Bibelkommentare aus der Frühzeit der Universität Wien (1384-ca. 1430) – Teil 1

Auf Bl. 288r der Handschrift ÖNB Cod. 4683[i] leitet Petrus Reicher de Pirchenwart seine kursorische Lektüre zum alttestamentlichen Buch des Propheten Baruch wie folgt ein: „Divino auxilio suffragente pro secundo meo cursu lecturus Baruch […] resumo thema meum in principio primo meo primo habitum.“ Die kursorische Vorlesung über die Bibel bildete für die mittelalterlichen Theologen den Einstieg in den Lehrbetrieb ihrer Universität. Dem ersten unterrichteten Kurs ging ein principium biblicum, eine Art von Predigt – Lobpreis der Bibelstudien (recommendatio Scripturae, in den Katalogen oft prolusio genannt) – voran. Das vom Lehrenden gewählte erste Zitat (thema) aus dem zu kommentierenden Bibelbuch bildete daraufhin einen roten Faden in der akademischen Karriere: es wurde in die zweite kursorische Bibellektüre, und sowohl in die Predigten, als auch in die Einleitungsvorlesungen eingegliedert, die der Vorlesung über die Sentenzen des Petrus Lombard (principia) vorangingen. Manche Theologen haben es sogar in ihre magistrale Schrifterklärung aufgenommen[ii]. Noch bis heute können wir Theologen entlang eines biblischen Satzes im Labyrinth der anonymen Texte folgen. Diese Blog-Aufzeichnung lädt zu einem solchen Labyrinth-Besuch der Bibelkommentare aus der Frühzeit der Universität Wien (1384-ca.1430) ein.

ÖNB Cod. 4683

„Baruch“ auf dem Signaturschildchen des ÖNB Cod. 4683 aus dem Collegium ducale

Die Akten der Theologischen Fakultät bilden die Hauptquelle zur Erforschung kursorischer Bibelvorlesungen; diese erwähnen in der Regel einen Theologen gerade durch die Zustimmung zu seinen kursorischen Lektüren zum ersten Mal. Die kursorische Vorlesung über die Bibel war doppelt gestaltet: sie musste über ein Buch des Alten Testaments und ein Buch des Neuen Testaments stattfinden, deren Reihenfolge nicht bestimmt war. Folgende Tabelle verzeichnet die in Wien stattgefundenen kursorischen Lektüren anhand der Akten der Theologischen Fakultät für die Periode von 1396 – Beginn der Aktenaufzeichnung – bis 1430[iii]:

Wiener-kursorische-Bibelkommentare

Die Akten bezeugen keine systematische Aufzeichnung beider biblischer Vorlesungen, und es fehlt schlechthin jegliche Aufzeichnung zu manchen Jahrgängen, wie 1398, 1413, 1418 und 1425. Doch sogar diese fragmentarische Liste zeigt die Vielfalt der kommentierten Bibelbücher[iv]. Die Auflistung zeigt auch, dass, obwohl die „Publikation“ der kursorischen Kommentare an sich einen bedeutenden Unterschied zur Praxis der Veröffentlichung von Bibelkommentaren im 14. Jahrhundert zeigt[v], die Überlieferung nicht sehr umfassend ist. Eine weitere Besonderheit Wiener Bibelkommentare zeichnet sich dieser Tabelle auch ab: der ab und zu zum Vorschein kommenden Vermerk „Autograf“: Wiener kursorische Bibelkommentare wurden oft eigenhändig geschrieben. Dass die eine oder die andere Handschrift ein Autograf ist, kann man nur anhand nachweisbarer autografer Handschriften beweisen. Im Falle der Wiener Theologischen Fakultät ist dies teilweise durch die Dekanatsakten[vi] möglich. Da nicht alle Bibelkommentatoren auch Dekane der Theologischen oder der Artistischen Fakultät gewesen sind, ist die tatsächliche Verbreitung der Autographen-Praxis kursorischer Bibelkommentare allerdings nicht mehr zu erfassen.

Manchmal sind Handschriftensammlungen hilfreicher als Fakultätsakten. Im Falle eines der ersten Wiener Theologen lässt sich die Aktivität des Bibelkommentierens anhand einer einzigen Handschrift nachvollziehen. Paul von Geldern hat über die Bibel in Wien vorgelesen, und seine Vorlesungen eigenhändig abgefasst, bevor noch die Dekane seiner Fakultät mit der Aktenaufzeichnung begonnen haben. Der Codex Erfurt, CA 2°173, der ein das ganze Studium umfassendes Werk des Wiener Theologen ist, und für die darin überlieferten principia und Sentenzenkommentare des Paul von Geldern bereits studiert wurde, enthält außerdem seine Bibelkommentare. Auf Bl. 23r-100r kommentiert Paul von Geldern das alttestamentarische Buch Jesaja. Im biblischen principium wählt er den Vers „Dedi te in lucem gentium“ als Leitmotiv, und nennt ihn später noch einmal in seinen principia zu den Sentenzen[vii]. Am Ende der Isaias-Vorlesung verweist Paul im Bruchstück einer Rede auf den Pariser Gebrauch, den die Wiener Universität neben anderen akademischen Traditionen übernommen haben muss: die Schlusspredigt (collatio regratiatoria) eines Kurses soll nach dem Heiligen lauten, dessen festlicher Vorabend (vigilia) es war. Die auf Bl. 102r-138r folgende Texteinheit, eine Bibellektüre zum neutestamentarischen Brief des Paulus an Timotheus ist die zweite kursorische Lektüre des Paul von Geldern. Schließlich, das auf Bl. 182r-245v zu findende Kommentar ist die hier fragmentarisch überlieferte, vielleicht nie zu Ende gelesene magistrale Schriftauslegung des Johannes-Evangeliums des Paul von Geldern[viii]. Die scheinbar bedeutungslose Tatsache, dass die zwei kursorischen Bibellektüren in der Handschrift aufeinander folgen, wird erst anhand einer genaueren Betrachtung der Überlieferung Wiener Bibelkommentare sichtbar: ein solches Aufeinanderfolgen ist in der Tat eine Regelmäßigkeit der Handschriftentradition.

Ein weiteres Beispiel nacheinander folgender Kommentare lässt sich in ÖNB Cod. 4508 finden. In dieser Sammelhandschrift stehen auf Bl. 73r-91r und 95r-140v zwei, teilweise eigenhändig von Johannes Gmunden geschriebene Kommentaren – oder Teile davon – zum Buch der Genesis (1415) und Jakobs kanonischen Briefen (1416). Während von der Vorlesung zur Genesis nur das principium erhalten blieb, ist der Briefkommentar vollständig, d.h. mit principium, Prolog und Kommentar überliefert[ix]. Beide principia zitieren denselben Vers: „Gloria Domini apparuit in nube“ (Gen 16,10). Heinrich von Köln OP hat beiden seiner Lobpredigte zur kursorischen Bibellektüre hinterlassen, obwohl sich die Akten auf die Erwähnung der ersten Vorlesung zur Genesis aus dem Jahr 1417 beschränken. Alle zur Bibel und zugleich zu den Sentenzen vorgelesenen principia-Predigte fangen in Universitätsbibliothek Graz, Cod. 347 mit demselben Vers an: „Vidi faciem tuam quasi vultum Dei“ (Gen 33,10). Die Handschrift, Graz UB 347, deren Bibliotheksheimat das Dominikanerkloster in Pettau ist, verweist auf einen wahrscheinlichen Aufenthalt des Heinrich von Köln im Kloster seines Ordens, das ihn zur Schenkung seiner Handschrift bewegt haben muss[x].

Graz UB 347, Bl. 68r: Incipit des "Principium biblicum" des Heinrich von Köln OP

Graz UB 347, Bl. 68r: Incipit des „Principium biblicum“ des Heinrich von Köln OP

Der rote Faden „Virtus Dei est in salutem omni credenti“ (Röm 1,16) weist in ÖNB Cod. 4907 die Autorschaft des im Jahre 1420 den Römerbrief kommentierenden Johannes Angrer de Mühldorf nach. In der Handschrift Cod. 4907 der Nationalbibliothek, deren zweiter Teil (ab Bl. 263) Angrer gehörte und voll mit seinen eigenhändigen Aufzeichnungen ist, lassen sich auf Bl. 381r-388v sein „primum principium cursus Bibliae“ und auf Bl. 389r-401r vier datierte Predigte zur Einführungslektüre in die Sentenzenkommentare mit dem selben Zitat finden. Die Eintrittsvorlesungen zu den vier Sentenzenbüchern selbst finden sich in ÖNB Cod. 5067, Bl. 281r-297r, in denen die Übernahme und Modellierung des Römerbrief-Zitats (z.B. Bl. 281r: „Quantum ad primum principale iuxta verba thematis moveo talem questionem: Utrum virtus Dei a principio formans hominem iustum sit temporaliter [mortem]marg.passa omni credenti in salutem“; usw.) rückweisend die Autorschaft des Johannes Angrer für das principium in ÖNB Cod. 4907 bestätigen[xi].

Einen Ausblick über den Zeitrahmen hinaus und die Nachhaltigkeit der Praktik zeigt die kursorische Lektüre des Thomas Wölfel de Wullersdorf aus den Jahren 1431-1433. Seine Einleitung zum Kommentar der Propheten Zacharias und Malachias findet sich in ÖNB Cod. 4719, Bl. 10r-15r, worauf seine principia zu den Sentenzen folgen[xii]. Beide der kursorischen Vorlesungen von Thomas Wölfel sind vollständig in ÖNB Cod. 4245 überliefert, eine Handschrift, die sich anhand der Wasserzeichen auf ca. 1430-1433 datieren lässt. Diese Handschrift überliefert einen Kommentar zum Markus-Evangelium auf Bl. 1r-179r (wohl ausgedehnt für eine kursorische Lektüre, doch: „beati Marti evangelium cursorie declarare“), der bislang Johannes Zink de Herzogenburg zugeschrieben wurde, und auf Bl. 181r-224r und 224r-245r die Kommentare zu Zacharias und Malachias der zeitlichen Reihenfolge der Vorlesungen von Wölfel entsprechend. Die Handschrift befand sich in Besitz des Thomas Wölfel von Wullersdorf, der sie der Rosenburse vermacht hat. Diese Schenkung ist beachtenswert. Thomas Wölfel besaß eine umfangreiche Bibliothek. Eine Reihe seiner Handschriften vermachte er dem Collegium ducale, unter ihnen mehrere Postillen des Nikolaus von Lyra. Aus der Rosenburse lassen sich hingegen nur drei Handschriften aus seinem Besitz nachweisen: ÖNB Codd. 4245, 4690 und 4719. ÖNB Cod. 4690 und Cod. 4719 enthalten seine principia und Sentenzenkommentare; ÖNB Cod. 4245 seine Bibelkommentare. Die Schenkung ist also eine rein persönliche Angelegenheit : Thomas Wölfel hat der Rosenburse die Handschriften vermacht, die er teilweise selbst geschrieben, aber auf jeden Fall selbst verfasst hat, und die sein theologisches Curriculum nachzeichnen.

Wenn die hier beschriebene Regelmäßigkeit der Überlieferung, d.h. das Aufeinanderfolgen der zwei kursorischen Lektüren zur Bibel konsequent durchgehalten wurde, müssten die Kommentare über Ezechiel auf Bl. 9r-220v und über Johannes auf Bl. 221r-278v in ÖNB Cod. 4912 Johannes Himmel zugeschrieben werden, der als einziger in dieser Reihenfolge über diese zwei Bibelbücher vorgelesen hat. Seine Hand ist unter den zahlreichen, am Codex mitwirkenden Händen nicht zu identifizieren. Unbestreitbar ist aber, dass der erste Teil der Handschrift eine kodikologische Einheit bildet (Bl. 1r-290r sind größer als der restliche Teil der Handschrift; sie enthalten zusätzlich zu den zwei Kommentaren eine Predigt auf die Heilige Katharina). Einzig die Datierung der Handschrift kann die Zuschreibung an Johannes Himmel könnte dagegen sprechen. Auf Bl. 9r findet sich nämlich das Datum 1415, obwohl laut Akten der Theologischen Fakultät Himmel in den Jahrgängen 1416-1417 als Kursor tätig gewesen sein muss. Gerade das ein Doppeljahrgang, wo die Aufzeichnungen ein wenig chaotisch gestaltet waren…[xiii]

Manche Kommentare werden trotz unserer Bemühungen nie unumstritten einem Autor zugewiesen werden können. Jedoch bleiben uns in den aus der Bibliothek des Collegium ducale und der Rosenburse, den zwei ältesten Theologenbibliotheken in Wien, stammenden, in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrten Handschriften kaum noch anonym überlieferte Bibelkommentare[xiv].

[i] Diese Notiz ist im Rahmen der Forschungen für das FWF-Projekt V356 entstanden.

[ii] Zum Unterschied zwischen kursorischer und magistralen Vorlesung siehe A. Maierù, „Les cours: lectio et lectio cursoria (d’après les statuts de Paris et d’Oxford)“, in O. Weijers u. L. Holtz (Hrsg), L’enseignement des disciplines à la Faculté des arts (Paris et Oxford, XIIIe-XVe siècles), Turnhout 1997, S. 373-391.

[iii] Alle Angaben sind P. Uiblein, Die Akten der Theologischen Fakultät der Universität Wien (1396-1508), Wien 1978, Bd. 1 entnommen. Die Handschriften wurden laut Bd. 2 verzeichnet; in der Schreibweise der Personennamen wurde ebenfalls den Akten gefolgt.

[iv] A. Maierù, „Les cours: lectio et lectio cursoria (d’après les statuts de Paris et d’Oxford)“, S. 383.

[v] W. J. Courtenay, „The Bible in medieval universities“, in R. Marsden und E.A. Matter, The New Cambridge History of the Bible, Bd. 2: From 600 to 1450, Cambridge 2012, S. 573-574.

[vi] Mikrofilme Nr. 64 für die AFA I (Akten der Artistischen Fakultät) und Nr. 75 für AFTh I (Akten der Theologischen Fakultät) der Archiv der Universität Wien.

[vii] M. Sokolskaya, „Paul von Geldern – Ein Wiener Universitätstheologe aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. Zur Handschrift 2°173 der Collectio Amploniana zu Erfurt“, Jahrbuch für mitteldeutsche Kirchen- und Ordensgeschichte, 8 (2012), S. 193-236, ins. 204-210.

[viii] F. Stegmüller, Repertorium biblicum Medii Aevi, Madrid 1950-1980, Nr. 6332 u. 6333.

[ix] P. Uiblein, „Johannes von Gmunden. Seine Tätigkeit an der Wiener Universität“, in: Die Universität Wien im Mittelalter. Beiträge und Forschungen, Wien 1999, S. 362-363.

[x] Die Handschrift ist digitalisiert: http://143.50.26.142/digbib/handschriften/Ms.0200-0399/Ms.0347/index5.html (letzter Zugang am 23. Mai 2016). Die Autorschaft der principia wird bei Frank gezeigt: I.W. Frank, Hausstudium und Universitätsstudium der Wiener Dominikaner bis 1500, Wien 1964, S. 191-192.

[xi] Siehe W. J. Courtenay, „From Dinkelsbühl’s Questiones Communes to the Vienna Group Commentary“, in: M. Brinzei (Hrsg.), Nicholas of Dinkelsbühl and the Sentences at Vienna in the Early Fifteenth Century, Turnhout 2015, S. 287-291.

[xii] Siehe Anm. 14 in http://www.iter-austriacum.at/uncategorized/sentences-commentaries-from-the-early-university-of-vienna-under-the-palaeographical-magnifying-glass/. Man müsste die Autorschaft des Sentenzenkommentars in ÖNB Cod. 4719 – bislang Johannes de Tittmoning zugeschrieben – überprüfen. Das ebenda eingebundene principium biblicum zum Johannesevangelium auf Bl. 3r-9r von einer in der Handschrift sonst nicht nachweisbaren Hand ist vielleicht Nikolaus de Aoelen zuzuschreiben, der den Text 1433, um die Entstehung der Handschrift ÖNB 4719, kursorisch kommentiert hat: AFTh, S. 110.

[xiii] Die Aufzeichnungen zum Jahr 1416 sind am Rande von Thomas Ebendorfer ergänzt; siehe AFTh, S. 34-35.

[xiv] Ich möchte hier auf die in ÖNB Cod. 4637 und Cod. 4835 überlieferten Bibelkommentare hinweisen. Beide Handschriften waren im Besitz des Johann Gwerlich (Uni. Bologna, Dr. iur. Augsburg, Uni Wien ab 1421), und danach in der Rosenburse.

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olim Lambach …

Im Mai des Jahres 1717 reisten die Brüder Bernhard und Hieronymus Pez von ihrem Heimatkloster Melk zu Bibliotheksforschungen nach Bayern. In der Dissertatio  isagogica, die dem 1721 in Augsburg veröffentlichten ersten Band ihres Thesaurus Anecdotorum novissimus vorangestellt ist, findet sich ein knapper Reisebericht[1]. Die erste Tagesreise, die sie dank der einzigartigen Großzügigkeit ihres Abtes vehiculari cursu zurücklegen konnten, führte sie bis nach Lambach in Oberösterreich. Zwar verweilten die Brüder nur kurz im 1056 von Bischof Adalbero von Würzburg gegründeten Benediktinerkloster, doch besuchten sie natürlich die gerade durch Abt Maximilian Pagl, einen ungemein eifrigen Förderer der Pez’schen Studien,  erweiterte Bibliothek. Aus ihr, die als optimis omnium generum libris ditatam beschrieben wird, werden im Reisebericht vor allem  die Überlieferungen der Consuetudines Fruttuarienses, des Dialogus trium quaestionum des Otloh von St. Emmeram und der Historia calamitatum Salisburgensis ecclesie sowie ein vetus Chronicon Lambacense hervorgehoben[2].

Wer die Lambacher Bibliothek heute besucht, wird noch immer in freundlichster und hilfsbereitester Weise aufgenommen und findet eine stattliche, wertvolle und vor allem interessante Sammlung von mittelalterlichen Handschriften vor – doch die wirtschaftliche Notsituation der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hat (wie auch in anderen österreichischen Klöstern) eine leider deutliche Reduktion des Handschriften- und Inkunabelbestandes bewirkt. Alle von den Gebrüdern Pez in Lambach benützten Handschriften befinden sich heute in anderen Bibliotheken oder sind überhaupt verschollen; dasselbe trifft auf eine große Zahl anderer Lambacher Codices zu. Schon der um die Erforschung der Lambacher Bibliotheksgeschichte besonders verdiente Kurt Holter hat sich bemüht, für möglichst viele ehemals Lambacher Handschriften die aktuellen Bibliotheksorte festzustellen[3]. Aufbauend auf diesen Angaben nennt Herbert Paulhart in seiner Edition der mittelalterlichen Lambacher Bücherverzeichnisse einige  Aufbewahrungsorte[4], und ebenso finden sich in jüngeren Arbeiten zu Lambacher Handschriften und Schreibern einschlägige Angaben[5]. Trotzdem ist es wohl nützlich, wieder einmal einen zusammenfassenden Überblick über den aktuellen Wissensstand zu geben – nicht zuletzt, weil einige Handschriften inzwischen neuerlich den Eigentümer gewechselt haben; auch ist es gelungen, für einige bisher verschollene Codices die aktuellen Aufbewahrungsorte ausfindig zu machen. Die folgende Liste, die sich zunächst auf die Pergamenthandschriften (CmlCodex membranaceus lambacensis) beschränkt,  ist aber leider noch immer nicht vollständig. Es wird daher ausdrücklich gebeten, Korrekturen und Ergänzungen mitzuteilen – entweder in einem Kommentar zu diesem Blogeintrag oder durch Abfassung eines eigenen Beitrages zu Iter Austriacum!

Zur Vorgangsweise: Genannt werden alle Pergamenthandschriften, die sich heute nicht mehr in Lambach befinden. Für diese Handschriften wird, soferne keine ausführlicheren Informationen vorliegen, auf die Beschreibungen im handschriftlich im Stiftsarchiv Lambach vorliegenden Katalog von Felix Resch (gest. 1789) und auch, falls die betreffende Handschrift dort erwähnt ist, auf das Verzeichnis von Augustin Rabensteiner (gest. 1920) verwiesen, die über Manuscripta.at in digitalisierter Form zugänglich sind. Nach Möglichkeit wird der aktuelle Aufbewahrungsort angegeben; falls ein Digitalisat online verfügbar ist, wird darauf hingewiesen – wenn es mir bekannt geworden ist (für Hinweise und Ergänzungen bin ich sehr dankbar!). Nicht beabsichtigt ist eine Bibliographie zu den Handschriften, ebenso kann gegenwärtig auch nicht in jedem Fall die genaue Besitzgeschichte seit dem Verkauf durch Lambach angegeben werden. Vorläufig ebenfalls nicht berücksichtigt sind die zahlreichen Makulaturblätter aus Lambacher Handschriften, die sehr oft von den Trägerbänden getrennt in den Handel gekommen sind – ein größeres Konvolut solcher Fragmente ist etwa über die Sammlung des Schweizer Priesters Franz Josef Zinniker (gest. 1989 in Luzern) an die Beinecke Rare Book and Manuscript Library (Yale University) gekommen und dort mit Fragmenten anderer Herkunft in den Sammelbänden Beinecke MS 481 und Beinecke MS 482 vereinigt[6].

Alle mit Link zitierten Websites wurden am 24.4.2016 besucht.

Lambach, Cml LXXIII, f. 25r

Lambach, Cml LXXIII, f. 25r

Cml I
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml II
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml III
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml VI
Die Handschrift (Beschreibung bei Resch und bei Rabensteiner) ist vorhanden bis auf fol. 1  – dieses befindet sich heute in Washington DC, National Gallery of Art, Rosenwald Collection 1950.16.290 (Abbildung).

Cml VII
Die Handschrift (Beschreibung bei Resch und bei Rabensteiner) befindet sich heute in Cologny bei Genf, Fondation Martin Bodmer, Cod. Bodmer 161. Ein vollständiges Digitalisat ist über e-codices zugänglich, dort ist auch die Katalogbeschreibung von Elisabeth Pellegrin (Manuscrits latins de la Bodmeriana [Cologny-Genève 1982] 370-378) verfügbar.

Cml VIII
In Lambach vorhanden sind nur noch der Einband und der Mittelteil (zwei Quaternionen entsprechend 16 Blättern) dieser Handschrift (Beschreibung bei Resch und bei Rabensteiner, in dessen Verzeichnis der Codex bereits als unvollständig beschrieben ist).

Cml IX
fehlt, Verbleib unbekannt. Enthält Augustinus, Enarrationes in Psalmos 101-117 und gehört zu Cml XVII, XVIII, LXV und LXIV (Beschreibung bei Resch).

Cml X
Nach Rhaban Haacke, Nachlese zur Überlieferung der Schriften Ruperts von Deutz, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 26 (1970) 528-540, hier 528 befindet sich die Handschrift (Beschreibung bei Resch und bei Rabensteiner) als Ms 318 im Besitz der Société des Bollandistes in Brüssel. Im Guide en ligne des manuscrits médiévaux Wallonie-Bruxelles ist allerdings für diese Bibliothek ein Ms 318 nicht genannt.

Cml XI
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch.

Cml XII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch und bei Rabensteiner.

Cml XIII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3595 (Katalogbeschreibung)

Cml XVII
jetzt Leutkirch, Waldburg-Zeilisches Gesamtarchiv, Zms 5.
Enthält die Enarrationes in Psalmos 1-50 des Augustinus und gehört zu Cml XVIII, IX, LXV und LXIV. Beschreibung bei Resch und Rabensteiner.

Cml XVIII
Der zweite Band von Augustinus Enarrationes in Psalmos, enthaltend den Kommentar zu den Ps 51-100, zusammengehörig mit Cml XVII, IX, LXV und LXIV (Beschreibung bei Resch und Rabensteiner). Die Handschrift befand sich in der Sammlung des britischen Buchhändlers William Foyle, die im Juli 2000 bei Christie’s in London versteigert wurde – der Codex erzielte £ 245.750. Er befand sich zuletzt (gemeinsam mit Cml LX) in einer Schweizer Privatsammlung, ist aber 2015 neuerlich zum Verkauf angeboten worden[7].

Cml XX
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3596 (Katalogbeschreibung)

Cml XXI
jetzt Göttweig, Stiftsbibliothek Cod. 1116.

Cml XXII
Die Handschrift (Beschreibung in Resch und Rabensteiner) befindet sich jetzt in Stratton on the Fosse (Somerset, Großbritannien), Downside Abbey. Auf der Website der Abteibibliothek ist ein Detail aus der Handschrift als Ausschmückung verwendet. Eine knappe Beschreibung ist im Ergänzungsband zu Neil R. Ker’s Medieval Manuscripts in British Libraries veröffentlicht[8].

Cml XXIII
Die Handschrift (Beschreibung in Resch und Rabensteiner) befindet sich jetzt mit der Signatur Cod. Vat. lat. 14008 in der Vatikanischen Bibliothek.

Cml XXIV
jetzt Oxford, Bodleian Library, Lyell MS 55[9]

Cml XXV
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3597 (Katalogbeschreibung)

Cml XXVI
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3598 (Katalogbeschreibung)

Cml XXVIII
jetzt Göttweig, Stiftsbibliothek Cod. 1115

Cml XXIX
jetzt Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek Cod. theol. et phil. 2o 351 [10]

Cml XXX
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch und bei Rabensteiner.

Cml XXXIII
jetzt Leeds, University Library, Brotherton Collection MS 22. Eine knappe Beschreibung mit einigen Abbildungen gibt es hier. Etwas ausführlicher hat Neil R. Ker die Handschrift beschrieben[11].

Cml XLIII
jetzt Oxford, Bodleian Library, Lyell MS 56[12].

Cml LI
jetzt Göttweig, Stiftsbibliothek Cod. 1113

Cml LII
jetzt Göttweig, Stiftsbibliothek Cod. 1114

Cml LIII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml LVI
die Handschrift (ganz knapp beschrieben bei Resch) befindet sich jetzt in München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 28857 [13]

Cml LIX
jetzt München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 28873 [14]

Cml LX
Die Handschrift (beschrieben bei Resch) befand sich bis 2010 als Ms 21 in der Schøyen Collection (London / Oslo), gehört nun zur selben Schweizer Privatsammlung wie Cm XVIII und ist 2015 neuerlich zum Verkauf angeboten worden[15].

Cml LXI
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml LXII
Die Handschrift (Beschreibung bei Resch) befand sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Sammlung Ludwig in Aachen[16] und danach im Getty Museum in Malibu, ist aber inzwischen wieder in den Handel gelangt und derzeit unbekannten Verbleibs.

Cml LXIII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml LXIV
Der fünfte und letzte Band von Augustinus Enarrationes in Psalmos, enthaltend den Kommentar zu den Ps 134-150, zusammengehörig mit Cml XVII, XVIII, IX, und LXV (Beschreibung bei Resch). Der Codex befindet sich heute in New Haven, Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Beinecke Ms 699 und ist vollständig digitalisiert.

Cml LXV
Der vierte Band von Augustinus Enarrationes in Psalmos, enthaltend den Kommentar zu den Ps 118-133, zusammengehörig mit Cml XVII, XVIII, IX und LXIV. Der Codex befindet sich heute in Frankfurt am Main, Stadt- und Universitätsbibliothek, Ms. Lat. qu. 64 und ist vollständig digitalisiert[17].

Cml LXVI
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml LXVII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3599 (Katalogbeschreibung)

Cml LXIX
vermutlich jetzt Eugene (Oregon, USA), University of Oregon Library, Burgess Collection Ms 25

Cml LXX
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml LXXI
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml LXXIV
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3600 (Katalogbeschreibung)

Cml LXXV
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3601 (Katalogbeschreibung)

Cml LXXVI
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml LXXVII
jetzt Chicago, Newberry Library MS 6 [18].

Cml LXXVIII
jetzt Göttweig, Stiftsbibliothek Cod. 1117

Cml LXXIX
Die Handschrift wurde 1997 von der Österreichischen Nationalbibliothek bei Sotheby’s aus der Sammlung Beck[19] erworben und trägt jetzt die Signatur Cod. Ser. nov. 39678.

Cml LXXXVI
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3602 (Katalogbeschreibung)

Cml LXXXVII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3603 (Katalogbeschreibung)

Cml LXXXIX
jetzt Budapest, Országos Széchényi Könyvtár Cod. 446 [20]

Cml XCIII
jetzt Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ms theol. lat. qu. 140 [21]

Cml XCIV
jetzt Baltimore, Walters Art Gallery Ms W.29 (Bilder des Einbandes)

Cml XCV
jetzt Göttweig, Stiftsbibliothek Cod. 1112

Cml XCVI
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3604 (Katalogbeschreibung)

Cml XCVII
Die Handschrift (Beschreibung bei Resch) befand sich bis zum 2. Weltkrieg in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin (Ms lat. qu. 922). Sie befindet sich heute in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau[22].

Cml XCVIII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml XCIX
Die Handschrift wurde 1951 gegen den Cod. 135 der Stiftsbibliothek Kremsmünster (jetzt Cml LXXIIIa) eingetauscht; sie trägt in Kremsmünster die Signatur Cod. 99a [23].

Cml C
Die Handschrift (Beschreibung bei Resch) war bis zum 2. Weltkrieg im Besitz der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin (Ms lat. qu. 915). Sie befindet sich heute in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau[24].

Cml CII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3605 (Katalogbeschreibung)

Cml CIV
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CV
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3606 (Katalogbeschreibung)

Cml CVI
jetzt Göttweig, Stiftsbibliothek Cod. 53b (rot)

Cml CVII
jetzt Berkeley, University of California, School of Law, Robbins Collection Ms 102

Cml CVIII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3607 (Katalogbeschreibung)

Cml CIX
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3608 (Katalogbeschreibung; die Handschrift ist digitalisiert)

Cml CXI
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3609 (Katalogbeschreibung)

Cml CXII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CXIII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3610 (Katalogbeschreibung)

Cml CXIV
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CXV
jetzt Oxford, Bodleian Library, Broxbourne Ms 83.6 [25]

Cml CXVII
jetzt Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek Cod. brev. 166 [26]

Cml CXVIII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3611 (Katalogbeschreibung)

Cml CXIX
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 4837 (Katalogbeschreibung)

Cml CXXII
jetzt vermutlich Columbia, University of Missouri, Ellis Library, Special Collections, RARE RES PA6624.A4 1150. Knappe Beschreibung mit einigen Bildern hier.

Cml CXXIII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CXXVII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 4635 (Katalogbeschreibung)

Cml CXXVIII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CXXXIII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3612 (Katalogbeschreibung)

Cml CXXXV
jetzt Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek Cod. theol. et phil. 4o 648 (vollständig digitalisiert) [27]

Cml CXXXVIII
jetzt München, Bayerische Staatsbibliothek Clm 28547 [28]

Cml CXLI
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 4637 (Katalogbeschreibung)

Cml CXLIII
jetzt Princeton (New Jersey, USA), University Library Ms 51 [29]

Cml CXLIV
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CXLV
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CXLVII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 4636 (Katalogbeschreibung)

Cml CXLVIII
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch
Ergänzung 3.5.2016: Die Handschrift befindet sich heute in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin, Ms lat. qu. 906 [29a]

Cml CXLIX
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CLII
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 14000

Cml CLV
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nov. 3613 (Katalogbeschreibung)

Cml CLX
jetzt Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek Cod. theol. et phil. 4o 649 [30]

Cml CLXIV
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CLXV
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CLXX
fehlt, Verbleib unbekannt. Beschreibung bei Resch

Cml CLXXXIX
jetzt Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. ser. nov. 4693 (Katalogbeschreibung)

Lambacher Bücherverzeichnis, um 1210 (Cml XIX, f. 227v)

Lambacher Bücherverzeichnis, um 1210 (Cml XIX, f. 227v)

 

[1] Zu den Beziehungen der Gebrüder Pez zum Stift Lambach vgl. Thomas Stockinger, Das Stift Lambach und die Forschungsvorhaben der Brüder Bernhard und Hieronymus Pez OSB, in: Stift Lambach in der Frühen Neuzeit. Frömmigkeit, Wissenschaft, Kunst und Verwaltung am Fluss. Tagungsband zum Symposion im November 2009. Hrsg. v. Klaus Landa, Christoph Stöttinger und Jakob Wührer (Linz 2012) 267-302 . Zur Tätigkeit der Gebrüder Pez ist außerdem immer das auf der Website des Vereins zur Erforschung Monastischer Gelehrsamkeit in der frühen Neuzeit bereitgestellte Material zu vergleichen.

[2] Thesaurus Anecdotorum Novissimus, Seu Veterum Monumentorum, praecipue Ecclesiasticorum, ex Germanicis potissimum Bibliothecis adornata Collectio recentissima. Bd. I/1 (Augsburg 1721), p. III (online hier).

[3] Kurt Holter, Zwei Lambacher Bibliotheksverzeichnisse des 13. Jahrhunderts, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 64 (1956) 262-276; ders., Lambach, Stift. Sammlungsbestände: Die Handschriften und Inkunabeln, in: Die Kunstdenkmäler des Gerichtsbezirkes Lambach. Bearbeitet von Erwin Hainisch (Österreichische Kunsttopographie 34, Wien 1959) 213-267; sowie mehrere Beiträge, die im 2. Band von Kurt Holter, Buchkunst – Handschriften – Bibliotheken. Beiträge zur mitteleuropäischen Buchkultur vom Frühmittelalter bis zur Renaissance. Hrsg. von Georg Heilingsetzer und Winfried Stelzer (Schriftenreihe des Oberösterreichischen Musealvereins – Gesellschaft für Landeskunde 15-16, Linz 1996) nachgedruckt worden sind: Beiträge zur Geschichte der Stiftsbibliothek Lambach, 576-609 [zuerst in: Jahrbuch des Musealvereines Wels 15 (1969) 96-123]; Neue Beiträge zur Geschichte der Stiftsbibliothek von Lambach im hohen Mittelalter, 1037-1054 [zuerst in: Kunstgeschichtsforschung und Denkmalpflege. Festschrift für Norbert Wibiral (Schriftenreihe des Oberösterreichischen Musealvereines 13, Linz 1986) 85-98]; Das mittelalterliche Buchwesen des Benediktinerstiftes Lambach, 1103-1145 [zuerst in: 900 Jahre Klosterkirche Lambach. Katalog der Oberösterreichischen Landesausstellung 1989 im Benediktinerstift Lambach. Historischer Teil (Linz 1989) 53-64, 198-226]; Initialen aus einer Lambacher Handschrift des 12. Jahrhunderts (Ms. 5 des Fürstlich Waldburgschen Gesamtarchivs in Schloß Zeil in Leutkirch), 1191-1206 [zuerst in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 46/47 (1994) 255-265, 433-436].

[4] Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs Bd. 5: Oberösterreich. Bearbeitet von Herbert Paulhart (Wien / Köln / Graz 1971) 49-58.

[5] Robert G. Babcock, Reconstructing a Medieval Library. Fragments from Lambach (New Haven 1993); Lisa Fagin Davis, The Gottschalk Antiphonary. Music and Liturgy in Twelfth-Century Lambach (Cambridge Studies in Palaeography and Codicology 8, Cambridge 2000).

[6] Ausführliche Beschreibungen der in den Sammelbänden befindlichen Fragmente finden sich hier: MS 481.1-50, MS 481.51-100, MS 481.101-144, MS 482, sowie das auf anderem Weg erworbene Fragment MS 484.2. Qualitätvolle Digitalisate können über die Beinecke Digital Collection unter der jeweiligen Signatur aufgefunden werden. Vgl. auch die oben Anm. 5 genannten Arbeiten von Babcock und Davis, wo versucht wird, zusammengehörige Fragmente zusammenzuführen.

[7] Laura Light – Christopher de Hamel, The Idda Collection. Romanesque Biblical Manuscripts c. 1000 to 1240 (Les Enluminures, Catalogue 19, Paris 2015) 174-187 Nr. 9.

[8] Neil R. Ker, Medieval Manuscripts in British Libraries. Vol. 5: Indexes and Addenda, ed. I. C. Cunningham and A. G. Watson (Oxford 2002) 10 Nr. 152.

[9] Catalogue of the Collection of Medieval Manuscripts Bequeathed to the Bodleian Library Oxford by James P. R. Lyell, compiled by Albinia de la Mare (Oxford 1971) 163-168.

[10] Helmut Boese, Neuerworbene Handschriften österreichischer Provenienz in Stuttgart, in: Codices manuscripti 3 (1977) 120-125, hier 121 Nr. 1.

[11] Neil R. Ker, Medieval Manuscripts in British Libraries. Vol. 3: Lampeter-Oxford (Oxford 1983) 57f.

[12] Catalogue of the Collection of Medieval Manuscripts Bequeathed to the Bodleian Library Oxford by James P. R. Lyell, compiled by Albinia de la Mare (Oxford 1971) 168-174.

[13] Nach Holter, Beiträge (wie Anm. 3) 580 und 589.

[14] Elisabeth Klemm, Die illuminierten Handschriften des 13. Jahrhunderts deutscher Herkunft in der Bayerischen Staatsbibliothek (Wiesbaden 1998) 120f. Nr. 104.

[15] Laura Light – Christopher de Hamel, The Idda Collection. Romanesque Biblical Manuscripts c. 1000 to 1240 (Les Enluminures, Catalogue 19, Paris 2015) 188-205 Nr. 10.

[16] Die Handschriften der Sammlung Ludwig. Beschr. v. Anton von Euw und Joachim Plotzek. Bd. 1 (Köln 1979) 53-57.

[17] Die mittelalterlichen Handschriften der Gruppe Manuscripta Latina. Beschrieben von Karin Bredehorn und Gerhardt Powitz (Kataloge der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main 4: Die Handschriften der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main 3, Frankfurt am Main 1979) 59-61.

[18] Paul Saenger, A catalogue of the pre-1500 western manuscript books at the Newberry Library (Chicago/London 1989) 14-17.

[19] Sotheby’s, The Beck Collection of Illuminated Manuscripts. London 16 June 1997, lot 6.

[20] Emma Bartoniek, Codices latini medii aevi (Budapest 1940) 400f.

[21] Valentin Rose, Verzeichniss der Lateinischen Handschriften der Königlichen Bibliothek zu Berlin, Zweiter Band: Die Handschriften der Kurfürstlichen Bibliothek und der Kurfürstlichen Lande, Zweite Abteilung (Die Handschriften-Verzeichnisse der Königlichen Bibliothek zu Berlin 13, Berlin 1903) 842-845; Andreas Fingernagel, Die illuminierten lateinischen Handschriften deutscher Provenienz der Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Berlin (8.-12. Jahrhundert) (Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz. Kataloge der Handschriftenabteilung, Reihe 3 Illuminierte Handschriften Bd. 1/1-2, Wiesbaden 1991) 28-31.

[22] Der Codex ist nicht erwähnt in Wolfgang Milde, Lateinische Handschriften der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek Berlin in der Biblioteka Jagiellonska Krakau, in: Codices manuscripti 12 (1986) 85-89, und – da nicht in den von Valentin Rose erstellten Katalogen beschrieben – auch nicht in Walter Berschin, Die in Valentin Roses Katalog beschriebenen Berliner Handschriften und ihr Verbleib, in: Mittellateinisches Jahrbuch 22 (1987) 334-348. Die Mitteilung, daß er den 2. Weltkrieg überstanden hat, verdanke ich Anne-Beate Riecke, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin (Email 3.5.2016).

[23] Katalog der Handschriften des Benediktinerstiftes Kremsmünster, Teil 1: Von den Anfängen bis in die Zeit des Abtes Friedrich von Aich (ca. 800-1325). Beschr. v. Hauke Fill (Österreichische Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, Denkschriften 166 = Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters II,3,1, Wien 1984) 131-135.

[24] Vgl. die in Anm. 22 genannten Veröffentlichungen. Eine detailliertere Inhaltsangabe findet sich in Ernst Muellenbach, Comoediae elegiacae I (Bonn 1885) 38-49. Die Mitteilung, daß der Codex den 2. Weltkrieg überstanden hat, verdanke ich Anne-Beate Riecke, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin (Email 3.5.2016).

[25] Bereits in Holter, Beiträge (wie oben Anm. 3) 98 (Ndr. 580) erwähnt, allerdings mit der überholten Signatur Broxbourne Ms 820.

[26] Boese, Neuerworbene Handschriften (wie Anm. 10) 121 Nr. 2; Ernst Virgil Fiala – Wolfgang Irtenkauf, Codices breviarii (Cod. brev. 1-167) (Die Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, R. 1, Bd. 3, Wiesbaden 1977) 199f.

[27] Boese, Neuerworbene Handschriften (wie Anm. 10) 121 Nr. 3.

[28] Katalog der lateinischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München: Clm 28461-28615. Beschr. v. Dieter Kudorfer (Wiesbaden 1991) 141-145.

[29] Don C. Skemer, Medieval & Renaissance Manuscripts in the Princeton University Library (Princeton 2013) Bd. 2, 240-243.

[29a] Diese Information verdanke ich der freundlichen Mitteilung von Anne-Beate Riecke, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (Email 3.5.2016).

[30] Boese, Neuerworbene Handschriften (wie Anm. 10) 121f. Nr. 4.

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Wigbod in Heiligenkreuz – eine Bestätigung

Eine der Hauptbeschäftigungen während meiner MA Arbeit am Institut für Österreichische Geschichtsforschung war die Suche nach bisher unbekannten Heiligenkreuzer Handschriften in der Österreichischen Nationalbibliothek[1]. Die Art der Untersuchung und auch der Zeitrahmen der Arbeit bringen es mit sich, dass eine solche Suche niemals wirklich abgeschlossen werden kann. Mit jeder neuen Handschrift und mit jeder weiteren Forschung zur mittelalterlichen Bibliothek wächst die Zahl der möglichen Indizien, die zur Neuidentifikation herangezogen werden können[2]. In diesem Blogbeitrag soll es daher um die Zuweisung von Cod. 1004 der Österreichischen Nationalbibliothek an Heiligenkreuz gehen und damit um die Bestätigung einer von Michael Gorman in den 1990ern geäußerten Theorie.

Der früheste gesicherte Vorbesitzer von ÖNB Cod. 1004 war bisher der Humanist Johannes Alexander Brassicanus (1500-1539)[3], der den Titel am Vorderdeckel und die Überschrift auf fol. 17r eintrug. In Tübingen geboren, unterrichtete er in seiner Heimatstadt, in Ingolstadt und schließlich in Wien, wo auch er verstarb. Brassicanus durchstreifte während seiner Wiener Zeit diverse umliegende Klöster auf der Suche nach mittelalterlichen Handschriften, die er einerseits seiner Bibliothek einverleibte, andererseits als Grundlage für von ihm herausgegebene Drucke verwendete. Auf diese Weise gelangte etwa eine Abschrift des Genesiskommentars von Claudius von Turin aus der Stiftsbibliothek Heiligenkreuz in seine Hand, die die Grundlage für die editio princeps des Textes wurde und heute verloren ist[4]. Heiligenkreuz muss überhaupt für Brassicanus‘ Akquisitionspolitik eine herausragende Rolle gespielt habe: er besaß nach momentanem Forschungsstand mindestens zehn Handschriften aus der Stiftsbibliothek. Brassicanus Sammlung gelangte nach seinem Tod an den Wiener Bischof Johannes Fabri (1478-1541)[5]. Fabri stiftete seine Bibliothek, wie auch der am vorderen Innendeckel von ÖNB Cod. 1004 angebrachte Zettel zeigt[6], der von ihm gegründeten Einrichtung für arme Studenten im Nikolauskollegium in der Wiener Singerstraße[7]. Aus der Zeit des Aufenthalts dort stammen wohl auch die Kettenspuren am Hinterdeckel der Handschrift, die in gleicher Weise auf anderen Handschriften und Inkunabeln dieser Provenienz zu finden sind. Später gelangte die Fabri-Bibliothek in die alte Universitätsbibliothek, die 1756 in die Hofbibliothek eingegliedert wurde[8].

Testatzetttel des Wiener Bischofs Johannes Fabri in ÖNB Cod. 1004

Testatzetttel des Wiener Bischofs Johannes Fabri in ÖNB Cod. 1004

ÖNB Cod. 1004 fol. 17r mit Titel von der Hand Brassicanus'

ÖNB Cod. 1004 fol. 17r mit Titel Brassicanus‘

 

 

 

 

 

 

Nicht völlig geklärt war bisher die mittelalterliche Provenienz bzw. der Entstehungsort der Handschrift. In seinem Aufsatz „The Commentary on Genesis of Claudius of Turin and Biblical Studies under Louis the Pious“ vermutet Michael Gorman, der sich inhaltlich mehrfach mit ÖNB Cod. 1004 auseinandergesetzt hat, Heiligenkreuz als ehemaligen Besitzer des Codex[9]. Als Hinweis dient ihm eine ausführliche Bücherliste für den Bibliotheksbestand des Stiftes im späten 14. Jahrhundert[10], die unter den Werken Alkuins folgenden Eintrag enthält: Super Genesim, De operibus sex dierum cuiusdam, Explanacio Exodi Vinchwoldi ex libris sanctorum patrum, Explanacio Levitici eiusdem[11]. De mansionibus filiorum Israel[12]. Der Titel des Beda-Werkes stimmt mit der Rubrik Expositio cuiusdam de operibus sex dierum auf fol. 1v von ÖNB Cod. 1004 gut überein, und der obskure Name Vinchwoldi könnte, so Gorman, eine Verschreibung für Wigbodus sein. Tatsächlich wäre eine derartige Verschreibung gerade im Fall der betreffenden Heiligenkreuzer Bücherliste keine Überraschung. Wie schon Gottlieb in seiner selbst nicht ganz fehlerlosen Edition bemerkte, handelt es sich bei den heute erhaltenen neun Blättern um eine zeitnahe Abschrift mit diversen Kopierfehlern.

Beginn des Eintrag zu Alkuin, Heiligenkreuzer Bücherliste vor 1381, fol. 6r (Teil)

Beginn des Eintrag zu Alkuin in der Bücherliste von Heiligenkreuz aus dem späten 14. Jh., Heiligenkreuz, Stiftsbibliothek, Fragment 15, fol. 6r (Teil)

Ein Vergleich mit der nächsten Rubrik, zu Beginn von Wigbods Genesisauslegung, ist nicht mehr möglich. An dieser Stelle steht heute auf Rasur von der Hand Brassicanus der generische Titel Super Genesim. Tatsächlich ist man jedoch nach den jüngsten Forschungsarbeiten zu Bibliothek und Scriptorium von Heiligenkreuz auf dieses Indiz nicht mehr angewiesen, da die kodikologische und paläographische Untersuchung die Provenienz Heiligenkreuz eindeutig bestätigen können.

Ein Aufenthalt in der Stiftsbibliothek im Spätmittelalter ist durch den kleinen Eintrag 4or auf fol. 131v gesichert (siehe Abb.). Er stammt von der Hand eines Annotators des 15. Jahrhunderts, dessen Einträge mit dicker Feder und tiefschwarzer Tinte in vielen Handschriften der Stiftsbibliothek zu finden sind[13].

Quatuor_OeNB_Cod_1004

Annotator des 15. Jh. in ÖNB Cod. 1004 fol. 131v

quatuor_HLK_Cod_100g

Annotator des 15. Jh. in Heiligenkreuz Cod. 100 fol. 85r

 

 

 

 

 

Die Handschrift ist überdies mit großer Wahrscheinlichkeit auch im Stift selbst entstanden: Hauptschreiber ist die Hand HLK 62 C[14], die in Cod. 62 (1134-1147) und Cod. 135 (3. Viertel 12. Jh.) der Stiftsbibliothek Heiligenkreuz nachgewiesen werden kann (siehe Abb.). Die genaue Datierung von ÖNB Cod. 1004 hängt von seinem Nachweis in der ersten erhaltenen Heiligenkreuzer Bücherliste ab[15], die wahrscheinlich um 1147 entstanden ist. Unter dem Abschnitt alii libri in dieser Liste findet sich der Eintrag Alcuinus I volumen (Abb. hier). Da ÖNB Cod. 1004 in der Bücherliste des späten 14. Jahrhunderts unter die Werke Alcuins eingeordnet ist, könnte der ältere Eintrag ebenso auf diese Handschrift verweisen. Aufgrund der knappen Beschreibung lässt sich dies jedoch nicht eindeutig beweisen.

In Summe konnte damit eine weitere Handschrift eindeutig Stift Heiligenkreuz zugeordnet werden, vielleicht sogar der frühesten Phase der Stiftsbibliothek.

ÖNB Cod. 1004 fol. 24r

ÖNB Cod. 1004 fol. 24r

[1] Katharina KASKA, Untersuchungen zum mittelalterlichen Buch- und Bibliothekswesen im Zisterzienserstift Heiligenkreuz (MA Arbeit an der Universität Wien 2014). Siehe zusammenfassend auch Katharinina KASKA, Neu identifizierte Heiligenkreuzer Handschriften in der Österreichischen Nationalbibliothek, in: Scriptorium. Wesen – Funktion – Eigenheiten. Comité international de paléographie latine, XVIII. Kolloquium. St. Gallen 11.-14. September 2013. Hg. v. Andreas Nievergelt/Rudolf Gamper/Marina Bernasconi/Birgit Ebersperger/Ernt Tremp (München 2015) 391-407.

[2] Zu Forschungen zum Skriptorium Heiligenkreuz siehe die Zusammenstellung von Alois HAIDINGER und Franz LACKNER auf www.scriptoria.at und besonders DIES., Die Bibliothek und das Skriptorium des Stiftes Heiligenkreuz unter Abt Gottschalk (1134 – 1147) (Codices manuscripti et impressi Supplement 11, Purkersdorf 2015).

[3] Zu Brassicanus: Christian GASTGEBER, Art. „Brassicanus (Köl), Johannes Alexander“, in: Frühe Neuzeit in Deutschland 1520-1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon. Bd. 1 (Berlin-Boston 2011) Sp. 341-347 und mit ausführlicher Literaturliste DERS. , Miscellanea Codicum Graecorum Vindobonensium II: Die griechischen Handschriften der Bibliotheca Corviniana der Österreichischen Nationalbibliothek. Provenienz und Rezeption im Wiener Griechischhumanismus des frühen 16. Jahrhunderts (ÖAW Denkschriften der philosophisch-historischen Klasse 465 = Veröffentlichungen zur Byzanzforschung 34, Wien 2014) 195-199. Liste der Handschriften aus Brassicanus Besitz von Friedrich SIMADER: http://www.onb.ac.at/sammlungen/hschrift/kataloge/universitaet/Register.htm.

[4] Siehe zuletzt Lukas DORFBAUER, Der Genesiskommentar des Claudius von Turin, der pseudoaugustinische Dialogus quaestionum und das wisigotische Intexuimus. Revue d’histoire des textes 8 (2013) 269–306.

[5] Ausführlicher Literaturüberblick zu Fabri und seiner Bibliothek in GASTGEBER, Miscellanea (wie Anm. 3) 59f.

[6] Zur Beschreibung von ÖNB Cod. 1004 im Inventar der Fabri-Bibliothek siehe Friedrich SIMADER, Materialien zur Bibliothek des Wiener Bischofs Johannes Fabri, in: Christian GASTGEBER– Elisabeth KLECKER, Iohannes Cuspinianus (1473-1529). Ein Wiener Humanist und sein Werk im Kontext (Singularia Vindobonensia 2, Wien 2012) 267-285, hier 280.

[7] Das Nikolauskollegium wurde ursprünglich für Zisterzienser gegründet, die an der Universität Wien studierten und bestand zwischen 1385 und 1525 (unter Aufsicht des Abtes von Heiligenkreuz). Siehe Ferdinand MAURER, Das Kollegium zum hl. Nikolaus an der Universität in Wien. Beiträge zur Österreichischen Erziehungs- und Schulgeschichte 11 (1909) V-43.

[8] Siehe etwa Josef STUMMVOLL, Geschichte der Österreichischen Nationalbibliothek. Erster Teil: Die Hofbibliothek (1368-1922) (Museion N.F. 2/3/1, Wien 1968) 240.

[9] Michael M. GORMAN, The Commentary on Genesis of Claudius of Turin and Biblical Studies under Louis the Pious, Speculum 72 (1997) 279-329, hier 304 Anm. 91, wieder abgedruckt in DERS., Biblical Commentaries from the Early Middle Ages (Florenz 2002) 237-287, hier 262 Anm. 91; Er erwähnt die Provenienz auch in: Wigbod and Biblical Studies under Charlemagne. Revue Benedictine 107 (1997) 40-76, hier S. 63 Anm. 73; wieder abgedruckt wie oben S. 200-236, hier 223 Anm. 73.

[10] Ediert in Theodor GOTTLIEB, Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs 1: Niederösterreich (Wien 1915, Nachdr. Aalen 1974) 34-74 (online).

[11] Gottlieb liest cuiusdam. Sowohl paläographisch als auch inhaltlich scheint eiusdem jedoch passender: Im Abschnitt Vinchwoldi (S. 62 Z 16-19) heißt es: Explanacio exodi ex verbis sanctorum patrum require in volumine Alquini super genesim. Explanacio Levitici ibidem. De mansionibus filiorum Israel ibidem. Es werden also alle drei Werke „Vinchwoldus“ zugeschrieben

[12] Dabei handelt es sich um Wigbods Expositio Numeri.

[13] Siehe zu ihm KASKA, MA Arbeit (wie Anm. 1) 78.

[14] Die Handbezeichnung folgt der Arbeit von Alois HAIDINGER auf www.scriptoria.at .

[15] GOTTLIEB, MBKOE I (wie Anm. 10) 18-21 (online).

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Sentences Commentaries from the Early University of Vienna under the Palaeographical Magnifying Glass

We should have been aware of it for a long time. At least since it was established that even the charter of privileges of the University was written by one of its theologians: Paul of Geldern, an influential clerk from the early Faculty of Theology in Vienna, drafted the University’s solemn charter in 1384.[i] Paul of Geldern was indeed one of the most zealous scribes from the first generation of Viennese theologians. He wrote not only to carry out a command of Duke Albrecht III, but also to lay down, among other works, the first part of the majestic commentary on Genesis, produced by his colleague Henry of Langenstein and preserved in Vienna ÖNB Cod. 4841, his own Sentences Commentary in Erfurt CA fol. 173, or a disputed question in Erfurt CA fol. 60.[ii]

So it should come as no real surprise that the Viennese theologians wrote many texts in their own hands. When speaking of their duties at the University, especially the Faculty’s administration[iii] and significant teaching matters appear to have been written by the deans and the teachers. Faculty acts have long been studied and edited. But why not put aspects of Viennese teaching under the palaeographical magnifying glass? From the Faculty of Theology, the Sentences Commentaries and their introductory lectures, the so-called principia emerge as a first relevant subject of enquiry.[iv] The most valuable witness in this field is Nicholas of Dinkelsbühl’s handwritten commentary from the beginning of the 15th century, preserved in Vienna Schottenstift 269 (274). Dinkelsbühl’s commentary is identified as the main source for his contemporaries in the Vienna Group, who copied and reused the text of their common master in their own lectures on Lombard’s Sentences producing the so-called Vienna Group Commentary.[v] Now these copy-pasted commentaries were very often written by the re-users themselves, as is evident in some manuscripts held in Vienna. Peter of Pulka, who lectured on the Sentences between 1403 and 1405, left the commentaries on Book I, II and III along with biblical and sentential principia in autograph manuscripts in ÖNB Cod. 4668, Cod. 4713 and Cod. 4939.[vi] One further example from a decade later has long been unknown; however it belongs to the prominent Viennese intellectual, John of Gmunden. Paul Uiblein noticed as early as 1973 that ÖNB Cod. 4422 must contain Gmundenʼs commentary on Book II of the Sentences.[vii] Not only did the manuscript belong to Gmunden, but it was written down by him for its major part. Moreover, the watermarks allow a precise dating of the codex to the years when Gmunden lectured on Lombardʼwork: the biennium of 1416–17.

Sometimes, autograph marks are more restrained. ÖNB Cod. 5067’s principia and the commentary on Book I of the Sentences have recently been identified as belonging to John Angrer of Müldorf.[viii] Besides the arguments already listed, one palaeographical proof could be introduced in favour of Angrer’s authorship, or more precisely, against the long supposed authorship of John Wuel of Pruck, the scribe of ÖNB Cod. 5067. For the explicit of John Wuel of Pruck is followed by a further remark in a different hand: “In die sanctorum Gervasy et Prothasy finivi primum Sententiarum legendo anno etc. vicesimo secondo.” This second hand, using the first person singular for having lectured on Book I of the Sentences in 1422, must be that of the author of the commentary on Book I.

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ÖNB Cod. 4907, f. 264r: signature tests of John Angrer

 

The same pattern of dating lectures secundum alium in one’s own hand seems to have been used much later by the Dominican Professor, Leonard Huntpichler. Huntpichler lectured in 1446 on Book III of the Sentences of Narcissus Herz of Berching, as can be deduced from Cod. 109/75 of the library of the Viennese Dominicans. Cod. 109/75 contains the Commentary of Narcissus along with a principium, ample marginal notes and a dating alternately from Leonhard Huntpichlerʼs or his secretaryʼs hand. On f. 135r, it is nevertheless Huntpichler who notes and confirms his lecturing secundum Narcissum: “Distinctio 22. Hanc legi anno 46 in vigilia assumptionis in alma universitate viennensi in Austria.”[ix]

In contrast to the collective Sentences commentaries of the Vienna Group, the principia reflected faculty debates and substantiated individual positions of the lecturer starting his courses. From the early 15th century, ÖNB Cod. 4593, ff. 100r–126v contain the sentential principia and lists of question from biblical commentaries of Theodoric Rudolfi of Hammelburg. These principia can be ascribed to Theodoric, since Paul Uiblein has already identified his handwriting in this part of the manuscript,[x] and also for many concordant elements. The principia are dated to 1411 and 1412, and do refer to the concurrently reading John of Basilea OP, at that time prior of the Viennese Dominicans, and Ulrich of Patavia. Incidentally, they contain the protestaciones stipulated in the Faculty statutes.[xi]

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ÖNB Cod. 4593, f. 112v: Explicit of the second principium on Book IV of the Sentences dated to 1411 and a list of authorities

One further example of principia written in the author’s own hand is to be found in Schottenstift 254 (230). This other manuscript of the Viennese Benedictines holds a Sentences Commentary attributed to Nicholas of Dinkelsbühl gathered by Martin of Lewbicz OSB, in which the first folios enclose a set of principia written in a hand different to the rest. Among the candidates for the authorship of these principia (Andreas of Waytra, Urban of Melk, John Nider OP) from 1423–25,[xii] Andreas of Waytra appears most likely to have drafted, corrected and added marginalia to these pages; in other words he is the author of these principial lectures.[xiii]

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Vienna, Schottenstift 230 (254), f. 1r with a red ink dating of the lectures at the bottom

 

An example dated exactly ten years later is supplied in ÖNB Cod. 4719, ff. 16r–51r carrying the autograph sentential principia of Thomas Wölfel of Wuldersdorf.[xiv]

Putting together these more or less recent pieces of the jigsaw offers a rather elaborate picture of the Viennese practice of Sentences commentaries. We realise that we are presented with so many autographs of Sentences commentaries or their principia in Vienna that writing these texts in one’s own hand must have been the silent, but persistent rule, irrespective of the degree of “originality” of the content. Appealingly for our concept of the Vienna Group Commentary, quasi identical Sentences commentaries appear to have been patiently copied or provided with meticulous marginalia, undermining the theory of pointedly careless Viennese theology. Handwriting denotes individuals within the common project of the Vienna Group. While authorship must finally be attributed to the selection of certain texts which constitute the Sentence commentary of a Peter of Pulka, a John of Gmunden or a John Angrer of Müldorf, it is nevertheless primarily identical with handwriting.

Finally, whichever generation we look at, Viennese theologians from Paul of Geldern onwards offer us handwriting as a typically individual feature magnifying their own efforts. This should definitely encourage us to recognise the subtle doctrinal differences between particular authors.

[i] Ch. Lackner, Diplomatische Bemerkungen zum Privileg Herzog Albrechts III. für die Universität Wien vom Jahre 1384. MIÖG 105 (1997) 114–29.

[ii] Many thanks to Christian Lackner for ascribing the disputed question in Erfurt CA fol. 60, ff. 66r˗v to Paul of Geldern.

[iii] P. Uiblein, Die Akten der Theologischen Fakultät der Universität Wien (1396–1508) (AThF) (Vienna 1978), 2 vols.

[iv] I am working on an updated list of Bible commentaries from the University of Vienna (1384–c. 1420), several of which were also written down by the authors themselves.

[v] M. Brînzei – Ch. Schabel, “The Past, Present, and Future of Late Medieval Theology: The Commentary on the Sentences by Nicholas of Dinkelsbühl, Vienna, ca. 1400”, in Ph.W. Rosemann, Mediaeval Commentaries on the Sentences of Peter Lombard (Leiden 2015), vol. 3, 174–266.

[vi] P. Uiblein, “Zur Lebensgeschichte einiger Wiener Theologen des Mittelalters”, in Id., Die Universität Wien im Mittelalter (Vienna 1999), 326–28.

[vii] P. Uiblein, “Zur Biographie des Johannes von Gmunden”, in Beiträge zur Kopernikus-Forschung (Linz 1973) 35; Id., “Johannes von Gmunden. Seine Tätigkeit an der Wiener Universität”, in Id., Die Universität Wien im Mittelalter, 363–4.

[viii] W. J. Courtenay, “From Dinkelsbühlʼs Questiones Communes to the Vienna Group Commentary. The Vienna ‘Schoolʼ, 1415–1425”, in M. Brînzei (ed.), Nicholas of Dinkelsbühl and the Sentences at Vienna in the Early Fifteenth Century (Turnhout 2015) 287–291.

[ix] F. Lackner, “Das “Principium” im Cod. 109/75 des Wiener Dominikanerkonventes”, Codices manuscripti 5 (1979) 48–57.

[x] P. Uiblein (ed.), Dokumente zum Passauer Bistumsstreit von 1423 bis 1428 (Vienna 1984) 362.

[xi] R. Kink (ed.), Geschichte der kaiserlichen Universität Wien (Vienna 1854) vol. 2, 102 (online). For more protestaciones see Ueli Zahnd, “Disputing without socii. The Principium on Book IV of Conrad of Rothenburg, Vienna 1408–09”, in M. Brînzei – W. Duba (eds.), Les principia sur les Sentences. Entre exercice institutionnel et débat philosophique (Turnhout 2016), forthcoming.

[xii] Courtenay, “From Dinkelsbühlʼs Questiones Communes to the Vienna Group Commentary”, 291–3.

[xiii] I thank Martin Wagendorfer, who kindly confirmed my supposition. I would nevertheless leave the question open, whether the commentary included in Schotten 230 also belongs to Andreas of Waytra.

[xiv] Uiblein, Die Akten der Theologischen Fakultät, 474, note 667. For other evidence see Courtenay, “From Dinkelsbühlʼs Questiones Communes to the Vienna Group Commentary”, 293–5.

Uibleinʼs notes in volume 2 of the AThF provide more identification of autograph manuscripts than those randomly quoted above.

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Von Salem nach Admont

Admont, das im steirischen Ennstal gelegene, 1074 vom Salzburger Erzbischof Gebhard gegründete Benediktinerkloster, und Salem, das um 1134 nahe dem Bodensee gegründete Zisterzienserkloster, scheinen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben. Und doch hat bereits 1888 der Admonter Benediktiner und Bibliothekar Jakob Wichner in seinem Bibliothekskatalog zwei Handschriften der Admonter Bibliothek beschrieben, die aus Salem stammen. Wichners Katalog ist ungedruckt geblieben (Digitalisat des Katalogeintrags), aber der Hinweis wurde von Paul Buberl in sein 1911 veröffentlichtes Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Admont und Vorau[1] aufgenommen und so der Forschung allgemein zugänglich. Die Handschriften – CAd 31 und 32 – sind daher auch in Sigrid Krämers Handschriftenerbe als aus Salem stammend erwähnt[2]; trotzdem haben sie bisher in der die Geschichte des Salemer Schrift- und Buchwesens betreffenden Literatur keine Beachtung gefunden[3] .

CAd 31, f. 1v

CAd 31, f. 1v

Die beiden Codices überliefern die vom Pariser Magister Petrus Cantor (gest. 1197) verfassten Glossen zur Evangelienharmonie Unum ex quatuor[4]. Der umfangreiche Text (die beiden Codices enthalten je 128 Blätter) war zunächst in einem Band gebunden, ist aber schon frühzeitig auf zwei Bände aufgeteilt worden. In CAd 31 bricht der Text auf f. 128vb in der Glosse zu Mt 19, 12 ab. In der Mitte des unteren Randes der Seite steht eine Kustode XVIus und rechts davon eine Reklamante nunc oblati sunt ei paruuli (Mt 19, 13). Tatsächlich beginnt der Text in CAd 32 f. 1ra mit genau diesen Worten – allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass zwar am linken Rand ein N für den Miniator vorgemerkt ist, dieser aber in Übereinstimmung mit dem Bibeltext ein T(unc) ausgeführt hat. Am unteren Rand von f. 8v findet sich die Kustode XVIIus, womit noch einmal die ursprüngliche Einheit der beiden Codices bewiesen ist. Die Trennung in zwei Bände muss jedenfalls frühzeitig erfolgt sein, denn im 1376 angelegten Admonter Bücherverzeichnis des Petrus von Arbon ist das Werk bereits als zweibändig beschrieben: Item prima pars Petri Parisiensis super unum ex quatuor, incipit „In principio“. Item secunda pars eiusdem, incipit „Tunc oblati“[5] . Dazu passen auch die Einbände, deren Gestaltung in Admont öfter zu finden ist – einfache hellbraune Ledereinbände mit Langschließen, Streicheisenlinien und jeweils auf dem Vorderdeckel aufgeklebten Titelschildern mit dem für beide Bände übereinstimmenden Text Glosa magistri Petri Parisiensis super unum ex quatuor[6].

Interessant sind die Besitzvermerke, die sich in den Bänden finden. Unmittelbar an das Textende in der letzten Zeile von f. 128vb in CAd 31 schließt von anderer aber etwa gleichzeitiger Hand geschrieben Liber sancte Marie uirginis ohne eine Ortsbezeichnung an. In CAd 32 findet sich einerseits auf der Versoseite eines ungezählten Vorsatzblattes ein eindeutig Admonter Besitzvermerk wohl des 13. Jahrhunderts: Liber iste pertinet ad ecclesiam sancte Marie et sancti Blasii in Agmunt. Sehr ungewöhnlich ist freilich das Marienpatrozinium, das in Admonter Besitzvermerken sonst nicht vorkommt[7].

CAd 32, Rückseite des Vorsatzblattes

CAd 32, Rückseite des Vorsatzblattes

Richtig interessant wird es dann auf f. 128va. Unter dem Explicitvermerk des Textes hat eine nahzeitige Hand in vergrößerter Schrift Liber sancte Marie uirginis eingetragen; danach folgt eine Rasur, doch sind unschwer die Worte in salem zu erkennen. Offenkundig wurde hier der Versuch unternommen, die eigentliche Herkunft des Bandes zu verschleiern, und vielleicht ist auch die Erwähnung des ungewöhnlichen Marienpatroziniums im sicher Admonter Besitzvermerk auf dem Vorsatzblatt so zu verstehen.

CAd 32, f. 128va (Detail)

CAd 32, f. 128va (Detail)

Jedenfalls dürfte es sich bei dem Vermerk auf f. 128va um einen der ältesten bekannten Salemer Besitzvermerke handeln – zumindest lässt dies der Vergleich mit den Besitzvermerken in den bisher online zugänglichen Salemer Handschriften vermuten[8] .

Eine Sammlung früher Besitzvermerke aus Salemer Handschriften, heute in der Universitätsbibliothek Heidelberg

Eine (unvollständige) Sammlung früher Besitzvermerke aus Salemer Handschriften, heute in der Universitätsbibliothek Heidelberg

Gibt es Anhaltspunkte für Kontakte zwischen Salem und Admont im Mittelalter? Außer den beiden besprochenen Handschriften sind bisher keine bekannt geworden; alles Weitere ist daher hypothetisch und spekulativ. Es ist aber daran zu erinnern, dass Salem seit Beginn des 13. Jahrhunderts in enger Beziehung zum Salzburger Erzbischof stand: Erzbischof Eberhard II.[8] hatte am 16. Dezember 1201 dem Abt und Konvent von Salem im Gegenzug zur Selbstunterstellung des Klosters unter das Erzbistum eine Saline in Hallein geschenkt[10]. Dieser sehr interessante Vorgang, dessen Hintergrund vermutlich in den verwandtschaftlichen Beziehungen Erzbischof Eberhards in den Bodenseeraum und zur Salemer Stifterfamilie zu suchen ist, war der Anfang einer bis zur Aufhebung Salems 1803 andauernden engeren Verbindung zwischen Kloster und Erzbistum, die sich für Salem als außerordentlich lukrativ erweisen sollte[11]. Auch Admont war nicht nur durch seine Lage in der Erzdiözese sondern auch durch seine Gründung durch Erzbischof Gebhard eng mit Salzburg verbunden. Wie Salem profitierte auch Admont von der Salzgewinnung in Hallein; beide Klöster hatten mitunter Aufträge des Erzbischofs zu erfüllen. Vielleicht entstanden auf diese Weise die Kontakte, die der Salemer Petrus Cantor-Handschrift ihre Wanderung nach Admont ermöglichte? Jedenfalls wäre es nun interessant, die CAd 31 und 32 einer genaueren paläographischen und kunsthistorischen Untersuchung zu unterziehen und Buberls Einordnung als „nordfranzösische (Pariser) Arbeit aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts“[12] im Lichte jüngerer Forschungen zur Salemer Buchproduktion einer Überprüfung zu unterziehen.

[1] Paul Buberl, Die illuminierten Handschriften in Steiermark I: Die Stiftsbibliotheken zu Admont und Vorau (Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich IV/1 = Publikationen des k.k. Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Leipzig 1911) 149 Nr. 126; online hier.

[2] Sigrid Krämer, Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters 2 (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband I, München 1989) 701.

[3] Ewald Jammers, Die Salemer Handschriftensammlung, in: Bibliotheca docet. Festschrift Carl Wehmer (Amsterdam 1963) 45-64; Wilfried Werner, Schreiber und Miniatoren – ein Blick in das mittelalterliche Skriptorium des Klosters Salem, in: Salem. 850 Jahre Reichsabtei und Schloß. Ed. Reinhard Schneider (Konstanz 1984) 295-342.; Andrea Fleischer, Zisterzienserabt und Skriptorium. Salem unter Eberhard I. von Rohrdorf (1191-1240) (Imagines Medii Aevi 19, Wiesbaden 2004).

[4] Friedrich Stegmüller, Repertorium biblicum Bd. 4 (Madrid 1954) 267 Nr. 6504.

[5] Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs Bd. 3: Steiermark. Bearb. v. Gerlinde Möser-Mersky (Graz / Wien / Köln 1961) 24 Z. 40-42. Ebenso im zweiten Verzeichnis des Petrus von Arbon von 1380, ebd. 39 Z. 11-13.

[6] Der Einband von CAd 31 ist 1958 von Eleonore Klee (St. Florian) restauriert worden. Sie hat auch den – Wichners Katalogbeschreibung zufolge schwer schadhaft gewesenen – Einband von CAd 32 durch einen neuen, dem alten Einband nachempfunden Einband ersetzt; das alte Titelschild ist auf dem neuen Vorderdeckel aufgeklebt.

[7] Nachtrag 12.2.2016: P. Maximilian Schiefermüller (Stiftsbibliothekar und Archivar von Admont) danke ich für den Hinweis, dass Admont bis ins späte Mittelalter tatsächlich das Doppelpatrozinium Blasius und Maria besaß. Vgl. auch Jakob Wichner, Geschichte des Benediktiner-Stiftes Admont. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Jahre 1177 (Graz 1874) 33 (online).

[8] Codices Salemitani – digital – ein wunderbares Angebot der Universitätsbibliothek Heidelberg in vorbildlicher Präsentation!  Auch Wilfried Werner, Die mittelalterlichen nichtliturgischen Handschriften des Zisterzienserklosters Salem (Wiesbaden 2000) ist hier online zugänglich.

[9] Hans Martin Schaller, Art. „Eberhard II. von Regensberg“, in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959) 231 [Onlinefassung]  (8.2.2016).

[10] Salzburger Urkundenbuch Bd. 3: Urkunden von 1200-1246. Bearb. von Willibald Hauthaler und Franz Martin (Salzburg 1918) (online  [8.2.2016]) 13-15 Nr. 543; Codex diplomaticus Salemitanus, Bd. 1: 1134-1266, hrsg. von Friedrich von Weech (Karlsruhe 1883) (online [8.2.2016]) 91-93 Nr. 61.

[11] Werner Rösener, Reichsabtei Salem. Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte des Zisterzienserklosters von der Gründung bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts (Vorträge und Forschungen, Sonderband 13, Sigmaringen 1974) (online [8.2.2016]), bes. 53-55; Otto Volk, Salzproduktion und Salzhandel mittelalterlicher Zisterzienserklöster (Vorträge und Forschungen, Sonderband 30, Sigmaringen 1984) (online [8.2.2016]), bes. 45-72.

[12] Buberl, wie Anm. 1.

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Eine Heilmittelkompilation aus der Historia naturalis des Plinius? – Zu Marginalien in ÖNB Cod. 9-10

In der noch bis 21. Februar laufenden Ausstellung „Goldene Zeiten. Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance“ im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek wird als ein mögliches Beispiel für den frühen habsburgischen Buchbesitz ein Teil des heute zweibändigen Plinius-Codex ÖNB cod. 9-10 gezeigt (Cod. 9; Cod. 10). Die Handschrift entstand im 12. Jahrhundert vielleicht im Stift St. Blasien im Schwarzwald. Eine eindeutige Zuordnung ist jedoch aufgrund der wenigen erhaltenen Handschriften des Klosters bisher nicht gelungen[1]. Sowohl das ursprünglich ÖNB Cod. 9 vorgebundene Nekrologfragment des Stiftes[2] als auch ein Besitzvermerk auf fol. 1r weisen aber jedenfalls auf eine Bibliotheksheimat St. Blasien hin. Laut demselben Eintrag verborgte das Kloster im Jahr 1278 die Handschrift an Rudolf von Habsburg-Laufenburg, der zwischen 1274 und 1293 Bischof von Konstanz war (siehe Abbildung)[3]. Die weitere Geschichte des Codex, der vielleicht nicht mehr an das Stift zurückgegeben wurde und im frühen 17. Jahrhundert zum ersten Mal in der Hofbibliothek nachgewiesen werden kann, ist bisher noch nicht im Detail bekannt. Er wird jedoch vorsichtig zum frühen Buchbesitz der Habsburger gezählt[4]. Als Hinweis darauf wird, neben der Tatsache, dass der Konstanzer Bischof ein Vetter König Rudolfs I. war, vor allem der Eintrag A E I o auf fol. 231r von ÖNB Cod. 10 angesehen (neue Folierung fol. 42r; siehe Abbildung). Diese Buchstabenfolge wird als unvollständige Devise Kaiser Friedrichs III. gedeutet, wie sie in ihrer vollständigen Form A E I O U in Handschriften aus seinem Besitz zu finden ist[5]. Die Form der Ausführung, wie auch die Anbringung an wenig prominenter Stelle mitten in der Handschrift, lässt allerdings trotz Ähnlichkeiten in den Buchstabenformen gewisse Zweifel an der Zuweisung aufkommen[6].

Während Provenienz und Buchschmuck der prächtig ausgestatten Handschrift immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen waren, haben die Marginalien bisher wenig Beachtung gefunden. Unter diesen sei hier nun eine Gruppe herausgegriffen, die offensichtlich auf die Erstellung eines Exzerptes abzielte. An verschiedenen Stellen finden sich Eintragungen eines Lesers, der um 1300 (?) einen Kopisten anweist, genau definierte Stellen der Handschrift abzuschreiben. Der Beginn der zu kopierenden Stelle wird mit scribe oder scribe hic gekennzeichnet, ihr Ende jeweils mit usque huc (siehe Abbildung). Eine erste grobe Durchsicht der markierten Textstellen zeigt, dass das Interesse des Lesers wohl vor allem bei pflanzlichen und tierischen Heilmitteln lag. Die Vermerke gruppieren sich in den Büchern 23 bis 31 der Historia naturalis, die den medizinischen Eigenschaften verschiedener Pflanzen und Tierprodukte gewidmet sind. So interessieren etwa die Heilkräfte von Salbei, Weide oder Haarstrang, aber auch gewisse Anwendungsmöglichkeiten von Muttermilch, Knochenmark oder Tiergalle. Während im Bereich der Pflanzen meist das gesamte, oft nur kurze, Kapitel des Pliniustextes kopiert werden soll, scheint bei den Tierprodukten die Auswahl spezifischer. Im umfangreichen Kapitel zur medizinischen Anwendung von Fett (lib. XXVIII c. 37) wird etwa speziell ein Rezept gegen Krätze markiert.

Noch völlig unklar ist, wer diese Exzerpte wofür anfertigen ließ. Die möglichen Ansatzpunkte sind breit gestreut. Zählen z.B. die Pflanzen zu den typischen Vertretern im mitteleuropäischen Klima bzw. im mittelalterlichen Garten? Werden Heilmittel gegen bestimmte Krankheiten besonders häufig exzerpiert? Steht der Praxisbezug oder das gelehrte Interesse im Vordergrund? Lassen sich Rückschlüsse auf die Person des Lesers und sein Umfeld finden? Erst eine genauere Analyse aller Einträge kann hier vielleicht den Hintergrund näher beleuchten.

Die erste Durchsicht scheint jedenfalls auf ein Exzerpieren zum praktischen medizinischen Gebrauch hinzudeuten. Im Kapitel über die Verwendung der Tiergalle (lib. XXVIII c. 40) werden zwar alle Anwendungen der Galle übernommen, die abschließenden Informationen über römische Opferpriester und dass es ihnen verboten war, Pferde zu berühren, wird aber ausgelassen. Sie war jedenfalls zum Zeitpunkt der Exzerpierung nur noch von gelehrtem Interesse.

Vorsicht vor Überinterpretation ist natürlich bei allen Rückschlüssen auf die Person des Lesers geboten. So könnte man bei unbefangener Lektüre vermuten, dass er sich in einer Krise seines Liebeslebens befunden hätte. Der Schreiber wird nämlich angewiesen, ein Rezept zum Erwecken der Liebeslust zu kopieren, das ein Einreiben mit Sand, in dem sich ein weibliches Maultier gewälzt hat, vorschreibt. Nach diesem ersten Schritt muss offensichtlich auch die Geburt eines Nachkommen gesichert werden. Auch hier hilft Plinius: Dieser rät, während des Geschlechtsakts Haare, die einem weiblichen Maultier während der Begattung durch einen Hengst entrissen wurden, zu verknoten, um eine Frau, auch gegen ihren Willen, zu schwängern. Bei Erfolg lässt sich das Verlangen nach dem anderen Geschlecht dann mit einem weiteren, ebenfalls kopierten, Rezept stillen (alle Exzerpte aus lib. 30). Man hofft angesichts der Interessenslage beinahe, dass die Exzerpte nicht im klerikalen Umfeld entstanden!

Diese kleine Analyse, die natürlich mehr der Erheiterung als der wissenschaftlichen Forschung dient, soll einen kleinen Einblick in die Verwendung der Pliniushandschrift bieten. Für die Geschichte der Hofbibliothek birgt die genaue Auswertung der Marginalien die geringe Hoffnung, einen weiteren Provenienzhinweis zu gewinnen. Der Fund einer Handschrift mit genau diesen Pliniusexzerpten oder Hinweise zu Person und Umfeld des Exzerptors könnten helfen, die Verbindung des Habsburgischen Hauses zu ÖNB Cod. 9-10 entweder zu stärken oder zu verwerfen.

[1] Den besten Überblick gibt Hubert HOUBEN, St. Blasianer Handschriften des 11. und 12. Jahrhunderts. Unter besonderer Berücksichtigung der Ochsenhauser Klosterbibliothek (Münchener Beiträge zur Mediävistik und Renaissance-Forschung 30, München 1979), 45-48 zur Handschrift.

[2] Hubert HOUBEN, Das Fragment des Necrologs von St. Blasien. (Hs. Wien, ÖNB Cod. lat. 9, fol. I-IV). Facsimile, Einleitung und Register. Frühmittelalterliche Studien 14 (1980) 274-298.

[3] zu Rudolf von Habsburg B. v. Konstanz siehe den Eintrag von Veronika FELLER-VEST in Historisches Lexikon der Schweiz http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D12663.php

[4] Die Signatur des zweiten Bibliothekars der Bibliothek, Sebastian Tengnagel, ist von der Hand Peter Lambecks auf fol. 1r in Cod. 9 eingetragen. Vgl. zur Geschichte der Handschrift Julius H. HERMANN, Die deutschen romanischen Handschriften (Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich VIII/2, Leipzig 1926) 47f und HOUBEN, St. Blasianer Handschriften (wie Anm. 1) 46f.

[5] Zu „Devise“ siehe v. a. Alfons LHOTSKY, A.E.I.O.U. Die „Devise“ Kaiser Friedrichs III. und sein Notizbuch, in: DERS., Aufsätze und Vorträge II: Das Haus Habsburg, hg. von Hans WAGNER und Heinrich KOLLER (Wien 1971) 164-222. Ein Überblick zur Forschungsgeschichte mit weiterer Literatur bei Heinrich KOLLER, Zur Bedeutung des Vokalspiels AEIOU. Österreich in Geschichte und Literatur 39/3 (1995) 162-170.

[6] Andreas FINGERANGEL, Friedrich III. und das Habsburgische Erbe, in: Goldene Zeiten. Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance. Katalogband zur Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek vom 20. November 2015 bis 21. Februar 2016, hg. von Andreas FINGERNAGEL (Wien 2015), 43-47, hier 46.

Besitzvermerk des Klosters St. Blasien mit Verleihvermerk an Bischof Rudolf von Konstanz von 1278.

ÖNB cod. 9 fol. 1r: Besitz- und Verleihvermerk des Klosters St. Blasien

ÖNB Cod. 10 fol. 231r (42r): Unvollständige Devise Friedrichs III.

ÖNB Cod. 10 fol. 231r (42r): Unvollständige Devise Friedrichs III.

ÖNB Cod. 20 fol. 220v (39v): Beispiel für eine Kopieranweisung

ÖNB Cod. 20 fol. 220v (39v): Beispiel für eine Kopieranweisung am linken Rand

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Konrad von Mure in Linz

Konrad von Mure, geboren im frühen 13. Jahrhundert im schweizerischen Muri und wahrscheinlich im dortigen Benediktinerkloster erzogen (ein Studium in Bologna und Paris wird vermutet, ist aber nicht sicher zu beweisen), war seit 1244 als Schulmeister, seit 1259 auch als Kantor am Großmünster in Zürich tätig. Bis zu seinem Tod 1281 verfasste er eine beachtliche Anzahl von Werken (viele davon in Versen), von denen allerdings nur wenige vollständig erhalten geblieben sind[1]. Eine von ihm selbst zusammengestellte Liste seiner metrischen Werke im Epilog seines Fabularius nennt an erster Stelle Nouus Grecismus habet circiter decem milia quingentos sexaginta uersus[2] – ein umfangreiches, am Grecismus des Eberhard von Béthune anknüpfendes, ihn inhaltlich aber weit überschreitendes Lehrgedicht in Hexametern, dessen Abfassung in Zusammenhang mit Konrads Tätigkeit als Schulmeister zu sehen ist. Gegenwärtig sind Überlieferungen in 14 Handschriften bekannt (die allerdings nicht alle den vollständigen Text enthalten), von denen 12 für die Erstellung der kritischen Edition herangezogen wurden[3]. Dem Herausgeber unbekannt war allerdings ein Fragment einer Handschrift, das sich in der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz befindet.

Cod. 589 der Oberösterreichischen Landesbibliothek besteht aus einem Pergamentblatt, das als Einband eines Druckes (zu diesem siehe weiter unten) verwendet und im August 1909 abgelöst worden ist. Das Blatt ist etwa 220 mm hoch und 165 mm breit; beide Seiten sind jeweils in zwei Spalten zu je 41 Zeilen beschriftet. Gegenüber seiner ursprünglichen Größe dürfte das Blatt nur unwesentlich beschnitten sein; Textverlust ist jedenfalls keiner festzustellen. Die Schrift ist auf der zum Buch gekehrt gewesenen Seite recht gut lesbar, während sie auf der Außenseite des Blattes, vor allem im Bereich des ehemaligen Rückens, durch Abrieb mitunter nur schwach erkennbar ist. Die Schrift des Blattes ist eine einfache Textualis wohl des frühen 14. Jahrhunderts. Am oberen Rand hat eine frühneuzeitliche Hand eine Spaltenzählung (noch erkennbar sind die Zahlen 260 bis 262) eingetragen.

Auf einem beiliegenden Papierblatt wird der Text als „Bruchstück eines Gedichtes mythologischen Inhaltes in Hexametern, lateinisch“ beschrieben. Tatsächlich handelt es sich um ein Stück der ausführlichen Genealogie der heidnischen Götter, die Konrad in den Novus Grecismus aufgenommen hat. Der Text umfasst die Zeilen 1009 bis 1164 des neunten Buches von Konrads Werk[4] und weist keine wesentlichen Varianten zum Text der Edition auf. Im Gegensatz zu vielen anderen Handschriften finden sich keine Interlinear- und Marginalglossen. Für die sichere Identifizierung des Textes ist es hilfreich, dass der Schluss des genealogischen Gedichts und die daran anschließende Behandlung der Dreizahl auf dem Fragment enthalten ist. Die Göttergenealogie allein hat Konrad nämlich noch einmal in seinem Fabularius verwendet[5]; überdies ist sie in einer Reihe von Handschriften eigenständig überliefert[6].

Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek, Cod. 589 verso (Konrad von Mure, Novus Grecismus IX, 1089-1169)

Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek, Cod. 589 verso (Konrad von Mure, Novus Grecismus IX, 1089-1169)

Der Druck, als dessen Einband das Fragment gedient hat, ist ein 1649 in München erschienenes polemisches Werk des italienischen Jesuiten Alberto Alberti (1593-1676)[7]. Das Exemplar der Oberösterreichischen Landesbibliothek[8] stammt aus dem Besitz des Benediktinerstifts Garsten bei Steyr, wie aus einem auf dem Titelblatt eingetragenen Besitzvermerk des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts hervorgeht.

Alberto Alberti, Generales Vindiciae. Titelblatt mit Garstener Besitzvermerk (Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek I-61511)

Alberto Alberti, Generales Vindiciae. Titelblatt mit Garstener Besitzvermerk (Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek I-61511)

Die auf dem Makulaturblatt erkennbare frühneuzeitliche Spaltenzählung lässt vermuten, dass die Handschrift des Novus Grecismus im 16. Jahrhundert jedenfalls noch intakt gewesen ist. Ein ungefährer Terminus ante quem für die Makulierung ist das Erscheinungsjahr des Druckes 1649. Ob Konrads Novus Grecismus Bestandteil der mittelalterlichen Garstener Bibliothek war oder das Makulaturblatt aus einer anderen Quelle stammt, ist gegenwärtig nicht zu klären[9].

[1] Knappe Überblicke über Biographie, Werke und Überlieferung: Erich Kleinschmidt, Art. „Konrad von Mure“, in: Verfasserlexikon 2. Aufl. Bd. 5 (Berlin / New York 1985) Sp. 236-244, Nachtrag Bd. 11 (Berlin / New York 2004) Sp. 879; Christian Folini, Art. „Konrad von Mure“, in: Historisches Lexikon der Schweiz, online-Version (Stand 28.10.2008, besucht 26.12.2015); Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“, Conradus de Mure [Stand 6.9.2012, besucht 26.12.2015]; zuletzt Tom van de Loo, Mittelalterliche Gelehrsamkeit im Zürich des 13. Jahrhunderts: der Enzyklopädist und Mythograph Konrad von Mure im Lichte der neueren Forschung, in: Mittellateinisches Jahrbuch 50 (2015) 123-136.

[2] Conradi de Mure Fabularius, ed. Tom van de Loo (CCCM 210, Turnhout 2006) 548 Z. 40f.

[3] Konrad von Mure, Novus Grecismus. Auf der Grundlage aller vorhandenen Handschriften erstmals herausgegeben, eingeleitet und mit Register versehen von Alexandru N. Cizek (Münstersche Mittelalter-Schriften 81, München 2009), kurze Beschreibung der Handschriften p. lxxxii-lxxxviii.

[4] Novus Grecismus, ed. Cizek 307-312.

[5] Konrad von Mure, Fabularius, ed. van de Loo 27-48.

[6] Iane biceps qui clusius atque patulcius idem … – … Est Anthoninus successor in ordine regum. Vgl. Initia carminum ac versuum medii aevi posterioris latinorum. Alphabetisches Verzeichnis der Versanfänge mittellateinischer Dichtung. Unter Benützung der Vorarbeiten Alfons Hilkas bearbeitet von Hans Walther (Carmina Medii Aevi Posterioris Latina I, Göttingen 1959; Nachträge und Berichtigungen 1969) Nr. 9769. Folgende Überlieferungen sind mir derzeit bekannt: Budapest, Országos Széchényi Könyvtár Cod. lat. 423 (bis 1919 Wien, Hofbibliothek Cod. 109) f. 1r-9v; Oxford, Bodleian Library, Bodl. Ms. 292, f. 148va-149vb (unvollständig); München, Bayerische Staatsbibliothek Clm 6722 und 24505; Strasbourg, Bibliothèque nationale et universitaire Cod. 88 (85) f. 2r-12v; Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 250, f. 1r-11r (digitalisiert).

[7] Generales Vindiciae, Adversus Famosos Gasparis Scioppii Libellos, Societati Jesu, Ab Alberto De Albertis, Ex Eadem Societate, … Datae (Monachii: Straubius [Lukas Straub], 1649). 571 Bl., 12o. VD17 12:114255M [27.12.2015]. Ein Digitalisat des Exemplars der Bayerischen Staatsbibliothek gibt es hier [27.12.2015].

[8] Signatur I-61511.

[9] Zur Geschichte der Garstener Bibliothek vgl. Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs, Bd. 5: Oberösterreich. Bearb. v. Herbert Paulhart (Wien / Köln / Graz 1971) 19-24. Abgesehen von einer Bücherschenkung des Abtes Otto von Garsten 1331 ist aus dem Kloster keine mittelalterliche Bücherliste bekannt.

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Der Wiener Hilarius-Papyruscodex

Im Zuge der Vorbereitung für eine Handschriftenpräsentation hatte ich vor einiger Zeit Gelegenheit mich intensiver mit dem sogenannten „Wiener Hilarius“ zu beschäftigen. Die Früchte dieser Beschäftigung sollen nun in einigen Blogeinträgen vorgestellt werden. Den Anfang macht eine kurze Übersicht über die einstige Sammelhandschrift, die heute in mehrere Codices geteilt in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird.

Der als „Wiener Hilarius“ bezeichnete Teil des ursprünglichen Sammelbands ist eine fragmentarische Überlieferung von Hilarius Pictaviensis De Trinitate und des ebenfalls fragmentarischen Traktats Contra Arianos auf Papyrus. In Wien werden heute 101 Blätter und kleine, später erworbene Fragmente dieses Papyruscodex aufbewahrt. Ein weiteres kleines Fragment befindet sich im oberösterreichischen Stift St. Florian, während ein vollständiges Blatt Teil des Fondo Barberini der Biblioteca Apostolica Vaticana ist[1]. Wann die Fragmente aus der Handschrift entfernt wurden, ist bisher nicht geklärt. Der Papyruscodex entstand im 6. Jahrhundert wohl in Süditalien und wurde um die Mitte des Jahrhunderts wahrscheinlich in Aquino durchkorrigiert (siehe das Bild)[2]. Später gelangte die Handschrift in die Bibliothek des Domkapitels von Benevent, wo sie spätestens Mitte des 15. Jahrhunderts mit dem heutigen Cod. 903 der ÖNB vereint wurde. Sowohl diese in Beneventana geschriebene, unvollständige Abschrift der Paulusbriefe aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, als auch die Papyrushandschrift enthalten Eintragungen des Bibliothekars Luigi Theuli (gest. nach 1450)[3]. Schon damals befanden sich wohl auch die heute als Cod. 1 in der ÖNB aufbewahrten Pergamentfalzstreifen mit Fragmenten aus Plinius und Ulpian aus dem 5. Jahrhundert in der Bindung. In diesem zusammengesetzten Zustand, in dem die Handschrift im späteren 18. Jahrhundert nach Wien kam[4], beschreibt sie der Kustos der Hofbibliothek Michael Denis in seinem 1799 publizierten Katalog[5]. Wie der Pappeinband des frühen 19. Jahrhunderts des Cod. 903 zeigt, wurden der Pergament- und der Papyrusteil der Handschrift nur wenig später getrennt und gleichzeitig wohl auch die Falzstreifen ausgelöst. Dabei ging der von Denis beschriebene alte Einband verloren: „… qui illud rursus inter tabulas ligneas crassas Sec. XIV. compegit, tabulas has interne membranis vestivit Poema quoddam Equestre lingua Gallica continentibus eleganter exaratis. Quoniam vero earum extreme panno holoserico nigricante ita cooperuit, ut Versuum partim initia, partim fines legi nequeant, satis habeo observasse: comparere in iis nomina Marcien le persan, Gadifer, Porrus, Phezonas, sermonemque non semel esse de Pavonibus“. Aus diesen Beobachtungen schließt Denis, dass es sich bei dem nur partiell lesbaren französischen Gedicht um Les Voeux du paon handeln muss.

Tatsächlich findet sich in den Beständen der ÖNB unter der Signatur Cod. Ser. n. 242 ein Fragment dieses Chanson de geste. Erhalten haben sich zwei stark beschnittene Doppelblätter einer in Südfrankreich im 14. Jahrhundert geschriebenen Handschrift[6]. Zwei sekundäre Einträge auf den Blättern deuten darauf hin, dass es sich hiebei um die von Denis beschriebenen Makulaturblätter handelt: Eines der Doppelblätter, heute als fol. 2-3 bezeichnet, trägt auf fol. 2r orthogonal zum französischen Text die Aufschrift „Liber de summa trinitate“. Im Gegensatz zur Beschreibung des Fragments im Handschriftenkatalog handelt sich dabei nicht um einen Rückentitel, da die typischen Beschädigungen und Abreibungen fehlen, die durch die Verwendung als Umschlag üblicherweise entstehen. Vielmehr war das entsprechende Blatt wahrscheinlich aufgefaltet am vorderen Innendeckel aufgeklebt. Die starke Beschädigung von fol. 2v-3r, die den Text beinahe unlesbar macht, deutet jedenfalls auf eine derartige Anbringung hin. An dieser Stelle gab der sekundär eingetragene Titel damit den Inhalt des ersten Teils der ursprünglichen Sammelhandschrift an. Den zweiten, noch deutlicheren Hinweis liefert das Doppelblatt fol. 1 und 4, von dem fol. 1v und fol. 4r stark beschädigt sind. Auf fol. 1r steht ebenfalls orthogonal zum französischen Text der Eintrag „366 pagg.“ Addiert man nun die Blattzahl der Papyrushandschrift Cod. 2160* (101 Bll.) zu der Anzahl der Pergamentblätter von Cod. 903 (82 Bll.) ergibt dies 183 Blätter oder 366 Seiten, was exakt der Angabe in Cod. ser. n. 242 entspricht. Auf diesem Doppelblatt sind überdies Spuren eines alten Einbandes sichtbar.

Die beiden Doppelblätter wurden nach der Ablösung von der Handschrift zunächst in der Fragmentensammlung aufbewahrt, von wo sie 1870 in die Series nova Reihe einsigniert wurden. Die Information über die Trägerhandschrift war, wie so oft, damals schon verloren gegangen. Mit dem Auffinden des Makulaturblattes Cod. Ser. n. 242 ist damit die gesamte ursprünglich in die Hofbibliothek aufgenommene Sammelhandschrift, die neben dem französischen Fragment die lateinischen Handschrift Cod. 1, Cod. 903 und Cod. 2160* umfasste, rekonstruiert. Ob die Zuordnung des Makulaturblattes weitere Hinweise zur mittelalterlichen Geschichte der Handschrift bieten kann, müssen zukünftige Forschungen zeigen.

[1] ÖNB Cod. 2160* (Handschrift und Fragmente in Summe 103 Blatt), Vat. Barb. lat. 9916, Sankt Florian, Stiftsbibliothek, III.15.B.

[2] Lesevermerk „Dulcitius Aquini legebam“, siehe u.a. Jan-Olof TJÄDER, Die nicht literarischen lateinischen Papyri Italiens I (Lund, 1955) 39f, 478 zur Handschrift und zum Namen Dulcitius.

[3] Jean MALLET – André THIBAUT, Les manuscrits en écriture Bénéventaine de la Bibliothèque capitulaire de Bénévent I (Paris 1984) 14.

[4] Zur neuzeitlichen Geschichte der Handschrift siehe bald einen weiteren Blogeintrag. Einen ersten Überblick liefert Rudolf BEER, Monumenta Palaeographica Vindobonensia. Denkmäler der Schreibkunst aus der Handschriftensammlung des Habsburg-Lothringischen Erzhauses. 1. Lieferung (Leipzig 1910) 26-28.

[5] Michael DENIS, Codices Manuscripti Bibliothecae Palatinae Vindobonensis Latini Aliarumque Occidentis Linguarum. Vol. II. Pars I. (Wien 1799) Sp. 1096-1116.

[6] Otto MAZAL und Franz UNTERKIRCHER, Katalog der abendländischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek: „Series nova“ (Neuerwerbungen), Teil 1: Cod. Ser. n. 1-1600 (Museion N.F. 4/2, 1, Wien 1965) 79.

ÖNB Cod. 2160* fol. 21r mit dem Korrektorvermerk "Dulcitius Aquini legebam"

ÖNB Cod. 2160* fol. 21r mit dem Korrektorvermerk „Dulcitius Aquini legebam“

Cod. ser. n. 242 fol. 1r mit der Angabe "366 pagg."

ÖNB Cod. ser. n. 242 fol. 1r mit der Angabe „366 pagg.“

Cod. ser. n. 242 fol. 2r mit der Aufschrift "Liber de sanctissima trinitate"

ÖNB Cod. ser. n. 242 fol. 2r mit der Aufschrift „Liber de summa trinitate“

 

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Warum Iter Austriacum?

Mit der Wahl des Namens Iter Austriacum knüpft der Blog an die Berichte von Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts an, die – ganz wie es hier online beabsichtigt ist – interessante Funde in Handschriften österreichischer (und anderer) (Stifts)bibliotheken in knapper Form zusammengefasst publizierten. Aus den vielen derartigen Veröffentlichungen seien hier die Bemühungen von Wilhelm Wattenbach [1] herausgegriffen:  Zunächst  suchte er auf seiner „Reise nach Österreich in den Jahren 1847, 1848, 1849“ [2] die Bibliotheken bedeutender österreichischer Klöster wie Admont, Heiligenkreuz, Melk oder St. Peter in Salzburg ebenso wie die öffentlichen Bibliotheken etwa in Wien, Graz und Linz nach historisch relevanten Texten und Heiligenlegenden ab. In einem „Iter Austriacum 1853“ [3]  erweiterte er dann die Reiseroute nochmals. Seine Hoffnung, mit seinen Berichten andere Gelehrte zu weiteren Nachforschungen und neuen Projekten anzuregen, erfüllte sich jedoch nicht, sodass er sich 1876 genötigt sah, eine Ferienreise zum nochmaligen Besuch der steiermärkischen Stifte und zur Aufarbeitung einiger Quellen zu nutzen[4]. Möge diesem Blog ein ähnliches Schicksal erspart bleiben!

[1] Carl Rodenberg, „Wattenbach, Ernst Christian Wilhelm“. Allgemeine Deutsche Biographie 44 (1898) 439-443 [Onlinefassung].

[2] Wilhelm Wattenbach, Reise nach Österreich in den Jahren 1847, 1848, 1849. Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtkunde 10 (1851) 426-693.

[3] Wilhelm Wattenbach, Iter Austriacum, Archiv für Kunde österreichischer Geschichts-Quellen 14 (1855) 1-94.

[4] Wilhelm Wattenbach, Bericht über eine Reise durch Steyermark im August 1876. Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 2 (1877) 381-425, hier 385.

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Iter Austriacum

Jeder Handschriftenforscher kennt die Situation: Man beginnt die Arbeit an einer Handschrift mit einem bestimmten Forschungsziel vor Augen und plötzlich fällt der Blick auf Texte, Marginalien, Glossen, Besitzvermerke und andere Eintragungen, die nicht im Mittelpunkt der eigenen Forschungen stehen und doch interessant scheinen. Die Erkenntnisse werden notiert, vielleicht mit einigen weiterführenden Hinweisen versehen; von einer Publikation wird jedoch zunächst abgesehen, um noch weitere Forschungen anzustellen. In den meisten Fällen endet der Forschungsweg dann leider an dieser Stelle und findet nicht einmal Eingang in die Rubrik „Kurze Berichte aus Handschriften“, wozu einige Zeitschriften die Möglichkeit böten. Damit bleiben diese potentiell für eine größere Wissenschaftsgemeinschaft nützlichen Informationen oft für immer im privaten Archiv verborgen.

Ziel dieses Blogs ist es eine Plattform zu bieten, um solche Funde und Erkenntnisse rasch und gesammelt online zur Verfügung stellen zu können. Wie der Name schon andeutet, liegt das Hauptaugenmerk auf Handschriften in und aus dem heutigen Österreich, ohne jedoch Notizen aus anderen Orten ganz außer Acht lassen zu wollen.

Die Idee zu diesem Projekt entstand im Umfeld des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; der Blog möchte aber ein Gemeinschaftsblog sein, weswegen wir alle an Handschriften Interessierten herzlich zur Abfassung von Beiträgen einladen.

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