De caritate. Entstanden in Ungarn in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, verbreitete sich der Text fast ausschließlich in Österreich und seinem Grenzland und vor allem in den Jahrzehnten nach seiner Entstehung. Auch hier lässt sich eine steirische Überlieferungsgruppe abgrenzen. Die Ausbreitung in den nieder- und oberösterreichischen Klöstern ist Thema meines Vortrags bei Medialatinitas 2017 –  International Medieval Latin Congress im September 2017. Als Erweiterung zu den philologischen Untersuchungen werde ich dabei auch einen weiterer Aspekt behandeln, der Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Handschriften und damit auf Netzwerke geben kann: der Überlieferungszusammenhang, d.h. Ähnlichkeiten in der Zusammenstellung kleinerer Texte zu einer Handschrift.

Erste Hinweise durch Textzusammenstellungen

Für den Baumgartenberger Bestand bietet es sich an, einerseits allgemeine Textzusammenstellungen zu untersuchen, andererseits genauer auf Legendare einzugehen, die unter den erhaltenen Bänden relativ stark vertreten sind.

Neben der eben erwähnten Cerbanusübersetzung, die häufig zusammen mit so unterschiedlichen Texten wie Notker Balbulus De viris illustribus oder Cassiodorus De anima überliefert wird, ist der bereits erwähnte ÖNB Cod. 726 ein besonders augenfälliges Beispiel für die Überlieferung ganzer Textzusammenstellungen. Er umfasst viele kleinere Werke des (Pseudo)Hieronymus ebenso, wie Exzerpte aus Eucherius von Lyon oder Isidor. In fast identischer Form findet sich diese Sammlung zur selben Zeit in vielen anderen österreichischen Klöstern wie Heiligenkreuz, Admont oder Göttweig und wird noch bis ins 15. Jahrhundert kopiert.

Bei Legendaren kommt potentiell zur gemeinsamen Textüberlieferung noch der Aspekt der Verehrung bestimmter Heiliger hinzu, die einen Hinweis auf das Zugehören von Baumgartenberg zu monastischen Netzwerken geben kann. In textlicher Hinsicht ist aus der germanistischen Forschung hinlänglich bekannt, dass OÖLB Cod. 473 inhaltlich exakt einem Teil von Cod. 49 des Baumgartenberger Schwesterklosters Zwettl entspricht. Erste Untersuchungen der Zusammenstellung im Rahmen der Katalogisierungsarbeiten in Heiligenkreuz durch Alois Haidinger und Franz Lackner weisen zusätzlich auf die Entwicklung des heutigen Konvolutes aus kleineren Sammlungen hin. Noch ganz am Anfang steht meine Beschäftigung mit OÖLB Cod. 422, einem weiteren, umfangreichen Legendar aus Baumgartenberg. Der Band überliefert mit der Vita und den Miracula des heiligen Koloman lokale Texte ebenso wie Texte zu Heiligen, deren Verehrungszentren in keiner direkten Verbindung zu Baumgartenberg zu stehen scheinen. Für eine eingehende Untersuchung der Überlieferung von Vitae und Passiones im Stift allgemein, kann zu den fünf in Linz aufbewahrten, einschlägigen Handschriften vielleicht auch Cod. 189 des Schottenstiftes hinzugezogen werden, der sicher in Baumgartenberg entstanden ist.

Die Indizien aller eben genannten Untersuchungsmethoden zusammen mit den Erkenntnissen aus der Kunstgeschichte werden in meiner Arbeit zusammengetragen, um den frühen Bibliotheksaufbau von Baumgartenberg zu verstehen. Gleichzeitig soll die Arbeit erste Einblicke in Handschriftentransfer und Buchaustausch zwischen österreichischen Klöstern des 12. Jahrhunderts und damit in die Verbreitung von Texten und Ideen geben.

Literatur

DE CONINCK 2006: La tradition manuscrite du recueil De Verbis Domini jusqu’au XIIe siècle. Prolégomènes à une édition critique des Sermones ad populum d’Augustin d’Hippone sur les évangiles (serm. 51 sqq.). With an English summary and a new critical edition of serm. 52, 71 and 112, Hg. Luc De Coninck, B. Coppieters ‚t Wallant, R. Demeulenaere (Turnhout 2006).

EGGER 2009: Christoph Egger, Viktorinische Exegese in Süddeutschland und Österreich im 12. und 13. Jahrhundert, in: Bibel und Exegese in der Abtei Saint-Victor zu Paris. Form und Funktion eines Grundtextes im europäischen Rahmen, Hg. Rainer Berndt (Corpus Victorinum, Instrumenta 3, Münster 2009) 539-555.

EGGER 2014: Christoph Egger, Neue Überlieferungen theologischer Texte der Frühscholastik in österreichischen Bibliotheken (Schule von Laon, Abaelard), in: MIÖG 122 (2014) 99-106.

HAIDINGER-LACKNER 2015: Alois Haidinger – Franz Lackner, Die Bibliothek und das Skriptorium des Stiftes Heiligenkreuz unter Abt Gottschalk (1134/1147) (Codices Manuscripti et Impressi, Supplementum 11, Purkersdorf 2015).

LECLERCQ 1966: Jean Leclercq, Les Sermons de Bernard sur le psaume „Qui habitat“. In: Recueil d’études sur saint Bernard et ses écrits II, Hg. Jean Leclercq (Rom 1966) 3-18.

KASKA 2014: Katharina Kaska, Untersuchungen zum mittelalterlichen Buch- und Bibliothekswesen im Zisterzienserstift Heiligenkreuz (ungedr. Masterarbeit, Universität Wien, Wien 2014). Online

MBKOE 5 1971: Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs Bd. 5: Oberösterreich, Hg. Herbert Paulhart (Wien-Köln-Graz 1971).

POIREL 2015: Hugonis de Sancto Victore Super Ierarchiam Dionisii, Hg. Dominique Poirel (CCCM 178,  Turnhout (2015).

[1] Das Projekt wurde zwischen 2013 und 2015 durch das UniDocs Förderprogramm der Universität Wien gefördert

[2] Für Baumgartenberg sei hier etwa auf die bereits erschienenen Kataloge illuminierter Handschriften für die Bände in der ÖNB verwiesen, sowie auf die laufende Aufarbeitung der illuminierten Handschriften in der OÖLB durch Katharina Hranitzky.

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Hilarius oder Augustinus? ÖNB Cod. 2160* im 18. Jahrhundert

Im Rahmen der Ausstellung „Handschriften und Papyri: Wege des Wissens“ im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek besteht noch für etwa zwei Monate die Möglichkeit den Hilarius-Papyruscodex der ÖNB, die einzige einigermaßen vollständige Papyrushandschrift Österreichs, und alle einst der ehemaligen Sammelhandschrift zugehörigen Handschriften(fragmente) zu sehen. In meinem Katalogbeitrag gehe ich näher auf das Schicksal des Bandes in der frühen Neuzeit ein, um zu zeigen, wie sich die Nutzung und Einschätzung der Handschrift im Laufe der Jahrhunderte änderte. Da in den kurzen, für ein breiteres Publikum gedachten Aufsatz nicht alle Details aufgenommen werden konnten, soll dieser Blogbeitrag einige zusätzliche Informationen zur Geschichte der Handschrift im 18. Jahrhundert liefern.

Wie bereits in einem vorangehenden Blogbeitrag beschrieben, war die Papyrushandschrift aus Hilarius, De Trinitate (6. Jh., heute ÖNB Cod. 2160*, mit Digitalisat) ursprünglich mit einer Abschrift der Paulusbriefe in Beneventana (10. Jh., heute ÖNB Cod. 903) zusammengebunden. Als Falzstreifen für den Papyrusteil wurden Streifen aus zwei Handschriften des 5. Jahrhunderts verwendet (heute ÖNB Cod. 1, mit Digitalisat), im Deckel französische Fragmente aus dem 14. Jahrhundert (heute ÖNB Cod. ser. n. 242, mit Digitalisat)[1]. Gesichert ist, dass der Band in dieser Form etwa 1799/1800 in die Hofbibliothek gekommen ist. Jedoch schon vor der Eingliederung in die Bibliothek muss die Handschrift der Wissenschaft zugänglich gewesen sein.  In den Beständen der ÖNB findet sich eine unvollständige Abschrift des Papyrusteils sowie paläographische Untersuchungen, die beide von Josef Benedikt Heyrenbach verfasst wurden (siehe diesen Blogbeitrag). Der Historiker und Hilfswissenschafter Heyrenbach, ein ehemaliger Jesuit, trat 1773 in den Dienst der Hofbibliothek und blieb dort bis zu seinem verfrühten Tod im Jahre 1779. In welchem Zusammenhang er die Möglichkeit hatte, die Handschrift genau zu studieren, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen (für einen Hinweis siehe weiter unten im Text). Sicher ist, dass der Band damals noch nicht Teil des Bestandes der Hofbibliothek war.

Nur der vorletzte Schritt des Weges der Handschrift in die heutige ÖNB ist bisher schriftlich belegbar: Im Februar 1799 übersandte Kaiser Franz II. den Sammelband zur Schätzung seines Wertes an Gottfried van Swieten, den Präfekten der Hofbibliothek (ÖNB Archiv, HB 664/1799) mit den Worten Sollten Sie dasselbe [Manuskript] von einem Werthe, und für die Hofbibliothek geeignet finden, so haben Sie solches dahin abzugeben, widrigenfalls aber mir wieder zurückzustellen, und in jedem Falle ihr Gutachten zu erstellen, was dieses beiläufig an Geld werth seyn mag.

Das erwünschte Gutachten, das ebenfalls in der eingangs genannten Ausstellung zu sehen ist, erstellte der erste Kustos der Hofbibliothek, der ehemalige Jesuit Michael Denis (ÖNB Archiv, HB 665/1799). Denis, der große Erfahrung in der Handschriftenbearbeitung hatte und an einem Katalog der theologischen Handschriften der Hofbibliothek arbeitete, führte penibel die positiven und negativen Aspekte des Bandes an (fol. 1r):

Der Codex hat für sich, daß er größtentheils auf ägyptischem Schilfpapiere, und zwar bereits vor der Mitte des  V. Jahrhundertes geschrieben worden ist. Er hat wider sich, daß er nichts Ungedrucktes, nichts Ganzes, sondern nur Bruchstücke der XII Bücher des Hilarius Pictav. de S. Trinitate, und ein Fragment, welches erst noch zu untersuchen wäre, dann die Epistolas Pauli Apost. ebenfalls gestümmelt enthält, und dabey nicht wenig schadhaft, verwittert, von Insecten angestochen, folglich hier und dort bereits beynahe unlesbar ist.

An zwei Stellen irrt Denis: die Handschrift stammt nicht aus dem 5., sondern aus dem 6. Jahrhundert und nicht alle enthaltenen Texte sind bereits gedruckt. Das Fragment, das seiner Meinung nach noch untersucht werden muss, ist ein unikal überlieferter Text gegen den Arianismus, den Denis selbst in seiner Katalogbeschreibung der Handschrift zum ersten Mal abdruckt. Der Fehler in der Datierung entstand dadurch, dass Denis jenen Dulcitius, der die Handschrift korrigiert, für den gleichnamigen nordafrikanischen Tribun hielt, für den Augustinus unter anderem das Werk De octo quaestionibus schrieb (um 425).

Nach dieser umfänglichen Kritik an der Handschrift fuhr Denis in seinem Gutachten fort (fol. 1v):

Nichtsdestoweniger im Betrachte, daß die Hofbibliothek äußerst wenige Cimelien von seinem so hohen Alter besitzet, und durch dieses Stück in den Besitz eines Codexes auf Schilfpapiere käme, den sie bisher auf die Fragen besuchender Kenner immer verneinen mußte, glaubet der Unterzeichnete, daß es zu ihrem Vortheile gereichen würde, wenn sie diese äußerste Seltenheit um den Preis von 100 Speciesducaten an sich bringen könnte.

Ob es tatsächlich so viele „besuchende Kenner“ gab, die nach einer Papyrushandschrift fragten, sei dahingestellt. Deutlich wird allerdings, dass Denis die Handschrift jedenfalls für die Bibliothek haben möchte. So überrascht auch seine Zusammenfassung nicht:

Ich bitte I(hre) E(xzellenz) diesen Codex nicht entgehen zu lassen. Er wird eine Zierde der bibliothek seyn und in Ihrer Verwaltung Epoche machen.

In seinem Antwortschreiben vom 26. Februar 1799 (ÖNB Archiv, HB 666/1799) übernimmt Gottfried van Swieten die Argumentation, und die Handschrift gelangte in der Folge tatsächlich in die Hofbibliothek.

Aus den eben beschriebenen Unterlagen geht nichts über die Herkunft der Handschrift hervor. Dazu schreibt Michael Denis 1799 in seinem Handschriftenkatalog: Vir nobilissimus, Familiae Caput, ad quam olim ex Italia adlatus hereditate transierat, Hero suo Augusto nuper obtulit. Anfang der 19. Jahrhunderts nennt Ignatius von Mosel dieses Familienoberhaupt beim Namen[2]: Camillo IV. Colloredo (1712-1797), Obersthofmeister der Erzherzogin Maria Anna und Geheimer Rat des Kaisers Franz II. in Wien. Die weit verzweigte Familie Colloredo stammte ursprünglich aus Friaul, sodass eine italienische Erbschaft nicht unwahrscheinlich scheint. Camillo IV. ist jedoch vor allem als Alleinerbe von Maria Josepha von Montecuccoli bekannt und damit unter anderem der Herrschaft Walpersdorf (NÖ). Dies schließt natürlich weitere Erbschaften nicht aus, die jedoch bisher noch nicht untersucht worden sind (zu den Familienverhältnissen siehe z.B. hier)[3]. Ein Indiz, dass Colloredo tatsächlich der Besitzer der Handschrift war, liefert der zu Beginn erwähnte Josef Benedikt Heyrenbach. In einem Konvolut paläographischer Notizen von seiner Hand (ÖNB Cod. 9492, näheres hier) heißt es auf fol. 2v: Collorediani Codicis note marginales. Dem Eintrag folgen keine Schriftproben, sodass nicht mit Sicherheit feststeht, dass er sich hier auf die Papyrushandschrift bezieht. Im gleichen Konvolut findet sich allerdings ein Quartheft mit einer großen Anzahl an exakten Umzeichnungen aus der Hilarius-Handschrift. Heyrenbach hat also vielleicht die Handschrift benutzt, als sie noch im Besitz Colloredos war.

ÖNB Cod. 9492 fol. 2v

Ebenso wenig gesichert wie der Schenker, ist auch der Empfänger des Bandes. Aus den Lebensdaten Colloredos kommen Josef II. (gest. 1790) Leopold II (gest. 1792) und Franz II. (gest. 1832) in Frage. Am wahrscheinlichsten ist nach bisherigen Erkenntnissen ein Geschenk Camillos IV. an Josef II., was jedoch nur durch weitere Archivrecherchen beweisbar ist (nähere Details hier).

Schon als Heyrenbach die Handschrift benutzte, war sie nicht mehr vollständig. Während der Großteil der fehlenden Blätter im Laufe der Jahrhunderte zugrunde gegangen sein mag, lassen sich zumindest drei vom Buchblock getrennte Folia heute noch nachweisen. Ein vollständiges Blatt findet sich in der Vatikanischen Bibliothek als Teil der 1902 erworbenen Barberini Bibliothek (Vat. Barb. Lat. 9916). Über die Geschichte des Blattes ist bisher nichts bekannt[4]. Die beiden anderen Blätter werden heute in Österreich aufbewahrt. Die ÖNB erwarb 1954 vom bekannten Schauspieler, Operettensänger und Regisseur Hubert Marischka (1882-1959) Bruchstücke zweier Blätter, die unter derselben Signatur wie der Hauptteil der Handschrift aufbewahrt werden (ÖNB Cod. 2160*)[5]. Auch über ihre Herkunft ist nichts bekannt. Auffällig ist jedoch die Aufschrift Ex libro S(ancti) Augustini. Manu propria.

Fragment von ÖNB Cod. 2160*

Sie scheint darauf hinzudeuten, dass das Papyrusstück als eigenhändig von Augustinus geschrieben interpretiert wurde. In ähnlicher Weise kann auch eine Beischrift eines weiteren Fragments verstanden werden. Das Stift St. Florian bewahrt unter der Signatur Cod. III. 15. B die obere Blatthälfte des eben beschriebenen Folium auf. Der Papyrus ist mit einem barocken Rahmen umgeben und mit Zierleisten geschmückt. Über dem Text ist ein Spruchband angebracht mit der Aufschrift Manuscriptum S(ancti) P(atris) Augustini Ep(iscopi) Conf(essoris).

Stiftsbibliothek St. Florian, Cod. III 15 B

Die beiden österreichischen Fragmente scheinen also im 18. Jahrhundert (?) als eine Art Reliquie des Kirchenvaters ausgegeben worden zu sein. Neben der Beischrift weisen darauf vor allem die scharfen Kanten des Wiener Fragmentes hin, die wohl durch Zerschneiden des Blattes und nicht durch Bruch entstanden und keine Rücksicht auf den Text nehmen. Ein Indiz für die Zielgruppe dieser Uminterpretation ist vielleicht die Provenienz des Stückes in St. Florian. Nach Auskunft des Stiftsbibliothekars Dr. Friedrich Buchmayr, der dankenswerter Weise auch das hier gezeigte Foto für mich anfertigte, findet sich im gedruckten Handschriftenkatalog des Stiftes der folgenden handschriftliche Nachtrag von Albin Czerny (1821-1900, Stiftsbibliothekar und Verfasser des Handschriftenkatalogs):

„Handschrift auf Papyrus; ein handbreiter Streifen, einst Eigenthum des Klosters Garsten. Von einem Domprälaten in Linz kam sie in die Hände des Pfarrers Franz Hagelmüller in Neuhofen bei Ried (Innkreis), von dem sie die Bibliothek St. Florian 1885 um 50 fl. erwarb. Fragment aus den Werken des heil. Augustinus.“

Nach Garsten muss das Blatt jedenfalls vor der Aufhebung des Stiftes 1787 gekommen sein. Ob der Rahmen mit der Beischrift in Garsten entstand oder schon früher, ist nicht zu entscheiden. Es ist jedoch anzunehmen, dass das Blatt eher nicht aufgrund paläographisch-historischer Interessen erworben wurde: eine vertiefte Beschäftigung mit den noch jungen Hilfswissenschaften ließ sich in Garsten bisher nicht feststellen. Auch bei den weiteren Besitzern scheint eine Erwerbung aus wissenschaftlichem Interesse weniger wahrscheinlich. Erst Albin Czerny erkannte wohl aufgrund seiner Erfahrung mit Handschriften den historischen Wert des Fragments. So beschreibt er es zwar unzutreffend als ein „Fragment aus den Werken des heil. Augustinus“, hält es aber keineswegs für ein Autograph. Heinrich Sedelmayer weist das Blatt schließlich 1903 der Wiener Handschrift zu[6].

Gern wüsste man mehr über die Umstände die zur Zerstückelung der Handschrift geführt haben. Vielleicht bringen gründlichere Archivrecherchen hier noch Ergebnisse oder es tauchen gar noch weitere Blätter des Codex in anderen Sammlungen auf.

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Josef Benedikt Heyrenbach (1738-1779) und der Wiener Hilarius-Papyruscodex

Schon vor der Eingliederung der Hilarius-Papyrushandschrift in den Bestand der Hofbibliothek, erregte der Band die Aufmerksamkeit eines rastlosen Forschers, dessen handschriftlichen Werke sich heute in der ÖNB befinden: Josef Benedikt Heyrenbach (1738-1779).

Heyrenbach[1], ein ehemaliger Jesuit und 1173-1179 Mitarbeiter der Hofbibliothek, war vielseitig interessiert. Er beschäftigte sich mit Handschriften ebenso wie mit Münzen, Landes- und Staatsgeschichte und Diplomatik[2]. Für die Hofbibliothek verfasste er einen Katalog der Handschriften der alten Univeristätsbibliothek[3], während er gleichzeitig für die Katalogisierung des kaiserlichen Münzkabinetts angefordert wurde. Mit nur 40 Jahren starb er studiis diu noctuque absque ulla moderatione incumbens[4] angeblich an Überarbeitung.  Mit der Hilarius-Handschrift beschäftigte er sich in zwei seiner hinterlassenen handschriftlichen Werke ausführlicher. Von besonderem Interesse für die Forschung ist seine Abschrift eines Großteils des Textes, die Rücksicht auf das originale Layout nimmt und auch die Glossen ausweist (ÖNB Cod. 9799). Sie bietet an einigen heute stärker beschädigten Stellen eine Ergänzung des Originals.

ÖNB Cod. 2160*, fol. 21r mit der Abschrift in ÖNB Cod. 9799, fol. 25r

ÖNB Cod. 2160*, fol. 21r mit der Abschrift in ÖNB Cod. 9799, fol. 25r

Weniger beachtet wurde bisher seine paläographische Beschäftigung mit der Handschrift. In ÖNB Cod. 9492 sind Schriftproben aus mehreren Jahrhunderten versammelt, die Heyrenbach aus verschiedenen, noch nicht vollständig identifizierten Vorlagen kopierte[5]. Besonders ausführlich sind seine Aufzeichnungen zu Beispielen der jüngeren römischen Kursive. Er ordnete dafür das gesamte Alphabet sowie Buchstabenkombinationen/Ligaturen übersichtlich in Tabellen an. Vereinzelt versucht er sich auch in der Anwendung der Schriften, wie die Einträge carta langobardica und carta bibliothecae vindobonensis auf fol. 2v der Handschrift zeigen[6].

ÖNB Cod. 9492, fol. 2v: Ausschnitte mit Schriftproben

ÖNB Cod. 9492, fol. 2v: Ausschnitte mit Schriftproben

In diesem Konvolut findet sich als fol. 89-119 ein Heft im Quartformat, das ausschließlich Schriftproben aus der Hilarius-Handschrift enthält, die damals noch ein Sammelband war (siehe diesen Blogeintrag). Zunächst kopierte er einzelne Buchstaben, Buchstabenkombinationen und Abkürzungen aus dem Haupttext in Halbunziale. Sorgfältig vermerkte er dabei die leichten Variationen der Einzelformen, in dem er die Zeichen aus mehreren Stellen in der Handschrift übertrug. Er nahm so z.B. 20 Exemplare des Buchstaben L auf, 21 von T und zahlreiche Varianten von Sonderzeichen.

ÖNB Cod. 9492, fol. 98r mit Beispielen für Einzelbuchstaben

ÖNB Cod. 9492, fol. 98r mit Beispielen für Einzelbuchstaben

Auf fol. 102 beginnen Abschriften von Überschriften, Marginalien und Nachträge im Codex in verschiedenen Schriftarten. Bemerkenswert sind dabei zum Beispiel die berühmten Einträge des Korrektors Dulcitius auf fol. 105.

Korrektorenvermerk ÖNB Cod. 2160*, fol. 21r und ÖNB Cod. 9492, fol. 105r

Korrektorenvermerk ÖNB Cod. 2160*, fol. 21r und ÖNB Cod. 9492, fol. 105r

Heyrenbachs Beobachtungsgabe zeigen die Kopien der Falzstreifen der Handschrift auf fol. 102, die Michael Denis bei seine Beschreibung nur wenig später offensichtlich übersah.  Heyrenbach malte buchstabengetreu einige Ausschnitte aus der Ulpian-Kopie aus dem 5. Jh. ab (ÖNB Cod. 1), die zum Teil damals noch etwas besser lesbar waren.

Ulpian-Fragment: ÖNB Cod. 1, fol. 8r und ÖNB cod. 9492, fol. 102r

Ulpian-Fragment: ÖNB Cod. 1, fol. 8r und ÖNB cod. 9492, fol. 102r

Eine Verschlechterung des Erhaltungszustandes der Handschrift zwischen dem 18. und 21. Jahrhundert lässt sich auch anhand der letzten Blätter in Heyrenbachs Konvolut feststellen. Hier deutet er an manchen Stellen die Bruchkanten der Papyrusblätter an. Die Verluste an den Rändern, an denen der Papyrus leicht abbrechen konnte, werden besonders auf fol. 119r deutlich, wo ein späterer Nachtrag in die Handschrift abgebildet ist. Teile der Buchstaben der ersten erhaltenen Zeilen waren zu Heyrenbachs Zeiten noch vollständiger, als dies heute der Fall ist. Die dunklen Stellen in der Handschrift stammen von einer Restaurierung in den 1970er Jahren[7].

Nachtrag ÖNB Cod. 2160*, fol. 2v und ÖNB Cod. 9492, fol. 119r

Nachtrag ÖNB Cod. 2160*, fol. 2v und ÖNB Cod. 9492, fol. 119r

Doch nicht nur die Analyse einzelner Buchstaben oder kurzer Textteile interessierte Heyrenbach. Ab fol. 113 kopierte er drei vollständige Seiten aus den zwei Texten der Handschrift, De Trinitate und Contra Arianos[8]. Dies erlaubte ihm, sowohl den Gesamteindruck der Schrift, als auch das Layout der Blätter zu übertragen und so ein Faksimile zu schaffen.

Vergleich zwischen ÖNB Cod. 2160*, fol. 97r und ÖNB Cod. 9492, fol. 113r

Vergleich zwischen ÖNB Cod. 2160*, fol. 97r und ÖNB Cod. 9492, fol. 113r

Es bleibt die Frage, wozu er diese ganzseitigen Abschriften anfertigte. Im Konvolut finden sich weitere vollständige paläographische Kopien, allerdings nicht von Handschriften sondern von urkundlichem Material. Man würde in diesem Zusammenhang am ehesten an Arbeitsmaterialien für seine hilfswissenschaftlichen Forschungen denken. Ein kleines Indiz, das vielleicht auf einen anderen Hintergrund hinweist, liefert das oben schon erwähnte fol. 119. Über der Kopie des Nachtrags in der Hilariushandschrift steht sorgfältig ausgeführt „tabula XVI“. Haben wir hier also die Vorlagen für eine angedachte Publikation vor uns? Ohne weitere Hinweise von Heyrenbachs Hand, lässt sich dies wohl nicht eindeutig klären.

ÖNB Cod. 9492, fol. 119r

ÖNB Cod. 9492, fol. 119r

[1] Josef Stummvoll, Geschichte der österreichischen Nationalbibliothek, Erster Teil: Die Hofbibliothek 1368–1922 (Wien 1968) 259f.

[2] 1774 erhielt er die Lehrbefugnis für Diplomatik an der Universität Wien und war damit der erste Lehrende für historische Hilfswissenschaften (Stummvoll (1968) 259-60).

[3] ÖNB Cod. ser. n. 2194-2196

[4] Stummvoll (1968) 259 mit Literatur, ebenso Constant von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich Bd. 8 (1962) 463; Zitat aus Johann Nepomumuk Stoeger, Scriptores provinciae Austriacae societatis Jesu (Wien 1856)  139.

[5] Die Blätter von ganz verschiedenen Formaten kamen wohl ungebunden in einem Umschlag in die Bibliothek, wo sie mit einem Einband versehen wurden. Dabei kam es zu Fehlern in der Blattfolge.

[6] Diese Einträge geben wohl Hinweise auf die Quellen der Schriftproben.

[7] Michael Fackelmann, Ein neuer Weg zur Wiederherstellung von Papyrus-Kodices: Die Restaurierung des Wiener Hilarius. Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 13 (1974) 187–194.

[8] Nicht immer sind jedoch die Marginalien vollständig übertragen.

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