Zur Geschichte der Admonter Riesenbibel im 12. Jahrhundert

Die vollständige Onlinestellung der Admonter Riesenbibel in der Österreichischen Nationalbibliothek (zwei Bände als ÖNB Cod. Ser. n. 2701 und 2702)[1] soll zum Anlass genommen werden, auf bisher nicht beachtete Hinweise zu ihrer Geschichte aufmerksam zu machen.

Abbildung 1: Anbetung des goldenen Kalbs (ÖNB Cod. ser. n. 2701, fol. 4)

Weite Teile der Biographie der bedeutenden Handschrift lassen sich gut belegen: Kunsthistorisch ist die Entstehung der reich ausgestatteten Bände in Salzburg um die Mitte des 12. Jahrhunderts anzunehmen[2]. Spätestens ab etwa 1200 wurde die Bibel in St. Peter zu Csatár in Westungarn (Bistum Veszprém) aufbewahrt. Darauf deuten eine Abschrift einer Urkunde des Klosters, Notizen zu Schenkungen (beides Cod. Ser. n. 2701 fol. 52r [54r]), sowie ein Reliquienverzeichnis (ebd. fol. 3r) hin. Etwas später kam die Handschrift als Pfand nach St. Adrain in Zala (ebd. fol. 3r)[3]. Durch Besitzvermerke lässt sie sich schließlich im 15. Jahrhundert im steirischen Kloster Admont nachweisen, von dem sie aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten des Stifts 1937 an die Nationalbibliothek verkauft wurde[4].

Noch nicht endgültig geklärt ist die Geschichte der Bibel zwischen ihrer Anfertigung und dem Transfer nach Ungarn. László Mezey untersuchte 1981 Hymnen, die im zweiten Band auf fol. 3r7r, 10rv, 11r, 12r am Seitenrand nachgetragen wurden[5]. Inhaltlich lassen sich die Hymnen dem zisterziensischen Gebrauch zuordnen, womit Mezey annahm, dass die Riesenbibel vor ihrer Verbringung nach Ungarn eine Zwischenstation in einem Zisterzienserkloster gemacht haben müsse[6]. Bei der Suche nach dem konkreten Kloster zieht er Heiligenkreuz in Niederösterreich und Rein in der Steiermark als Möglichkeit in Betracht. Heiligenkreuz scheint ihm die Voraussetzung engerer Kontakte nach Ungarn besser als Rein zu erfüllen. Einerseits habe der Konvent aufgrund von zu geringer Dotation überlegt, einem Angebot Bélas II. folgend, nach Ungarn zu übersiedeln, andererseits gründete Heiligenkreuz 1142 die Abtei Cikádor in Ungarn (Bistum Pecs).

In jüngerer Zeit beschäftigte sich Robert Klugseder wieder mit den nachgetragenen Hymnen[7]. Er weist sie als vollständiges zisterziensisches Hymnar aus, ordnet nun allerdings die Notation Ungarn zu: Es handle sich um das früheste Beispiel der Graner-Notation. Dieselbe Notation verwenden die etwas später eingetragenen fragmentarischen Antiphonae per annum, die aber in benediktinischer Tradition stehen. Klugseder geht daher davon aus, dass beide Nachträge in Csatár entstanden sind, und zwar unter Verwendung einer Zisterzienserhandschrift als Vorlage für das Hymnar. Er hält die Notation für ein Zisterzienserkloster für unvorstellbar und schließt damit Heiligenkreuz als Zwischenstation der Handschrift auf ihrem Weg nach Ungarn „definitiv aus“[8].

Diesem so vehement geäußerten Schluss stehen nun zwei neue paläographische Beobachtungen entgegen: die nachträgliche Interpunktion, die die Handschrift zur Lesung vorbereitet, sowie der Hauptkorrektor im ersten Band.

An mehreren Stellen der Handschrift lässt sich der Punctus flexus nachweisen, wie er als Zeichen für eine kurze Pause im Vortrag von den Zisterziensern verwendet wird[9]. Im Haupttext und auch bei den im 12. Jahrhundert angebrachten Korrekturen auf Rasur[10] wurde die Interpunktion meist nachgetragen (z.B. erster Band fol. 48r). Auf dem vollständig vom Hauptkorrektor des ersten Bandes geschriebenen fol. 262 (265) ist das Zeichen zumindest teilweise vom Schreiber eingetragen[11]. Die Interpunktion weist also darauf hin, dass die Admonter Riesenbibel für die Lesung in einem Zisterzienserkloster überarbeitet wurde[12]. Diese Überarbeitung geschah nach der im Folgenden diskutierten Korrektur, lässt sich aber zeitlich bisher nicht eindeutig einordnen.

Abbildung 2: Einrichtung zur Lesung Cod. ser. n. 2701, fol. 165ra
Abbildung 3: Nachgetragener Punctus flexus auf Korrektur auf Rasur in ÖNB Cod. ser. n. 2701, fol. 48ra

Auf die Zisterzienser deutet auch die Hand des Hauptkorrektors hin, die sich zweifelsfrei identifizieren lässt: Es handelt es sich um den im 1133 gegründeten Zisterzienserstift Heiligenkreuzer mehrfach nachweisbaren Schreiber HLK 122 A. Sehr charakteristisch für seine Hand ist die Form der et-Ligatur mit einer Schleife aus dem Kopf und einem Knick mit verdicktem Ende im Fuß. Ebenso stechen z.B. die Minuskel-x mit starkem Knick im nach links unten führenden Schaft hervor. Die Schriftstilisierung entspricht nicht dem bayerisch-österreichischen Raum, sondern weist auf das Mutterland des Ordens hin. Außer der namensgebenden Handschrift Heiligenkreuz Cod. 122 konnte dem Schreiber bisher nur ein Beitrag in Heiligenkreuz Cod. 289 zugewiesen werden. In beiden Handschriften wirkt er als Textschreiber und beide weisen weitere Schreiber mit französischer (burgundischer?) Schriftstilisierung auf[13].

Abbildung 4: Korrekturen von HLK 122 A in ÖNB Cod. ser. n. 2701, fol. 55ra

Dass HLK 122 A tatsächlich in Heiligenkreuz tätig war, zeigt vor allem die älteste erhaltene Originalurkunde für Heiligenkreuz, die 1136 von Bischof Reginmar von Passau ausgestellt wurde und als Empfängerausfertigung von seiner Hand stammt[14]. Als weiterer Hinweis kann auch seine Verwendung des bajuwarischen z gelten (siehe Abbildung 5). In der Admonter Riesenbibel finden wir HLK 122 A nun als Korrektor einer jedenfalls in Österreich hergestellten Handschrift, womit er einerseits eine neue Rolle im Skriptorium übernimmt, andererseits noch einmal sicherer in Österreich lokalisiert werden kann.

Trotz dieser Schreiberidentifikation wird man sich hüten, die These von László Mezey sicher bestätigt zu sehen, dass die Admonter Riesenbibel in Heiligenkreuz aufbewahrt wurde. Wie jüngste Untersuchungen zeigen, ist im 12. Jahrhundert ein Schreiberaustausch zwischen Mutter- und Tochterkloster bei den österreichischen Zisterziensern häufiger nachweisbar[15], ebenso kommt es zum Austausch mit anderen Zisterzen und sogar mit Klöstern anderer Orden[16]. Während die Interpunktion gegen eine Korrektur außerhalb des Zisterzienserordens spricht, müssen andere Zisterzienserklöster, besonders aus der Filiation Heiligenkreuz, als Zwischenstationen der Handschrift zumindest in Betracht gezogen werden.

Neben dem Mutterkloster selbst sind dies auf österreichischem Boden die Zisterzen Zwettl (gegründet 1138) und Baumgartenberg (1141/2-1783), aus denen größere Buchbestände erhalten sind. Die sekundären Aufzeichnungen zum Buchbestand der drei Klöster helfen bei der Zuweisung nicht weiter. Die Bücherlisten des 12. und frühen 13. Jahrhunderts aus Heiligenkreuz[17] und Zwettl[18] erwähnen keine Bibeln im Bibliotheksbestand, weil diese wie auch die liturgischen Bücher an anderer Stelle (in der Sakristei?) aufbewahrt wurden. Die Baumgartenberger Bücherliste aus dem Beginn des 13. Jahrhunderts nennt Quatuor partes bibliothece[19] und damit offensichtlich nicht die heute zweibändige Riesenbibel. Zum Zeitpunkt der Erstellung der Bücherliste wäre die Riesenbibel jedoch ohnehin nicht mehr in der Baumgartenberger Bibliothek sondern bereits in Kloster Csátar gewesen. Tatsächlich hatte nicht nur, wie bereits angeführt, Heiligenkreuz Beziehungen zu Ungarn, sondern auch das oberösterreichische Tochterkloster. Friedrich, ein Begleiter Ottos von Freising und der erste Abt von Baumgartenberg, wurde Bischof in Hungaria [20]. Allerdings lässt sich der Schreiber HLK 122 A im Gegensatz zu zahlreichen anderen Heiligenkreuzer Schreibern bisher nicht in Baumgartenberg nachweisen, sodass es keinen konkreten, materiellen Anhaltspunkt für einen Aufenthalt der Bibel in Oberösterreich gibt.

Als wahrscheinlichste These bleibt daher trotz aller Vorsicht, dass die Admonter Riesenbibel zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Geschichte tatsächlich in Heiligenkreuz aufbewahrt wurde. Für zukünftige Forschungen, die diese These stärken oder schwächen können, gibt es mehrere Ansätze. Zunächst ist die paläographische Untersuchung der Handschriften und vor allem der zahlreichen Korrekturvorgänge noch unvollständig. Es lassen sich in Text, Korrekturen und Nachträgen mehrere Hände des 12. und 13. Jahrhunderts finden, die vielleicht noch genauer zugeordnet werden können. Auf inhaltlicher Ebene kann der dem Schreiber HLK 122 A und anderen Korrektoren zur Verfügung stehende Bibeltext mit den in den österreichischen Zisterzen vorhandenen Texten verglichen werden, um so eine nähere Einordnung zu treffen.

Abbildung 5 Marginalnote des 13. Jahrhunderts, die auf einen Vergleich des korrigierten Texts mit anderen Handschriften hinweist. (ÖNB Cod. ser. n. 2701, fol. 55rb)

Erst danach kann man sich zwei weiteren ungelösten Fragen zur Geschichte der Riesenbibel widmen: Wann und auf welchem Weg erhielt ein Zisterzienserkloster, mutmaßlich Heiligenkreuz, die Handschrift und wie gelangte sie danach nach Ungarn?

Keines der genannten Zisterzienserklöster besaß, soweit heute ersichtlich, in der Mitte des 12. Jahrhunderts Handschriften in ähnlich prachtvoller Ausstattung. Mezey vermutet, dass Erzbischof Konrad I. von Salzburg (gestorben 1147) die Bibel Leopold III. (gestorben 1136), dem Gründer von Heiligenkreuz, schenkte und dieser sie seiner Gründung übergab[21]. Sollte dies zutreffen, müsste die bisher in die Mitte des 12. Jahrhunderts datierte Handschrift in die frühen 1130er Jahre vordatiert werden. Immerhin lässt sich ein ähnliches Geschenk für Leopolds zweite Gründung, das Chorherrenstift Klosterneuburg, nachweisen. Laut einer Urkunde erwarb er bei den Chorherren von St. Nicola in Passau unter anderem eine dreibändige Bibel, die er Klosterneuburg übergab. Hier liegt jedoch auch eine engere persönliche Beziehung zwischen den beiden Stiften vor: Propst Hartmann von Klosterneuburg wurde aus St. Nicola berufen[22]. Nicht auszuschließen ist aber auch eine spätere Schenkung der Riesenbibel, für die potentielle historische Hintergründe jedoch erst untersucht werden müssen.

Aufgrund fehlender Quellen wahrscheinlich nicht mehr im Detail nachvollziehbar ist der Weg der Handschrift nach Ungarn. Möglich wäre ein Geschenk an König Bela II., wie es Mezey anführt[23], aber auch ein Weg über die Tochtergründung Cikádor, über deren Buchbestand jedoch nichts bekannt ist. In diesen Kontext fällt auch die Frage nach der Einordnung des nachgetragenen zisterziensischen Hymnars mit ungarischer, nicht-zisterziensischer Notation in die Geschichte der Handschrift.

Für den Moment müssen viele Fragen um die Frühgeschichte der Admonter Riesenbibel offen bleiben. Schon jetzt zeigt sich aber deutlich, wie wichtig eine interdisziplinäre Untersuchung dieser bedeutenden Handschrift ist und wie leicht Erkenntnisse aus einzelnen Fachbereichen zu übereilten Schlüssen führen können.


[1] Vier Blätter fehlen aus Band 1, von denen jene zwischen fol. 234/235 und fol. 243/244 in der École des Beaux Arts in Paris aufgefunden werden konnten: Hanns Swarzenski, Two unnoticed leaves from the Admont Bible. Scriptorium 10 (1956) 94-96.

[2] Zuletzt zum Buchmuck: Andreas Fingernagel, Die Admonter Riesenbibel: (Wien, ÖNB, Cod. Ser. n. 2701 und 2702) (Codices illuminati 1, Graz 2001). Wichtig auch zur Ausstattung und frühen Forschungsgeschichte Tünde Wehli, Die Admonter Bibel (Acta Historiae Artium Academiae Scientiarum Hungaricae XXIII, 3–4, 1977) 173 – 285; Handschriftenbeschreibung Otto Mazal – Franz Unterkircher, Katalog der abendländischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek: „Series nova“ (Neuerwerbungen): Teil 2: Cod. Ser. n. 1601-3200 (Museion N.F. 4, Bd. 2, T. 2, Wien 1963) 359-368.

[3] Zu den Urkunden siehe auch Paul Buberl, Die illuminierten Handschriften in der Steiermark I: Die Stiftsbibliotheken zu Admont und Vorau (Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich 4,1 = Publikationen des K. K. Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Leipzig 1911) 20 und 22. Erstmals wurde die Beziehung in der ungarischen Forschung im 19. Jahrhundert hergestellt. Siehe zur Forschungsgeschichte László Mezey, Wie kam die Admonter Bibel nach Ungarn? Codices manuscripti 7 (1981) 48–51, hier 48.

[4] Siehe zum Verkauf zuletzt Katharina Kaska, Unabhängige Experten? Die Nationalbibliothek als Gutachter und Käufer von klösterlichem Buchbesitz, in: dass die Codices finanziell unproduktiv im Archiv des Stiftes liegen. Bücherverkäufe österreichischer Klöster in der Zwischenkriegszeit, hg. von Katharina Kaska und Christoph Egger (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 77, Wien 2022) 71–96, hier: 85 mit der dort angeführten Literatur.

[5] Mezey, Admonter Bibel (wie Anm. 3). Mezey datiert sie in die Mitte des Jahrhunderts, was zu früh scheint.

[6] Als Zeitspanne sieht er dabei die Zeit zwischen der Entstehung und die zweite Hälfte der 1140er Jahr, da er mit Wehli, Admonter Bibel 176 (wie Anm. 2) annimmt, dass die Bibel dem Kloster Csatár anlässlich der Kirchenweihe geschenkt worden war.

[7] Rober Klugseder, Die Notation des Hymnars der Admonter Riesenbibel. Codices manuscripti 73/74 (2010) 9–14.

[8] Zusammenfassend ebd. 13.

[9] Ebenso auch von Kartäusern, aber siehe Anm. 12. Zur Verwendung des Punctus flexus bei den Zisterziensern siehe z. B. Malcolm B. Parkes, Pause and effect: An introductioin to the history of punctuation in the west (Berkeley 1992) 38–40 mit Tafel 18 und 19; Nigel Palmer, Simul cantemus, simul pausemus. Zur mittelalterlichen Zisterzienserinterpunktion, in: Lesevorgänge. Prozesse des Erkennens in mittelalterlichen Texten, Bildern und Handschriften, hg. von Eckart C. Lutz – Martina Backes – Stephan Matter (Medienwandel, Medienwechsel, Medienwissen 11, Zürich 2010) 483–569.

[10] Fingernagel, Admonter Riesenbibel 13f. (wie Anm. 2) zu den Korrekturen

[11] Das Blatt wurde ebd. 53, passierend auf Mazal, Katalog (wie Anm. 2) 359, fälschlich ins 13. Jh. datiert.

[12] Die Kartause Seiz (Žiče) im heutigen Slowenien wurde 1165 gegründet, Aggsbach, Mauerbach und Gaming erst im 14. Jahrhundert. Eine Überarbeitung in einer Kartause ist daher kaum möglich.

[13] Zum Schreiber und seinem Werk: Alois Haidinger – Franz Lackner, Die Bibliothek und das Skriptorium des Stiftes Heiligenkreuz unter Abt Gottschalk (1134/1147) (Codices Manuscripti et Impressi, Supplementum 11, Purkersdorf 2015) 24 bzw. online auf www.scriptoria.at unter den genannten Handschriften.

[14] Zu ihm als Urkundenschreiber Katharina KASKA, Untersuchungen zum mittelalterlichen Buch. Und bibliothekswesen im Zisterzienserstift Heiligenkreuz (Masterarbeit, Universität Wien, 2014) 24. Zur Urkunde Roman Zehetmayer, Diplomatische Untersuchungen zum zweiten Band des Niederösterreichischen Urkundenbuchs. Mitteilungen aus dem Niederösterreichischen Landesarchiv 15 (2012) 59–115, hier 81. Urkunde abgedruckt in Roman Zehetmayer et. al., Niederösterreichisches Urkundenbuch II: 1076–1156 (Publikationen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 8/2, St. Pölten 2013) 710–712, Nr. 232. 

[15] Siehe den Austausch zwischen Baumgartenberg und Heiligenkreuz: Katharina KASKA, Schreiber und Werke. Ein Vergleich paläographischer und textlicher Beziehungen am Beispiel der österreichischen Zisterzienserklöster Heiligenkreuz und Baumgartenberg als methodischer Zugang zur Untersuchung monastischer Netzwerke, in: Die Bibliothek – The Library – La Bibliothèque. Denkräume und Wissensordnungen (Miscellanea Mediaevalia 41), hg. von Andreas Speer – Lars Reuke (Berlin–Boston 2020) 61–95.

[16] Siehe Beispiele auf www.scriptoria.at wie die Schreiber HLK 79 und HLK 98 A.

[17] Theodor Gottlieb, Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs 1: Niederösterreich (Wien 1915, Nachdr. Aalen 1974) 18–20.

[18] Ebd. 510–516.

[19] Herbert Paulhart, Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs. V: Oberösterreich ( Wien 1971) 14–18, Eintrag auf 15 Z. 3

[20] … in cenobio Morimundensi ubi pernocatverat se monachum fecit, cum aliis quindecim qui secum venerant electissimis clericis. Qui etiam, ut ab uno illorum audivi, Friderico nomine, qui et ipse in abbatem Pomkartenperge et deinde in Hungaria in episcopum electus fuerat, omnes in diversas dignitates promoti sunt. (MGH SS 9 610, 30 – 611,2).

[21] Mezey, Admonter Bibel (wie Anm. 3) 50f.

[22] Gottlieb, MBKÖ 1 (wie Anm. 17) 83 zur frühen Geschichte der Klosterneuburger Bibliothek. Bereits 1330 war nur noch ein Band der ursprünglich dreibändigen Bibel vorhanden, der heute unvollständig ist (ebd. 89; Klosterneuburg, Stiftsbibliothek, Cod. 1).

[23] Mezey, Admonter Bibel (wie Anm. 3) 51.

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Aggsbach / Göttweig, und Admont (Beobachtungen aus Auktionskatalogen III)

Am 25. Oktober 2022 bietet das Auktionshaus Reiss & Sohn (Königstein im Taunus) im Rahmen seiner 211. Auktion gleich zwei Handschriften mit prominenter österreichischer Herkunft an. Los 1 ist eine Vollbibel des 13. Jahrhunderts, die aus dem Besitz der Kartause Aggsbach stammt.  Freilich ist die Handschrift um einiges älter als die 1380 gestiftete Kartause; einem in der Handschrift enthaltenen Vermerk zufolge, der im Katalog leider nur zitiert wird aber nicht abgebildet ist, ist der Codex emptus per dominum Johannem priorem a quodam sacerdote In Ytalia (f. 297v). Ob dieser Johannes mit dem zunächst Mauerbacher Mönch und dann ersten Aggsbacher Prior Johannes Fleischesser zu identifizieren ist oder ob es sich um einen späteren Prior (etwa Johannes Span de Ottlistetn, um 1424, erwähnt in Wien, ÖNB Cod. 1727 und Cod. 4633) dieses Namens handelt, läßt sich aufgrund der Katalogangaben nicht verifizieren. Eine eindeutige Identifikation des Codex mit einem Eintrag im Aggsbacher Bibliothekskatalog aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist nicht möglich. In Frage kämen die Bände C 7 / 1 und C 7 / 2, gleichlautend beschrieben als Item biblia integra cum exposicione terminorum biblie in fine[1] – falls die laut Auktionskatalog die Handschrift beschließenden Teile „der verbreitete Index nominum Hebraicorum sowie … ein alphabetisches Glossar an, anscheinend basierend auf dem Liber qui dicitur Angelus“ der im mittelalterlichen Katalog genannten Expositio terminorum biblie entsprechen. Natürlich ist auch die Möglichkeit zu bedenken, daß die Handschrift erst nach der Abfassung des Katalogs Teil der Aggsbacher Bibliothek geworden ist. Auf dem unteren Rand des zweiten Blattes der Handschrift findet sich ein von einer Hand des wohl frühen 18. Jahrhunderts geschriebener Eintrag: Inter theologos.

Analoge Einträge sind in einer Reihe von Aggsbacher Handschriften zu finden, die heute in der österreichischen Nationalbibliothek verwahrt werden: Inter theologos (Cod. 597, Cod. 1491); Inter Asceticos (Cod. 760, Cod. 4403); Inter Historicos (Cod. 1735, Cod. 5308); Inter Miscellaneos (Cod. 1663, Cod. 3178, Cod. 3473, Cod. 4067, Cod. 4761); Inter philosophos (Cod. 2357); Inter sermones (Cod. 4734). Vielleicht lassen diese Einträge bibliothekarische Ordnungsbemühungen in der Barockzeit erkennen. Freilich wäre es verfehlt, dazu die auf dem Rücken der Handschrift sichtbare Signatur „K 50“ in Beziehung zu setzen, deren Schrift sicher in die Neuzeit zu datieren ist, denn diese Signatur hat nichts mit Aggsbach zu tun sondern weist auf die Geschichte der Handschrift nach der Aufhebung der Kartause 1782 unter Joseph II. hin.

Die Bibliothek wurde durch die Aufhebung zerstreut, wobei eine größere Anzahl von Handschriften in die Wiener Hofbibliothek, heute Österreichische Nationalbibliothek gelangte; zahlreiche Drucke kamen in die Wiener Universitätsbibliothek. Weitere Handschriften und Bücher kamen in andere Bibliotheken – etwa Budapest, Országos Széchényi Könyvtár, Cod. 233 und Cod. 282; andere in private Hände – wie etwa jener Codex, der 2021 vom Wiener Antiquariat Inlibris angeboten wurde; die Papierhandschrift aus dem 15. Jahrhundert enthält die dem Robert Kilwardby zugeschriebene Tabula zu Augustinus, De civitate Dei, und scheint inzwischen verkauft worden zu sein. Eine andere und besonders wichtige Aggsbacher Handschrift, nämlich der Bibliothekskatalog aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, gelangte 1913 „aus einer österreichischen Sammlung“ über das Auktionshaus C. G. Boerner in Leipzig in die Bibliothek Eduard Langer in Braunau in Böhmen und wurde 1934 von H. P. Kraus an die Österreichische Nationalbibliothek verkauft, wo sie heute als Cod. Ser. nov. 2583 aufgestellt ist.

Einige Handschriften gelangten in den Besitz von Stift Göttweig – und eine dieser Handschriften ist nun genau der Codex, der jetzt von Reiss & Sohn zur Versteigerung angeboten wird. Die Signatur „K 50“ findet ihre Entsprechung im Göttweiger Handschriftenkatalog des 18. Jahrhunderts (Cod. 962a (rot) / 878 (schwarz)), in dem der Codex auf f. 167v beschrieben ist. In der Göttweiger Bibliothek trug er später die Signatur Cod. 114 (rot) 61 (schwarz), im Katalog des P. Vinzenz Werl (1844) (Bd. 1 p. 192f.) erhielt er eine ausführliche Beschreibung.[2] Im Zuge einer Inventarisierung der Göttweiger Kunstgegenstände im Jänner 1939 am Vorabend der Aufhebung des Stiftes durch die Nazis wurde das Fehlen der Handschrift vermerkt, 1952 auch im Katalog von Vinzenz Werl eingetragen (p. 193). Vermutlich ist sie mit anderen Büchern der Göttweiger Bibliothek in der Zwischenkriegszeit verkauft worden.[3] „Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts“, so der Auktionskatalog, „befindet sie sich in einer deutschen Privatsammlung.“

Los 4 der Auktion ist der ehemalige Cod. 496 der Stiftsbibliothek Admont. Es ist keineswegs unwichtig, auf die bequem online zugängliche Beschreibung dieser Handschrift im Katalog der Admonter Handschriften von Jakob Wichner (1888, p. 208f.) und auf die darauf aufbauende Behandlung des Codex in Andrea Rzihaceks Buch über die medizinischen Handschriften des Klosters Admont[4] hinzuweisen, da sich auf diese Weise eine durchaus nicht unbedeutende Unzulänglichkeit in der Katalogbeschreibung von Reiss & Sohn offenbart. Der Codex befindet sich in seinem mittelalterlichen Einband, der – wie manche Admonter Handschriften – auf dem mit Streicheisenlinien verzierten Vorderdeckel von einer Hand des 15. Jahrhunderts mit Tinte eine knappe Inhaltsangabe trägt: Versus Egidii de vrina.

Auf dem Rücken ist das wohlbekannte Papierschild mit der Admonter Bibliothekssignatur 496 aufgeklebt. Die Handschrift umfaßt heute 24 Blätter und enthält die Versus de urinis des Gilles de Corbeil mit einem Kommentar des Gilbertus Anglicus (eine eingehende Beschreibung und Erläuterung des Inhaltes mit weiterführenden Literaturangaben ist im gerade erwähnten Buch von Andrea Rzihacek zu finden). Ein Blick auf das Ende des Buchblockes und den Hinterdeckelspiegel macht allerdings stutzig – könnte es sein, daß hier etwas fehlt?

Und in der Tat – nach der Beschreibung von Jakob Wichner umfaßte die Handschrift 39 Blätter, auf die Versus de urinis folgte f. 25r ein Traktat des Urso von Salerno, De effectibus qualitatum; daran schloß eine Version des unter dem Namen Trotula bekannten frauenmedizinischen Kompendiums an (wohl in einer verkürzten Form); und schließlich folgte mit Maurus von Salerno, De urinis ein weiterer Harntraktat. Alle diese Texte fehlen in der hier angebotenen Handschrift, die daher nicht dem Zustand entspricht, in dem sie bis 1934 im Stift Admont verwahrt wurde. In diesem Jahr wurde der Codex an das Züricher Antiquariat L’Art ancien, damals unter der Leitung von Arthur Späth, verkauft. Die weitere Geschichte des Codex und insbesondere seiner seither stattgefunden Zerteilung, ist derzeit unbekannt. „Seit den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts“, so die Katalogbeschreibung von Reiss & Sohn, befand sich die Handschrift „in einer deutschen Privatsammlung“ – nach dem am Schluß des Katalogs gedruckten Einbringerverzeichnis vermutlich die selbe, die auch die als Los 1 angebotener Aggsbacher Handschrift enthielt.

[1] Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs. Bd. 1: Niederösterreich. Bearbeitet von Theodor Gottlieb (Wien 1915) [Digitalisat] 565 Z. 22f. und 24f.

[2] Die Handschrift ist auch erwähnt in Christine Glaßner, Abgewanderte Handschriften aus der Göttweiger Bibliothek, in: Vom Schreiben und Sammeln. Einblicke in die Göttweiger Bibliotheksgeschichte. Ed. Astrid Breith, unter Mitarbeit von Nikolaus Czifra, Christine Glaßner und Magdalena Lichtenwagner (Studien und Forschungen aus dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde 74, St. Pölten 2021) 169-194, hier 185f., wo die Beschreibung von Werl abgedruckt ist.

[3] Bernhard Rameder, Stift Göttweig zwischen den Kriegen: Verkauf und Erwerb von Kulturgütern in Notzeiten, in: „dass die Codices finanziell unproduktiv im Archiv des Stiftes liegen.“ Bücherverkäufe österreichischer Klöster in der Zwischenkriegszeit. Ed. Katharina Kaska und Christoph Egger (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 77, Wien 2022) 97-116, hier 113; Ders., Göttweiger Bücher im Salzberg. Die Bergung der Göttweiger Handschriften während des Zweiten Weltkrieges im Salzbergwerk Altaussee, in: Vom Schreiben und Sammeln (wie Anm. 2) 195-215, hier 205.

[4] Andrea Rzihacek, Medizinische Wissenschaftspflege im Benediktinerkloster Admont bis 1500 (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsband 46, Wien / München 124f.

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Ein neues Fragment des Missale Salisburgense aus der Fragmentsammlung des Zentralarchivs des Deutschen Ordens (DOZA) in Wien

Im Zentralarchiv des Deutschen Ordens (DOZA) in Wien befindet sich ein nicht unerheblicher Teil der historischen Überlieferung des Deutschen Ordens.[1] Zwar kann nicht von  „der“ zentralen Überlieferung gesprochen werden, vielmehr werden im DOZA Sammlungen unterschiedlicher Provenienzen aufbewahrt. So befindet sich als ein bedeutender Bestand das Archiv des Hochmeistertums aus Mergentheim im DOZA.[2] Weiterhin wurden Bestände zu verschiedenen Balleien, etwa von Böhmen oder der Ballei an der Etsch und im Gebirge, im DOZA abgeliefert. Von Anfang an lag der Bestand der Ballei Österreich in Wien.

Unter der Signatur Hs. 551 wird im DOZA eine Mappe aufbewahrt, in der sich die Makulatur befindet, welche im Verlauf der letzten rund 100 Jahre von den dortigen Beständen abgelöst worden war. Die 30 hier verwahrten Fragmente dienten als Einbände von Steuerregistern, Zehntbüchern, Urbaren, Zinsbüchern, Protokollen und Prozessunterlagen aus den Kommenden Großsonntag, Gumpoldskirchen, Laibach und Wiener Neustadt.[3] Die Laufzeit dieser Trägerbände erstreckte sich auf den Zeitraum von 1565 bis 1698.[4] Bei den eben genannten Kommenden befindet sich weitere Makulatur noch in situ, wie Stichproben in diesen Beständen ergeben haben. Es ist also mit weiteren Fragmenten, die aus denselben Handschriften stammen können, zu rechnen.

29 der 30 genannten Fragmente stammen aus mittelalterlichen Handschriften, deren Inhalt hauptsächlich im liturgischen Bereich (Brevier, Lektionar, Missale) zu verorten war, bestand aber auch aus theologischen Traktaten, wie die Ausführungen des Kirchenvaters Augustinus zum Johannes-Evangelium,[5] Bibeln, Grammatiktexte[6] oder historische Abhandlungen.[7]

Abb. 1: Fragment des Missale Salisburgense

Ein einziges Fragment war Bestandteil einer Inkunabel.[8] Das Pergamentblatt ist am Rand beschnitten, es fehlen von der der Bindung zugewandten Spalte ca. zwei Buchstaben. Die Außenmaße je Seite betragen 310 x 185 mm, der geringfügig beschnittene Schriftraum 260 x 160 mm. Der Text ist zweispaltig gesetzt mit 38 Zeilen je Spalte. Wie bei liturgischen Texten üblich sind die Gesangstexte in einer etwas kleineren Schrifttype gedruckt. Mit roter Tinte wurden die Überschriften sowie die Foliierung LI gedruckt. Diese befindet sich annähernd mittig über der b-Spalte der Recto-Seite. Weiterhin finden sich dreizeilige rote Lombarden zu Beginn einzelner liturgischer Texte.

Zum ehemaligen Trägerband lassen sich leider keine genauen Angaben machen. Auf dem rechten Rand von f. 51r befindet sich die Angabe SchlüssRachtüng vor Durget Wax Anno 1625 biß […] Anno 1626. Ein Band mit einem Friedenabschluss einer entsprechenden Person ist in den Archivalien im DOZA nicht nachweisbar. Aufgrund der Knickspuren und der Positionierung der Aufschrift des Trägerbandes quererlaufend zum Inkunabel-Text auf dem rechten Rand kann gefolgert werden, dass es sich bei dem Trägerband um einen Quart-Band gehandelt haben muss.

Die Formulare, die sich auf f. 51rv befinden, gehören zu einem Missale mit Auszügen zur Feria quinta et Feria sexta post dominicam quartam quadragesimam, also aus der Fastenzeit. Der Text setzt mitten in der Postcommunio zur Feria quinta ein. Die Feria sexta wird eigens als solche bezeichnet. Das Formular umfasst die Teile vom Introitus-Psalm bis zur Evangelien-Lesung Erat quidem languens (Io 11,1 ff.), die sich auf der gesamten Verso-Seite hinzieht.

Abb. 2: Unterer Teil von f. 51v mit Ausschnitten aus der Evangelien-Lesung.

Die im Fragment aufgeführte Liturgie entspricht, wie ein Vergleich mit dem Liber Ordinarius gezeigt hat, nicht der Liturgie des Deutschen Ordens, vielmehr kann es als Rest eines Missale Salisburgense angesprochen werden. Die Drucktype deutet auf das von Georg Stuchs für Johannes Rynman in Nürnberg 1498 gedruckte Missale.[9] Ein Verglich mit dieser in der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) München vorhandenen Inkunabel bestätigt diese Vermutung.[10]

Diese Inkunabel ist in wenigen kompletten Exemplaren hauptsächlich in österreichischen Bibliotheken vorhanden, ein Großteil der Überlieferung basiert indessen auf Fragmenten.[11] So besitzen heute nach den Angaben im ISTC u.a. die Dominikaner in Friesach (heute in der Dominikanerbibliothek in Wien), die Stiftsbibliothek St. Peter in Salzburg (Fragment), die Benediktiner in St. Lambrecht, St. Paul (nur ein Blatt) und St. Peter in Salzburg sowie die Vorauer Chorherren unvollständige Exemplare bzw. Fragmente. Lediglich die Bibliotheken in Graz und Klagenfurt scheinen unbeschädigte Codices zu besitzen. Das hier vorliegende Fragment ist zudem eines der sehr wenigen Drucke auf Pergament.

Außer dieser Inkunabel aus dem Jahr 1498 druckte Georg Stuchs in Nürnberg bereits 1492 ein Missale Salisburgense, von dem sich deutlich mehr Textzeigen erhalten haben.[12] Die beiden Inkunabeldrucke von 1492 und 1498 sind die einzigen vor dem Jahr 1500.

Da die Liturgie der Kirchenprovinz Salzburg die im österreichischen Raum vorherrschende ist, verwundert es nicht weiter, dass unter der anderen Makulatur der Sammlung im DOZA ebenfalls Reste von Missale-Handschriften mit Salzburger Provenienz zu finden sind. So spiegeln die Fragmente Nr. 2-3,[13] 12, 22 und 24 ebenfalls die Salzburger Liturgie wider.

Die Salzburger Liturgie ist vergleichsweise gut erforscht. Dies liegt zu einem erheblichen Teil an dem bis 2019 an den Universitäten Graz und Wien beheimateten Cantus Network-Projekt begründet, in welchem die Libri Ordinarii, die für Messe und Offizium maßgeblichen Regelbücher, ediert, digitalisiert und erforscht wurden.[14] Der Liber Ordinarius diente als Grundlage für die Ausformulierung der für den Gottesdienst notwendigen Handschriften, wozu das Missale als „Haupt“-Text zu rechnen ist. Das Missale selber kann je nach Kirche oder Orden gleichwohl liturgische Unterschiede zum Liber Ordinarius aufweisen, diese bewegen sich jedoch in einem kleinen Rahmen.

Mittelalterliche Handschriften des Typs Missale Salisburgense sind in einiger Zahl vorhanden.[15] So wird bspw. in der UB Graz ein Missale Salisburgense aus der Zeit um 1200 aufbewahrt, welches aus dem Augustiner-Chorherrenstift Seckau, das auch einige Libri Ordinarii ihr Eigen nannte, stammt.[16] Dieser Codex weist Seckauer Eigenheiten auf. „Reine“ Salzburger Liturgie findet sich in Archiven und Bibliotheken in Graz (Diözesanarchiv und UB),[17] Klosterneuburg (Augustiner-Chorherrenstift),[18] Salzburg (Archiv der Erzdiözese und Museum)[19] und Wien (ÖNB).[20]

Die letztgenannte Handschrift, Cod. 14123 der ÖNB, war ursprünglich im DOZA beheimatet.[21] Sie wurde aus der Ordensbibliothek mit weiteren, mindestens 339 Handschriften, auch Liturgica sowie theologische Codices aus dem Zeitraum des 13. bis 15. Jahrhunderts, für 900 Gulden 1861 an die Wiener Hofbibliothek verkauft.[22] Stichhaltige Gründe für den Verkauf seitens des Deutschen Ordens sind nicht bekannt.


[1] P. Klemens Wieser OT, Das Zentralarchiv des Deutschen Ordens in Wien, in: Archivalische Zeitschrift 60 (1964), S. 131-152. P. Frank Bayard OT, Das Deutschordens-Zentralarchiv in Wien, in: Österreichische Archive. Geschichte und Gegenwart, hg. von Petr Elbel, Brünn 2019, S. 486-503.

[2] Karl Lampe, Die Auflösung des Deutschordenshauptarchivs zu Mergentheim, in: Archivalische Zeitschrift 57 (1961), S. 66-130.

[3] Zu Großsonntag, Laibach und Wiener Neustadt vgl. P. Marian Tumler OT: Der Deutsche Orden im Werden, Wachsen und Wirken bis 1400 mit einem Abriß der Geschichte des Ordens von 1400 bis zur neuesten Zeit, Wien 1955, S. 54 und 92-95. Zu Gumpoldskirchen vgl. Günther Ollinger, Der Deutsche Orden in Gumpoldskirchen – Eine Entwicklungsgeschichte – Von den Anfängen bis zum 17. Jahrhundert, Magisterarbeit Univ. Wien 2011, S. 58-64.

[4] Anette Löffler, Makulatur und ihre Trägerbände im Zentralarchiv des Deutschen Ordens (DOZA) in Wien, in: Deutscher Orden 1 (2021), S. 22-30.

[5] Anette Löffler, Die Makulatursammlung (Hs. 551) im Zentralarchiv des Deutschen Ordens in Wien. Katalog und Beschreibung des Bestandes (Erschließung abgeschlossen, Druck in Vorbereitung), Nr. 5.

[6] So bspw. ein Fragment aus dem Liber derivationum des Huguccio von Pisa, vgl. Löffler (wie Anm. 5), Nr. 27.

[7] Hier ein Fragment aus De bello judaco des Flavius Josephus, vgl. Löffler (wie Anm. 5), Nr. 30.

[8] Löffler (wie Anm. 5), Nr. 19.

[9] GW M24689; istc im00719000.

[10] BSB München, 2 Inc. c. a. 3667, f. 51rv (Aufnahme 128-129). ‚Missale Salisburgense‘, Bild 128 von 556 | MDZ (digitale-sammlungen.de)

[11] Hinzu kommen sieben, teilweise unvollständige Exemplare in anderen Ländern.

[12] GW M24684. ISTC im00718000.

[13] Bei Fragment Nr. 3 ist die Reihenfolge der Formulare der Votivmessen verändert.

[14] https://gams.uni-graz.at/context:cantus/sdef:Context/get?locale=de 

[15] Ferdinand Eichler, Eine Salzburger Missalienwerkstätte des späten XV. Jahrhunderts, in: Gutenberg-Jahrbuch 15 (1940), S. 163-168. Friedrich Simander, Ein vermutliches Missale Salisburgense der British Library, in: Codices manuscripti 48/49 (2004), S. 7-12.

[16] UB Graz, Ms 479. Zum Digitalisat Austrian Literature Online: Missale Salisburgense. (1200). Weitere Handschriften dieses Typs vgl. UB Graz, Ms 417, Ms 456, Ms. 469, Ms. 474 und Ms 716.

[17] Diözesanarchiv Graz, Cod. 8801 – XVIII C 7/33. UB Graz, Ms 74, Ms 112, Ms 131, Ms 281, Ms 285, Ms 444 und Ms 767.

[18] StiftB Klosterneuburg, Cod. 610.

[19] Salzburg, Erzbischöfliches Konsistorialarchiv, Cod 2. Salzburg Museum, Hs 858.

[20] ÖNB Wien, Cod. 14123.

[21] Robert Klugseder e.a., Katalog der mittelalterlichen Musikhandschriften der Österreichischen Nationalbibliothek Wien (Codices mansucripti & impressi, Supplementum 10), Purkersdorf 2014, S. 208-210 und Abb. 67a-d.

[22] Franz Lackner, Zum Kauf der Handschriften der Bibliothek des Deutschen Ordens in Wien durch die Hofbibliothek im Jahre 1861, in: Codices manuscripti 25 (1998), S. 17-33, mit einer Liste der verkauften Handschriften auf S. 26-31. Zu den liturgischen Handschriften Robert Klugseder, Die mittelalterlichen liturgischen Handschriften der Bibliothek des Deutschen Ordens in Wien, in: Codices manuscripti 73/74 (2010), S. 31-42.

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Päpste unter dem Hammer (Beobachtungen aus Auktions- und Antiquariatskatalogen II)

In den am 1. August 1373 von Papst Gregor XI. herausgegebenen Konstitutionen für das Kapitel der Lateranbasilika in Rom wird die Verwahrung der Privilegien und anderen Urkunden folgendermaßen geregelt:

[II, 30] Et privilegia, statuta et instrumenta sine licentia domini cardinalis, vel eo absente eius vicarii et capituli, nullus temptet de loco ubi sunt reposita removere, nisi pro evidenti causa ipisus ecclesie vel alicuius deservientium in eadem. Et tunc manibus vicarii seu camerariorum infra tempus per vicarium et cameriarios prefigendum debeat ad ipsos camerarios reportare. Contrarium faciens excommunicationis sententia se noverit innodatum, a qua absolvi nequeat nisi illa reportet primitus ad sacristie locum unde receperat[1].

Etwas freier übersetzt: Die Privilegien, Kapitelstatuten und anderen Urkunden darf niemand ohne Erlaubnis des Erzpriesters der Lateranbasilika oder, wenn dieser abwesend ist, seines Vikars und des Kapitels, aus ihrem Aufbewahrungsort entfernen – ausgenommen, eine zwingende Notwendigkeit erforderte dies; aber auch dann sind die entlehnten Dokumente innerhalb einer festzusetzenden Frist an die zuständigen Amtsträger zurückzustellen. Wer zuwiderhandelt, verfällt der Exkommunikation, von der er nur gelöst werden kann, wenn er zuvor die Dokumente zurückbringt.

Über sehr lange Zeit hat man im Archiv des Laterankapitels diese Regelung getreu beherzigt – das Archiv war auch im 19. und 20. Jahrhundert notorisch unzugänglich und schwierig zu benützen: so schreibt der deutsche Historiker Julius von Pflugk-Harttung in seinem Iter Italicum[2], daß ihm zwar auf Empfehlung des Erzpriesters der Lateranbasilika Kardinal Chigi der Zutritt zum Archiv gestattet wurde, aber: „Mich [sic] wurde versichert, dass alle Urkunden in Kisten verpackt und deshalb unzugänglich, päpstliche Originale meiner Zeit, so weit bekannt, nicht vorhanden seien.“ Daß beides ein Vorwand war, erfuhr bald darauf Paul Fridolin Kehr, als er im Zuge der Vorarbeiten für die Italia pontificia das Archiv besuchte – versehen mit einer Empfehlung des Präfekten der Vatikanischen Bibliothek Franz Ehrle und vermittelt durch einen Kanoniker von St. Peter: „Der Archivar Mons. Basilio Pompili erwies mir die größte Freundlichkeit“ und Kehr bekam sowohl Archivverzeichnisse als auch Originalurkunden und Kopialbücher vorgelegt. So konnte er im zweiten seiner Berichte über Papsturkunden in Rom auch ausführlich die Bestände des Lateranarchivs behandeln[3] und aufgrund seiner Beobachtungen später noch ein längeren Aufsatz verfassen[4]; seine Beobachtungen flossen auch in den entsprechenden Abschnitt der Italia pontificia ein[5]. Auch der französische Historiker und Autor einer umfangreichen Geschichte des Lateranpalastes Philippe Lauer konnte nur mit großer Mühe Zugang zum Archiv erlangen: „J’ai eu quatre mois de négociations très pénibles à mener avant de pouvoir entrer dans ces archives en 1899, et si j’y suis parvenu, je le dois à l’intervention de l’ambassade de France à Rome, ainsi qu’à la bienveillance de l’archiprêtre, du doyen et de l’archiviste de la basilique.“[6] Ein zuverlässiges gedrucktes Verzeichnis der Urkunden ist erst seit wenigen Jahren zugänglich: es wurde 2010 vom langjährigen Mitarbeiter der Vatikanischen Bibliothek und Laterankanoniker Louis Duval-Arnould veröffentlicht[7].

Für 14. bis 28. April 2021 hat das Auktionshaus Christie’s eine Online-Auktion angekündigt, deren Spitzenstücke (Lot 1 und 2) ein feierliches päpstliches Privileg Papst Innocenz’ II. und eine Littera cum serico Papst Innocenz’ III. sind. Im dem literarischen Genus „Auktionskatalog“ eigenen hochtönenden Stil wird festgestellt, daß „The present document appears to be the earliest papal bull to have been offered at international auction in at least the last 40 years“, und die Schätzpreise sind dementsprechend angesetzt.

Das feierliche Privileg Innocenz’ II. ist am 21. Juni 1138 in Rom (Lateran) ausgestellt; es bestätigt ein feierliches Privileg Papst Honorius’ II. und ist in der Tat ein prachtvolles Stück:

Christie’s 14,-28.4.2021 lot 1

Begünstigt ist das Hospital bei der Lateranbasilika, das sich später unter der Verwaltung des Laterankapitels befand. Auf der Rückseite der Urkunde finden sich eine Archivsignatur und ein kurzes Regest von einer Hand des 18. Jahrhunderts:

Auf beides wird gleich zurückzukommen sein.

Äußerlich etwas bescheidener tritt die als Lot 2 angebotene Littera Innocenz’ III. auf; allerdings ist hier noch die an Seidenschnüren befestigte Bulle am Stück erhalten.

Christie’s 14,-28.4.2021 lot 2

Die Littera ist in Rom (Lateran) am 12. Dezember 1210 ausgestellt – die im Auktionskatalog gegebene Auflösung von „II Idus Decembris pontificatus nostri anno tertiodecimo“ als 2. Dezember 1210 ist falsch. Empfänger der Littera sind Prior und Konvent der Lateranbasilika – das Kapitel bestand im 12. und 13. Jahrhundert aus Augustiner Chorherren – und es geht um die Entscheidung des Papstes in einem Streit des Kapitels mit dem Prior und den Mönchen von SS. Quattro Coronati um Pfarrgrenzen[8]. Der Text der Littera ist im Wortlaut der Ausfertigung für SS. Quattro Coronati in das päpstliche Kanzleiregister eingetragen worden[9], im Wortlaut der Ausfertigung für das Laterankapitel ist das Stück in eine am 7. November 1216 ausgestellte Urkunde Honorius’ III. für das selbe inseriert[10].

Auch die Littera Innocenz’ III. trägt auf der Rückseite eine Signatur und einen Archivvermerk

Es ist deutlich – Signaturen und Vermerke auf beiden Stücken stammen von der selben Hand, beide Stücke daher aus dem selben Archiv – und dieses Archiv ist das Archiv des Kapitels der Lateranbasilika. Der Urheber der Signaturen und Archivvermerke ist der Benediktiner Pier Luigi Galletti, der das Archiv 1763 einer Ordnung und Verzeichnung unterzogen hat. In einer von Galletti angelegten Sammlung von Urkundenabschriften und Notizen, heute Cod. Vat. lat. 8034 der Vatikanischen Bibliothek, ist der Text der Innocenz III.-Littera auf f. 64r kopiert, das Datum allerdings fälschlich mit der Jahresangabe 1211 aufgelöst – ebenso wie im Archivvermerk auf der Rückseite der Littera[11].

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts befanden sich beide Urkunden noch im Kapitelarchiv, als sie der damalige Archivar Giovanni Muccioli in einem von ihm angelegten Summarium omnium bullarum que in Tabulario Lateranensi asservantur beschrieb[12]. Auch bei seinem Besuch im Jahr 1900 scheint Paul Fridolin Kehr noch das Original des feierlichen Privilegs Innocenz’ II. gesehen zu haben[13]. Irgendwann danach müssen die beiden Stücke und noch eine größere Anzahl weiterer abhanden gekommen sein – in der Einleitung seines Inventars vermerkt Duval-Arnould, daß von den 1840 von Giovanni Muccioli verzeichneten Papsturkunden heute 42 fehlen – „Per queste ultime si può presumere che non si tratti di perdite accidentali, ma probabilmente di furti.“[14]

Wenigstens für das feierliche Privileg Innocenz’ II. vom 21. Juni 1138 und die Littera cum serico Innocenz’ III. vom 12. Dezember 1210 wird man das „probabilmente“ leider in ein „sicuramente“ ändern müssen. Das Weitere ist für die handelnden Personen wohl leider „nur“ eine Gewissensfrage … bei deren Beantwortung in unserer säkularisierten Zeit eine Erinnerung an die in den eingangs zitierten Kapitelstatuten von 1373 ausgesprochene Sanktion wohl noch weniger als Ansporn zum rechten Handeln dienen wird, als in der zumindest vordergründig gottesfürchtigeren Vergangenheit: Contrarium faciens excommunicationis sententia se noverit innodatum, a qua absolvi nequeat nisi illa reportet primitus ad sacristie locum unde receperat.


Nachtrag 28. April 2021:
Vielleicht ist ein kleiner Hinweis auf die Tatstrafe der Exkommunikation doch nicht so wirkungslos – selbst wenn er in lateinischer Sprache gehalten ist … bei dieser Auktion sind die beiden Urkunden jedenfalls unverkauft geblieben.


[1] Statuti e costituzioni medievali del Capitolo Lateranense. Ed. Louis Duval-Arnould e Jochen Johrendt con la collaborazione di Anna Maria Voci (Tabularium Lateranense 2, Cittá del Vaticano 2011) 146.

[2] Julius Pflugk-Harttung, Iter Italicum (Stuttgart 1883) 79.

[3] Paul Fridolin Kehr, Papsturkunden in Rom. Zweiter Bericht, in: Nachrichten der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-historische Klasse 1900, Heft 3, 360-436, zum Lateranarchiv 397-400 (Nachdruck: Paul Fridolin Kehr, Papsturkunden in Italien. Reiseberichte zur Italia pontificia II: 1899-1900 (Acta Romanorum Pontificum 2, Città del Vaticano 1977) 513-589). Wirklich ungehinderte Forschungen waren ihm aber erst bei einem weiteren Besuch möglich: Paul Fridolin Kehr, Nachträge zu den römischen Berichten, in: Nachrichten der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-historische Klasse 1903, Heft 5, 505-591. hier 532f. (Nachdruck: Kehr, Papsturkunden in Italien. Reiseberichte zur Italia pontificia IV: 1903-1911 (Acta Romanorum Pontificum 4, Città del Vaticano 1977) 163-249).

[4] Paul Fridolin Kehr, Römische Analekten, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 14 (1911) 1-37, hier 1-26: Die falschen Papsturkunden des Lateran (Nachdruck: Kehr, Papsturkunden in Italien IV: 1903-1911 (Acta Romanorum Pontificum 4, Città del Vaticano 1977) 419-455).

[5] Italia pontificia I: Roma, bearb. v. Paul Fridolin Kehr (Berlin 1906) 22-35 (Digitalisat).

[6] Philippe Lauer, Le Palais du Latran (Paris 1911) 345. Lauer bietet auch eine knappe Liste der Urkunden (633-639), doch ist diese möglicherweise nicht immer aufgrund der Originale erstellt – siehe unten Anm. 11.

[7] Louis Duval-Arnould, Le pergamene dell’Archivio Capitolare Lateranense. Inventario delle serie Q e bollario della chiesa lateranense (Tabularium Lateranense 1, Città del Vaticano 2010).

[8] Über die im Zuge dieses Streites hergestellten Fälschungen vgl. Kehr, Römische Analekten (wie Anm. 4).

[9] ASV, Reg. Vat. 8, f. 43r; Die Register Innocenz’ III. 13. Band: 13. Pontifikatsjahr, 1210/1211. Texte und Indices. Bearb. v. Andrea Sommerlechner und Herwig Weigl gemeinsam mit Othmar Hageneder, Rainer Murauer und Reinhard Selinger (Publikationen des Historischen Instituts beim Österreichischen Kulturforum in Rom II/1/13, Wien 2015) 293-295 Nr. 195 (197) (Digitalisat des gesamten Bandes). August Potthast, Regesta Pontificum Romanorum (Berlin 1874, Ndr. Graz 1957) Nr. 4144.

[10] ASV, Reg. Vat. 9, f. 15r-15v; Pietro Pressutti, Regesta Honorii Papae III, 2 Bde. (Rom 1888, Ndr. Hildesheim / New York 1978) I, 16 Nr. 91 (Abdruck des gesamten Textes aus dem Register ebd. p. LXXsq.); Das Original des Honorius-Privilegs befindet sich unter der Signatur Q.I.A.5 im Kapitelarchiv, vgl. Duval-Arnould, Le pergamene (wie Anm. 7) 235 Nr. 47.

[11] Der Jahresangabe von Galletti folgt anscheinend Lauer, Le palais (wie Anm. 6) 634f. Nr. 33.

[12] Duval-Arnould, Le pergamene (wie Anm. 7) 9f. zu den Bemühungen von Galletti und Muccioli.

[13] Italia Pontificia I, 35 Nr. 3, abgedruckt in Pressutti, Regesta (wie Anm. 10) I, LXVILXV.

[14] Duval-Arnould, Le pergamene (wie Anm. 7) 11. In seinem „Bullarium“ hat Duval-Arnould die nun bei Christie’s angebotenen Urkunden Innocenz’ II. (226 Nr. 12) und Innocenz’ III. (234 Nr. 44) aufgrund der kopialen Überlieferung verzeichnet und das Fehlen der Originale vermerkt.

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A Most Unexpected Find. A List of Books Kept in Pope Innocent III’s Bedchamber

by April A. Pril, Librarian, Hermes Academy of Business and Management Studies, Little Big Hoax, WY, USA

I’m most grateful to the editors of the Iter Austriacum Blog for allowing me to publish a first account of what I believe is a most exiting find which might well shed new light on the private life and favourite pasttimes of one of the greatest medieval popes, pope Innocent III.

The Fiddler A. Greedy Memorial Library of the Hermes Academy of Business and Management Studies recently acquired a copy of a German academic dissertation, published in 1623 in Munich and concerned with lying and fraud. It is therefore of tremendous importance for any formation in entrepreneurship.

Unfortunately the provenance of the book, which was acquired from the antiquarian bookdealer Shady Books Inc., is not known – somebody has taken great pains to remove a few lines of text and a stamp on the upper pastedown of the volume. Rumours have it that the last owner was a former highranking official of the US government and well known practitioner in the field of lies and fraud who recently suffered a severe career-setback.[1]

The short pamphlet (only 37 pages) was wrapped in a leaf of parchment which was removed in the course of conservation treatment. On the reverse side of the leaf, although heavily damaged, writing could be recognized which upon closer inspection turned out to be a letter by pope Innocent III to his chamberlain Octavian. Traces of folding and cuts in the margins indicate that the leaf is the original letter, which was dispatched as a letter close – the cuts resulting from the opening of the letter. The leaden bull once affixed to the document of course is lost. The damaged state of the parchment notwithstanding the reading of the text is not problematic. What follows, is a provisional edition of the text and a short commentary. However, due to the lack of appropriate equipment, so far it had not been possible to produce images. These will be provided on a later occasion.

Innocentius episcopus servus servorum Dei dilecto in Christo filio Octaviano camerario nostro salutem et apostolicam benedictionem. Salvatore nostro hortante qui dicit “Venite seorsum in desertum locum et requiescite pusillum” [Mc 6,31] nuper de Urbe ad Sublacensem monasterium accessi sumus ut sedentes cum Maria secus pedes Domini audiamus verbum eius [Lc 10,39]. Sed inimicus hominum nec etiam septima die quiescit [Gn 2,2] immo non desinit zizaniam superseminare agro dominico [Mt 13,25] ita ut incessanter cum Martha solliciti esse debemus et turbari erga plurima [Lc 10,41]. Sed heu, quia quietem expectantes fuimus et non laborem, unum tantum librum nobiscum portavimus, memores illius qui frequentem meditationem carnis adflictionem esse dixit [cf. Ecl 12,12]. Nunc vero dierum malitia [Mt 6,34] compulsi plurimorum librorum copia nobis necesse est, illo testante qui lectorem unius libri timendum esse asseruit[2]. Ideoque discretionem tuam per apostolica scripta precipiendo mandamus ut in cubiculum nostrum ingrediens hos sequentesque libros accipias et nobis tam cito quam possis transmittere curas. Libri vero sunt isti:
Pars regestorum cancellarie nostre annorum 3 et 4 pontificatus nostri complectens
Item magistri Philippi de Grevia liber poematum qui incipit “Pater sancte dictus”[3]
Item Aristotelis philosophi de Poetica liber IIus[4]
Item Ioachimi abbatis liber de consideratione ad Innocentium papam[5]
Item tractatus Gualteri cantatoris de nimia iuventute pape, scriptus in lingua barbarica, quem episcopus Pataviensis nuper ad nos transmisit[6]
Item dictatus pape de damnanda et detestanda gente persecutorum qui incipit „Bellum in terris et tabula rasa“[7]
Datum apud monasterium Sublacense, V Idus Augusti, anno quinto [9 August 1202]

It is a well known fact that Innocent III in 1202 spent part of the summer as a guest of the Benedictine monastery of Subiaco in Lazio. The stay was not without inconveniences, as a vivid description written by a member of the Curia shows[8]; several papal letters were issued in the respective period.[9] The letter in question thus fits well with the papal itinerary. There is also evidence that Innocent III was an avid reader, always keeping books at his bedside. The Welsh cleric Gerald, while persuing business at the papal Curia, presented the pope with some of his works which the pope kept in his private chamber near his bed for more than a month.[10] There is even a picture showing an abundantly filled bookshelf above the papal bed:

Fra Angelico, Coronation of the Virgin and Life of St Dominic (Detail)
(Louvre, Département des Peintures, INV 314)

The authenticity of the letter can therefore be regarded as proven beyond any reasonable doubt.

A further point is to be made – the entries in the list provide the names of several works of medieval latin literature which so far have escaped scholarly attention. The letter is therefore an important addition to our knowledge of medieval latin literature.[11]

A more detailed enquiry in this important source should be left to scholars more competent in the field of papal history than I am. I would however like to use the occasion and make an offer to my esteemed scholarly audience. While the dissertation De mendacio ac dolo is obviously of the greatest relevance for business and management studies, Innocent III’s letter is not. The Hermes Academy of Business and Management Studies therefore decided to deaccession the document. The most interesting and quite unique parchment is therefore for sale. Offers will be accepted until April 1, 2022. Please write to nosuchaddress@foolish.com. Advance payments only, only Bitcoins accepted. Don’t miss this opportunity – when it is gone it is gone!


[1] Personal information from Mr. William Libri, owner of Shady Books Inc.

[2] For this saying, cf. Andreas Fritsch, “Timeo lectorem unius libri,” Vox Latina, 19 (1983), pp. 309-315.

[3] Undoubtedly a collection of poems by the Paris master Philipp the Chancellor, who is known to be the author of a short piece dedicated to Innocent III himself, starting with the line Pater sancte dictus Lotharius.

[4] As the outstanding Italian medievalist Umberto Eco has convincingly demonstrated in his important book “Il nome della rosa” (Milan, 1980), the only copy of the second book of Aristotle’s Poetics was extant and ultimately destroyed in the library of an unknown cluniac monastery in the Apennine in the 1320s. Here, however, is evidence that in the early 13th century the book belonged to the papal library.

[5] There is of course Bernard of Clairvaux’s well known treatise De consideratione ad Eugenium papam, dedicated to pope Eugenius III. It seems that a certain Joachim – undoubtedly the Calabrian abbot Joachim of Fiore (d. 1202) – followed Bernard’s example and directed a similar treatise to Innocent III, which unfortunately is not known to survive. The implications of this are widereaching: as Eugenius was Bernard’s disciple, could it be thus established that Innocent was linked to Joachim in a similar way? It is known from elsewhere that the pope was quite familiar with the abbot’s thoughts and ideas. More research needs to be done on this intriguing question.

[6] This entry is a riddle. Is it possible that the Gualterus cantator is to be identified with the famous Minnesanger Walther von der Vogelweide? He was known to be close to Wolfger, bishop of Passau (Patavium) in Bavaria 1190-1204. Walther was actually complaining about the pope’s young age in one of his songs: „owê der bâbest ist ze jung, hilf, hêrre, dîner kristenheit“. This would fit the description of the language as „barbarica“ very well – for which see the thourough and definitive philological study by Mark Twain, The Awful German Language (Hartfort CT / London 1880).

[7] No such work is known to survive. It is just a wild guess that this is a treatise written by Innocent III (dictatus pape!) against the Hohenstaufen dynasty, now unfortunately lost. The use of gens persecutorum in Innocent’s other authentic letters gives some support to this hypothesis: see Regestum Innocentii III papae super negotio Romani imperii, ed. Friedrich Kempf (Miscellanea Historiae Pontificiae 12, Roma 1947) n. 29 p. 83 l. 12-3; n.. 33 p. 107 l. 1; n. 62 p. 174 l. 6; n. 92 p. 244 l. 3-4 etc.

[8] Karl Hampe, “Eine Schilderung des Sommeraufenthaltes der römischen Kurie unter Innocenz III. in Subiaco 1202,” Historisch Vierteljahresschrift 8 (1905), pp. 509-535; and see Brenda M. Bolton, “The caravan rests: Innocent III’s use of itineration,” Omnia disce – Medieval Studies in Memory of Leonard Boyle, O.P. Eds Anne J. Duggan, Joan G. Greatrex, Brenda M. Bolton (Church, faith, and culture in the medieval West, Aldershot 2005), pp. 41-60.

[9] Die Register Innocenz‘ III., 5. Pontifikatsjahr, 1202/1203. Texte. Ed. by Othmar Hageneder with Christoph Egger, Karl Rudolf and Andrea Sommerlechner (Publikationen des Historischen Instituts beim Osterreichischen Kulturinstitut in Rom II/1/5, Vienna, 1993), nos 73 (74)-82 (83), pp. 142-165.

[10] Gerald of Wales, De rebus a se gestis III, 18, ed. J. S. Brewer (Rerum Britannicarum Medii Aevi Scriptores 21/1, London 1861), p. 119: “Libros autem illos papa, quia copiose literatus erat et literaturam dilexit, circa lectum suum indivisos per mensem fere secum tenuit …“

[11] Presumably all of them have been missed in Thomas Haye, Verlorenes Mittelalter. Ursachen und Muster der Nichtuberlieferung mittellateinischer Literatur (Mittellateinische Studien und Texte 49, Leiden / Boston, 2016) – but because this book has been published in German I’m not able to tell. Let me make this one point clear: it is irresponsible to publish important results in such minority languages as German and  thus withhold them from the competent scholarly audience they would otherwise reach.

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Als die Päpste Thomas Bradwardine lasen

Neue Funde zum Schrifttum von Heinrich von Langenstein

„Merke es: Unser allerheiligster Papst Nikolaus V hat dieses Buch vergangenes Jahr in Frankfurt gesehen, als er noch weder Kardinal, noch Papst war, und er hat mir, Nikolaus, geschrieben, dass die Engländer dieses Buch sehr rühmen, und dass es hier, wie es an mehreren Stellen offenkundig ist, in einer Verkürzung vorliegt, und dass Meister Heinrich von Hesse in seinem Werk über die Genesis viel gegen das Anliegen des Schreibers geschrieben hat.“

Bernkastel-Kues, St. Nikolaus-Hospital/Cusanusstift, Cod. Cus. 93, fol. 164v
© St. Nikolaus-Hospital/Cusanusstift, Bernkastel-Kues

Diese Notiz, die der deutsche Gelehrte Nikolaus Cusanus 1447 in einen seiner Kodizes eingetragen hat,[i] schildert eine bislang unbekannte Verknüpfung. Sie beschreibt zwei Schlüsselwerke des europäischen Spätmittelalters als polemisierend miteinander verbunden: den Traktat De causa Dei (1344) von Thomas Bradwardine und den Genesiskommentar (1385-1397) von Heinrich von Langenstein. Der Mathematiker und Theologe an der Universität Oxford, Thomas Bradwardine (c. 1290-1349) argumentierte in seinem theologischen Hauptwerk De causa Dei gegen die Verteidiger der Autonomie und Freiheit des menschlichen Willens, indem er dessen Abhängigkeit von Gott und Freiheit vertrat.[ii] Der in Paris studierte deutsche Gelehrte Heinrich von Langenstein (1325-1397) griff Bradwardines Thesen in seinen Vorlesungen über die Bibel an der Universität Wien fünfzig Jahre später heftig an. Bradwardines Werk war damit neben Oxford und Paris auch in der Hauptstadt des Habsburgerreiches Gegenstand lebhafter Diskussion, theoretischen Widerstands und damit Teil der intellektuellen Tradition. Dass genau Langensteins Auseinandersetzung dem Italiener Tommaso Parentucelli hundert Jahre nach dem Erscheinen von De causa Dei und ein halbes Jahrhundert nach dem Ende von Langensteins Vorlesung über das Buch Genesis relevant erschien, zeigt den westeuropäischen Einfluss des magnum opus von Langenstein.[iii] Es ist gleich festzuhalten, dass die Erwähnung von Langensteins Auseinandersetzung mit Bradwardine darauf hinweist, dass der bibliophile und belesene Papst den ganzen Genesiskommentar gelesen hat, und zugleich einen Teil, der heute nur in wenigen Handschriften überliefert ist.

Der letzte Teil des Genesiskommentars nimmt hinsichtlich der Kontinuität des Texts und auch in der Überlieferung einen besonderen Platz ein. Er stört den Aufbau des Werkes, scheint nicht mehr zu Langensteins Vorlesung zu gehören, hat keinen exegetischen Inhalt, wird daher meist nicht mehr kopiert. Nimmt man die autographen Handschriften, die der Bibliothek des Collegium ducale gehörten und heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrt sind, die an der Universität Wien vorgelesen wurden und die die Vorlagen für spätere Abschriften bildeten, ist der Genesiskommentar um zwei Bände länger: Codizes 4657 und 4718 kommentieren nicht mehr den Bibeltext, obwohl sporadische Hinweise auf den exegetischen Kontext nicht fehlen. Im gedruckten Katalog der ÖNB tragen beide Bände den Titel einer quasi-Theodizee: Commentaria de origine mali et de peccatis.[iv] Doch das Explizit in Cod. 4718 entspricht dem Explizit anderer, vollständiger Reihen des Genesiskommentars.[v] Außerdem steht in Cod. 4718 der Schlussvermerk auf fol. 183v–184r: “Hec ultima lectio scripta et non lecta nec correcta per venerabilem virum magistrum Henricum de Hassia.”[vi] Codices 4657 und 4718 gehören also auch zum Genesiskommentar, und müssen im Katalog auch den Titel Commentarius in Genesim tragen. Eine genaue Betrachtung dieser Handschriften, des Texts selbst und eine zusätzliche Angabe weisen aber auf die Existenz von zwei bislang unbekannten Traktaten in diesem Teil des Genesiskommentars von Langenstein hin.[vii] Dieser Beitrag möchte die zwei Traktate zum ersten Mal als zum Schrifttum von Heinrich von Langenstein gehörend beschreiben.

Der Genesiskommentar von Langenstein ist ein Hexaemeron, der nur das Schöpfungswerk und nicht das ganze Buch Genesis auslegt; genauer, ein Kommentar über Genesis 1:1 bis 3:19. Gemäß der Methode der Bibelauslegung im 14. Jahrhundert an der Universität Wien, wird die Hermeneutik der Bibelstelle aufgeführt, worauf Fragen – scholastische quaestiones – folgen, die einen thematischen Bezug zur Bibelstelle haben. Mit dieser Methode hört Langenstein in Cod. 4657 auf; es folgt ein rein theoretischer Teil, wo keine Bibelstelle mehr ausgelegt wird. In diesem Teil lassen sich rasch separate Traktate identifizieren, die an den Rändern mit ihren Titeln angegeben werden. Der erste ist der Tractatulus de somniis, derLangensteins Interesse an kognitiven Prozessen beim Menschen bezeugt: er beschreibt die Entstehung von Träumen, Prophezeiungen, Täuschungen, Visionen, Phantasmen.[viii] Auf diesen ca. achtzig Folia langen Teil folgt in Cod. 4657 ein deutlich längerer, der auf fol. 103r oben wie folgt eingeführt wird: “Sequitur Incipit volumen de necessitate fatali.”

Wien, ÖNB, Cod. 4657, fol. 103r.

Laut diesem Hinweis, der vielleicht als Vormerkung für eine nicht ausgeführte Rubrik diente, beginnt also ein neuer Abschnitt im Genesiskommentar, und zwar kodikologischer, nicht inhaltlicher Art. Doch im Text der Vorlesung selbst werden Rückverweise nicht auf einen „Band“ (volumen), sondern auf einen Traktat (tractatus) De necessitate fatali gemacht.[ix] Weiters bestätigt eine andere frühe Kopie des Genesiskommentars die Existenz eines Tractatus de necessitate fatali.

Cod. 4830 der ÖNB ist eine in mehrfacher Hinsicht interessante Handschrift. Hier, auf fol. 2v ist das letzte Zitat aus der Genesis noch als „unser Text“ bezeichnet: “De hoc in textu nostro […] Sudore vultus tui vesceris […] et in cinerem reverteris.” Der Tractatulus de somniis fängt auf fol. 26r an; der Tractatus de necessitate fatali auf fol 121r. Auf dem Titelschildchen des Einbandes – die Handschrift gehörte der Rosenburse, der zweitgrößten Bibliothek der frühen Universität nach der des Collegium ducale – wird nur der letztere verzeichnet:

Wien, ÖNB, Cod. 4830, Titelschildchen auf Einband:
“Lectura magistri Hainrici de Hassia tertii capituli Genesis … complectens tractatusque de necessitate fatali folio 121”

Außer diesen Hinweisen kennen wir keine Handschrift, die den Traktat De necessitate fatali – oder den Tractatulus de somniis – überliefern würde. Der Traktat De necessitate fatali selbst ist trotz des gewundenen Aufbaus sehr elaboriert. Präzise Hinweise auf die darin entfalteten Argumente findet man bereits in früheren Bänden des Genesiskommentars. Es ist daher eine plausible Hypothese, dass Langenstein an diesem Traktat schon in seinen Wiener Jahren gearbeitet hat, und ihn in seine späteren Vorlesungen über die Bibel aufgenommen hat. Da der Traktat als Teil des Genesiskommentars eine Überlieferung fand, hatte es keine Bedeutung mehr, frühere Arbeitskopien aufzuheben – sie sind daher nicht überliefert worden.

Neben dieser unwichtigen Hypothese ist es sicher, dass die Auseinandersetzung mit Thomas Bradwardine, die Papst Nikolaus V gekannt und Nikolaus Cusanus berichtet hat, hier und an keiner anderen Stelle des Bibelkommentars von Heinrich von Langenstein die Hauptmotivation bildet. Deren Kontext, der Tractatus de necessitate fatali, ist eine außergewöhnliche Schrift.[x] Er ist nicht nur von faszinierender historischer Reichweite und von einer in scholastischen Texten seltenen rhetorischen Kraft; er überrascht vor allem mit seiner philosophischen Originalität. Der Tractatus de necessitate fatali ist zweifellos ein wichtiger neuer Text für die deutsche Philosophie des Mittelalters.


[i] Bernkastel an der Mosel, Hospital zu Cues, MS 93, fol. 164v. Nur der erste Vermerk, der unmittelbar nach Textende steht, ist in der Hand des Nicolaus Cusanus geschrieben. Er hat bereits das Interesse der Forschung, wohl nur vorläufig, erweckt: P. Moffitt Watts, Nicolaus Cusanus. A Fifteenth-Century Vision of Man, Leiden: Brill, 1982, 17, n. 29; C. Bianca, ‘Niccolò Cusano e la sua biblioteca: note, ‘notabilia’, glosse’, in E. Canone (Hrsg.), Bibliothecae selectae da Cusano a Leopardi, Firenze: Leo S. Olschki, 1993, 7–9. Tommaso Parentucelli weilte zum Reichstag in September-Oktober 1446 in Frankfurt; die Notiz von Cusanus ist nach seiner Wahl zum Papst am 6.3.1447 entstanden: E. Meuthen (Hrsg.), Acta Cusana. Quellen zur Lebensgeschichte des Cusanus, Hamburg: Felix Meiner, 1983, Bd. I Lieferung 2, 537.

[ii] Zu den verschiedenen Versionen und der handschriftlichen Überlieferung des De causa Dei in Österreich siehe E. A. Lukács, ‘Die Handschriften von Thomas Bradwardines Traktat De causa Dei in Österreich’, Codices manuscripti & impressi 99/100 (2015): 3–10. Als Tommaso Parentucelli in Rom zum Papst gewählt wurde, besaß er in seiner Bibliothek gleich zwei Handschriften von Bradwardines De causa Dei, von denen die eine, Vat. lat. 1038, vorher Papst Gregor XII und Papst Eugen IV gehört hatte. Nikolaus V war also der dritte Papst in der Reihe von Päpsten, die Thomas Bradwardine lasen. Nikolaus’ V. eigenes Exemplar von De causa Dei ist in Vat. lat. 1040 enthalten: A. Manfredi, I codici latini di Niccolò V. Edizione degli inventari e identificazione dei manoscritti, Città del Vaticano: Biblioteca Apostolica Vaticana, 1994, 278-279, 302.

[iii] Ein weiteres, wichtiges Element des westeuropäischen Einflusses von Langenstein bildet die Handschrift Gießen, Universitätsbibliothek, Cod. 779, die von Gabriel Biel, einst Mitglied der Butzbacher Gemeinde, annotiert wurde: J. Ott, Die Handschriften des ehemaligen Fraterherrenstifts St. Markus zu Butzbach in der Universitätsbibliothek Gießen, Gießen: Universitätsbiblithek Gießen, 2004, Bd. II, 155.

[iv] Tabulae codicum manu scriptorum praeter graecos et orientales in Bibliotheca Palatina Vindobonensi asservatorum, Wien: Academia Caesarea Vindobonensis, 1869 (Ndr. Graz 1965) Bd. III. Der irreführende Titel im Katalog der ÖNB, der lange daran glauben ließ, dass diese Handschriften nicht zur Genesisauslegung gehören, deutet richtig auf den Inhalt der philosophischen Beschäftigung von Langenstein und ihre Nähe zur Theodizee von Leibniz hin. Vgl. Gottfried Wilhelm Leibniz, Theodicee das ist, Versuch von der Güte Gottes, Freiheit des Menschen, und vom Ursprunge des Bösen,Berlin: Akademie Verlag, 1996.

[v] Zu diesen siehe K. Fostyak, ʻAusgewählte Gesamtausgaben des Genesiskommentars des Heinrich von Langenstein († 1397)ʼ, online Veröffentlichung des FWF Projekts P31893 https://langenstein.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_langenstein/Ausgewaehlte_Gesamtausgaben_des_Genesiskommentars__Heinrich_von_Langenstein_-_Aufbau_und_Gliederung_anhand_ausfuehrlicher_Incipit-_und_Explicitlisten.pdf (12.3.2021).

[vi] Zu Cod. 4718 und anderen autographen Handschriften des Genesiskommentars siehe M. Shank, ʻAcademic Benefices and German Universities during the Great Schismʼ, Codices manuscripti 7 (1981): 33-47.

[vii] Die von Thomas Hohmann etablierte Liste von Langensteins Werken dient immer noch als Referenz: Th. Hohmann, ʻInitienregister der Werke Heinrichs von Langensteinʼ, Traditio 32 (1976): 399-426. Neues zum Schrifttum von Langenstein wurde zuletzt mit der Zuschreibung von vier Predigten an Langenstein geliefert: F. P. Knapp, ‘Die ältesten aus dem deutschen Sprachraum erhaltenen Judenbekehrungspredigten’, MIÖG 109 (2001): 105-117 (auch hier spielt Wien, ÖNB, Cod. 4830 eine bedeutende Rolle); und zu Langensteins Pariser Zeit: M. Brînzei und Ch. Schabel, ʻHenry of Langensteinʼs Principium on the Sentences, His Fellow Parisian Bachelors, and the Academic Year 1372-73ʼ, Vivarium 58 (2020): 335-346.

[viii] Basel, Universitätsbibliothek, A-X-44, fols. 86r-87r überliefert Ausschnitte aus diesem kurzen, spannenden Traktat – bzw. dem Genesiskommentar – von Heinrich von Langenstein. Zu dieser Handschrift siehe das RISE Projekt, das eine online zugängliche Transkription des ganzen Codex vorbereitet: https://rise-ubb.com/ (14.3.2021).

[ix] “[…] ut superius circa principium huius tractatus de necessitate fatali ostensum fuit.” In der online zugänglichen Kopie aus dem Benediktinerstift in Mondsee, ÖNB, Cod. 3902, findet sich dieser Hinweis auf fol 224rb: https://digital.onb.ac.at/RepViewer/viewer.faces?doc=DTL_7892639&order=1&view=SINGLE (14.3.2021).

[x] Mehr zur Struktur und Thesen im Traktat von Heinrich von Langenstein folgt in E.A. Lukács, Divine Knowledge, the Bible, and the Sentences at the University of Vienna (1384-ca. 1420), in Vorbereitung. Dieser Iter Austriacum Beitrag ist aus Forschungen zum FWF Projekt V356-G19 „Oxforder Theologie an der Universität Wien“ entstanden.

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Ein frühkarolingisches Graffito in der Ringkrypta von St. Emmeram in Regensburg

Frühmittelalterliche Graffiti gehören zu den großen Raritäten unserer Schriftkultur. Im deutschen Sprachraum gilt dies in besonderer Weise für Graffiti in Minuskelschrift. Bernhard Bischoff publizierte 1966 drei Graffiti aus dem 10./11. Jahrhundert, die an den Wänden der Torhalle der Michaelskapelle von Frauenwörth im Chiemsee entdeckt wurden[1]. Die drei Jahre zuvor publizierten, in Buchstabennotation aufgezeichneten Melodien in der Klosterkirche von Corvey aus dem späten 9. oder frühen 10. Jahrhundert bezeichnete er damals als „die einzigen anderen frühmittelalterlichen Graffiti in Minuskel, die in Deutschland aufgedeckt wurden“[2]. Mittlerweile wurde 1976 in der ehemaligen Stiftskirche von St. Peter und Paul in Reichenau-Niederzell eine „entsorgte“ Altarplatte gefunden, die im frühen 12. Jahrhundert mit der Oberseite nach unten als Baumaterial für den neu errichteten Hochaltar verwendet worden war[3]. Auf ihr befindet sich eine Fülle von Namen als flache Kratzungen und tiefer gehende Ritzungen, beide mit „Schreibschriftcharakter“, darüber aber auch – „auf dem ‚Beschreibstoff‘ Stein singulär“ – mit Tinte geschrieben[4]. Die Ritzungen wurden mit der gebotenen Vorsicht „in das beginnende 10. Jahrhundert“ datiert. Die Schwierigkeiten liegen darin, dass „epigraphische Kriterien nicht anwendbar sind und schreibschriftliche Ritzungen als Vergleichsbeispiele nur in geringer Zahl überliefert sind“[5]. Die Beschriftungen in Tinte dürften aus dem 10. und 11. Jahrhundert stammen[6]. Andere vergleichbare Überlieferungen aus dem deutschen Sprachraum sind bisher nicht bekannt. Altarplatten mit Namenseintragungen aus dem 8. bis 11. Jahrhundert gibt es in Südfrankreich, Memorialeinträge vom 6./7. Jahrhundert bis ins 10. Jahrhundert finden sich im Chor des Domes von Poreč (Parenzo) in Istrien an den Wänden, eingeritzte langobardische Namen vom 7. bis 9. Jahrhundert wurden 1956 in S. Angelo auf dem Monte  Gargano entdeckt[7]. In der Schweiz haben sich geritzte Grabnotizen aus dem 6./7. Jahrhundert in der Abtei St-Maurice (Kanton Wallis) erhalten sowie Graffiti des 9./10. Jahrhunderts in Müstair (Graubünden)[8].

Überraschung versprach das Bild eines Graffito, das bei einem Besuch in Regensburg aufgenommen worden war: der Name Sundarheri, eingeritzt in einen breiten dunkelroten Streifen von Wandmalerei. Das Bild war zwar nicht ganz scharf, aber hinreichend für eine erste paläographische Grobdatierung der Schrift in die Zeit um 800[9]. Nach einer ersten Umschau in der Fachliteratur nützte ich die nächstbeste Gelegenheit, mir vom Graffito und seiner Umgebung an Ort und Stelle selbst ein Bild zu machen.

In der Ringkrypta von St. Emmeram, dem ältesten erhaltenen Teil der Klosterkirche, einem tonnengewölbten Ringgang um die Mittelapsis, wurden 1952 und 1962–1964 Reste von in Kalkseccotechnik ausgeführten Wandmalereien freigelegt. Neben Flechtornamenten und Rankendekor waren auch gerahmte, nur bruchstückhaft erhaltene Schriftbänder zum Vorschein gekommen. Die Ringkrypta gilt als Bestandteil der unter Abtbischof Sintbert (768–791) gebauten Klosterkirche, als deren Baujahr die Annales Ratisponenses 783 angeben. 791 wird die cripta sancti Emmerami urkundlich erwähnt, ein „zuverlässige(r) terminus ante quem für die Datierung der Ringkrypta“. Aus der Überlegung, dass der technische Befund einen nur unerheblichen Abstand zwischen der Bauzeit und der Malerei nahelegt, der mit „maximal einer Generation“ veranschlagt wurde, „ergibt sich eine Datierung um 800 oder im frühen 9. Jahrhundert“. Da im Bereich der Wandmalerei vergleichbare Beispiele nicht bekannt sind und die Buchmalerei der Zeit „keine überzeugenden Anhaltspunkte“ liefert, kam für eine Stütze der Datierung nur die epigraphische Analyse in Betracht[10].

Sebastian Scholz, dem diese Aufgabe anvertraut worden war, fasste als Ergebnis seiner Untersuchungen zusammen: „Aufgrund des fehlenden Vergleichsmaterials stößt die Methode der Datierung durch den paläographischen Vergleich hier an ihre Grenze. Es läßt sich kein positiver Beweis dafür erbringen, daß die Inschrift  der Ringkrypta im 8. Jahrhundert oder zu Beginn des 9. Jahrhunderts entstand. Trotzdem ergeben sich aus der paläographischen Analyse wertvolle Anhaltspunkte für die Datierung der Inschrift, weil die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts und das 11. Jahrhundert mit ziemlicher Sicherheit als Entstehungszeitraum ausgeschlossen werden können. Da die Inschrift zudem keine Merkmale der nach 830 gebräuchlichen karolingischen Kapitalis zeigt, weisen alle Beobachtungen zusammengenommen auf ihre Entstehung vor 830 hin“[11]. Auf die von Hans K. Ramisch 1962 erwähnten eingeritzten Pilgerinschriften, die „noch entziffert werden“ müssen[12], sowie auf das Graffito Sundarheri ist Scholz nicht eingegangen[13].

Die erwähnten Pilgerinschriften waren im Rahmen einer Führung in St. Emmeram leider nicht zu sehen, wohl aber das Graffito Sundarheri, dessen Lokalisierung mir bekannt war.

Dieses Graffito – Breite ca. 7,5 cm – vermag einen wichtigen Hinweis auf die Datierung der Ringkrypta zu geben. Es ist eingeritzt in den breiten dunkelroten Streifen der Wandmalerei an der Innenseite des nördlichen Teils der Ringkrypta, unmittelbar rechts neben der Nische im Scheitel der Apsis mit der Verschlussplatte der Emmeram-Confessio, oberhalb des viele Jahrhunderte später angebrachten schmiedeeisernen Gitters.

Dem Buchstabenbefund nach ist die Schrift als frühkarolingische Minuskel einzustufen mit einem Maiuskel-Anfangsbuchstaben. Der allgemeine Eindruck ließe zunächst zwar an eine vorkarolingische Schreibweise denken, doch würde man dann eher eine offene, cc-förmige Gestalt des a erwarten. Die geschlossene „unziale“ Form des a, dessen linker Teil durch in spitzem Winkel zusammenlaufende Bögen gebildet wird, entspricht indes – als eines der „Leitfossilien“ – eindeutig der karolingischen Minuskel. Der Buchstabe n ist in der Minuskelform geschrieben, d in der geraden Form. Die Oberlänge des d wirkt verstärkt. Der Schaft des r reicht sehr weit unter die Zeile, der Schulterstrich setzt bereits auf der Höhe der Basislinie am Schaft an, der Buchstabe wirkt dadurch stark gespalten. Der leicht nach links geneigte Schaft des h ist leicht geschwungen, der stark gerundete Bogen reicht krallenförmig unter die Zeile. Die Ligaturengruppe eri zeigt ein fast doppelstöckiges e, jedenfalls mit großer Öse, aus dessen Zunge der weit unter die Basislinie reichende Schaft des r gezogen wird, dessen Schulterstrich weiterleitet zu einem i mit geradem Abschluss des Schaftes. Es ist auffällig, dass die ri-Ligatur in dieser Form geschrieben wurde und i nicht in der Form einer nach unten, weit unter die Zeile verlängerten Fahne des r. Bei u fällt auf, dass der zweite Schaft nicht gerade abschließt, sondern mit einem ganz leichten Abstrich nach rechts ausläuft. Der Abstrich des n schließt ebenfalls nicht gerade ab, er wird elegant weit nach rechts umgebogen. Dass der Buchstabe d in seiner Proportion nicht die Qualität der anderen Buchstaben aufweist, dass der Bogen des anschließenden a zu knapp an d anschließt – möglicherweise liegt dies an den Schwierigkeiten, die das Kratzen im Malgrund mit sich brachte, noch dazu in einer solch unbequem hohen Position. Mit einer Feder auf Pergament schreibt es sich leichter.

Insgesamt hat man hier jedenfalls eine Schriftprobe von hoher Qualität vor sich. Der Schreiber konnte nicht bloß schreiben in der Art eines Gelegenheitsschreibers, die Schrift weist auf einen geübten, routinierten Schreiber von Format. Ein einzelnes Wort, hier ein Name, noch dazu in dieser ungewöhnlichen Schreibsituation, ist paläographisch ungleich schwieriger zu beurteilen als ein längerer Text. Unter den acht verschiedenen Minuskelbuchstaben finden sich nur zwei, deren Eigenheiten von der „Norm“ der karolingischen Minuskel etwas abweichen. Die starke Unterlänge bei r und die Kralle bei h wirken wie Spuren von angelsächsischer Prägung. Insgesamt wird man die Schrift – mit aller gebotenen Vorsicht – vor allem aufgrund des Gesamteindrucks als frühkarolingische Minuskel aus der Zeit um 800 ansprechen. Für eine Lokalisierung der Schrift sind die paläographischen Merkmale nicht ausreichend. Es handelt sich jedenfalls nicht um eine alemannische Minuskel mit den von Natalie Maag herausgestellten Merkmalen[14].

Als wichtiges, die Datierung stützendes Indiz kann das räumliche und zeitliche Vorkommen der Belege für den Personennamen Sundarheri gewertet werden. Der Name kommt ausgesprochen selten vor; man hat ihn geradezu als „ungebräuchlich“ bezeichnet[15]. Dem Freisinger Diakon Sundarheri, dem „Lieblingsnotar“ des Bischofs Arbeo von Freising, hat Wilhelm Störmer eine eigene Studie gewidmet[16]. Er war offensichtlich ein Angehöriger einer reichen und einflussreichen Adelssippe im Umkreis des bischöflichen Eigenklosters St. Zeno zu Isen, ein Vertrauter des Bischofs Arbeo, nach Störmers Einschätzung „offensichtlich auch Vertrauensperson Herzog Tassilos III.“[17]. Joachim Jahn zählt ihn zur berühmten Sippe des Toto „von Zollern“[18]. Als Schreiber im Dienst des Bischofs Arbeo war Sundarheri 765, 767 und – mit Unterbrechungen – namentlich von 772 bis 782 tätig[19]. Als Diakon bezeichnete er sich seit 776[20]. Nach Arbeos Tod († 783) lässt sich Sundarheri wiederholt als Zeuge von Traditionen nachweisen, als Schreiber nur noch ganz vereinzelt[21]. Es lässt sich indes nicht ausnehmen, aus welchen Gründen er nicht mehr öfter als Schreiber herangezogen wurde. Das letzte Lebenszeichen stammt aus dem Jahr 818, als er sich seiner bischöflichen Lehen in Isen und Albaching begab, vielleicht auch begeben musste[22], wohl ein Zeichen dafür, dass er mit dem Ende seines Lebens rechnete.

Ein enger Verwandter dürfte jener Sundarheri gewesen sein, der zur Erstausstattung des Klosters in Isen wohl 748 eine bedeutende Schenkung beitrug[23]. Mit diesem älteren Sundarheri könnte nach Störmer der in der Schäftlarner Gründungsurkunde 772 als Zeuge auftretende Sundarheri identisch sein[24]. Als Schenker eines Waldes an das Freisinger Eigenkloster Schäftlarn ist im letzten Jahrzehnt des 8. Jahrhunderts ein Sundarheri belegt[25], der nicht eindeutig zuzuordnen ist, aber jedenfalls nicht als Diakon bezeichnet wurde. Wenn der Diakon Sundarheri 791 eine Urkunde über eine Schenkung schrieb, die ein Sundarheri der Freisinger Kirche nach seinem Lebensende vermachte, so ist kaum anzunehmen, dass der Schreiber mit dem Schenker identisch war. Es wird sich um einen gleichnamigen Verwandten gehandelt haben[26]. Im Übrigen machte Störmer darauf aufmerksam, es sei „immerhin … auffällig, dass Sundarheri für mehrere –heri-Namensträger die Urkunden schreibt“[27].

In den erhaltenen süddeutschen Nekrologen kommt der Name Sundarheri nicht vor. Zwei Belege aus Verbrüderungsbüchern sind bisher in Arbeiten, die auf Personen mit dem Namen Sundarheri eingehen, nicht berücksichtigt worden. Der im Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau unter den Fratres der Benediktinerabtei Leno (Badia Leonense) bei Brescia (de monasterio quod vocatur Leonis) eingetragene Sunderari[28], über den sonst nichts in Erfahrung zu bringen ist, kommt wohl nicht in Frage. Und im älteren Verbrüderungsbuch von St. Peter in Salzburg, das im Jahr 784 angelegt wurde, findet sich unter der Rubrik Ordo communis virorum defunctorum als sehr früher Nachtrag – man beachte auch den Maiuskel-Anfangsbuchstaben im Gegensatz zu den vorhergehenden ausnahmslos mit Minuskel-Anfangsbuchstaben eingetragenen Namen – ein Sundarheri, wie üblich ohne jegliche weitere Angaben[29]. Näheres ist über ihn nicht zu eruieren. Der Eintrag ist mit einiger Vorsicht ins frühe 9. Jahrhundert zu datieren. Um den Freisinger Diakon Sundarheri kann es sich bei diesem Verstorbenen aber nicht handeln. Denn zwei Seiten davor gibt es eine eigene Rubrik Ordo sacerdotum vel diaconorum defunctorum. Hätte der Freisinger Diakon im St. Peterer Verbrüderungsbuch Aufnahme gefunden, wäre er unter den Diakonen verzeichnet worden.

Aus dem extrem kleinen Kreis von Personen, die den offenkundig seltenen Namen Sundarheri tragen und wohl einer einzigen Adelssippe angehören, ist nur von dem Freisinger Diakon Sundarheri bekannt, dass er, ein Kleriker, schreiben konnte. Laien aus seinem familiären Umfeld brauchten nicht schreiben zu können. Leider sind die Freisinger Traditionen von der Hand des Diakons nur kopial als spätere Eintragungen im Freisinger Traditionsbuch, das der Freisinger Notar Cozroh 824 anlegte[30], überliefert, sodass wir uns von seiner Art zu schreiben kein direktes Bild machen können.

Ein weiteres Argument kann die Wahrscheinlichkeit stützen, dass es der Freisinger Diakon Sundarheri war, der in St. Emmeram seinen Namen als Graffito hinterließ. Die enge Beziehung seines bischöflichen Herrn zum Hl. Emmeram ist bekannt. Es war Bischof Arbeo, der die Vita S. Emmerami verfasste[31], und man darf wohl annehmen, dass er namentlich zum Kloster St. Emmeram Beziehungen unterhielt. Den Bau der Ringkrypta dürfte Arbeo nicht mehr erlebt haben, aber es wäre gut vorstellbar, dass sein Diakon Sundarheri dem Emmeramsgrab zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht auch öfter, seine Reverenz erwies und bei einer dieser Gelegenheiten das Graffito anbrachte. Wenn Sundarheri seit 765 als Schreiber des Bischofs tätig war, wird er zumindest vor 750 geboren worden sein. 818, im Jahr seines letzten Lebenszeichens, wäre er demnach um die 70 Jahre alt gewesen. Die sichere Schreibweise des Graffito würde man eher einem Jüngeren zutrauen. Der paläographische Datierungsansatz „um 800“ stünde durchaus in Einklang mit der Vorstellung, dass Sundarheri damals um die 50 Jahre alt war.

Es wurde primär wohl auch damals nicht sehr geschätzt, dass jemand seinen Namen in die ziemlich neue Wandmalerei kratzte und sich damit „verewigte“. Menschlich verständlich ist auf der anderen Seite das Bestreben, an einer besonderen Stätte der Verehrung durch Hinterlassen des Namens auf Dauer „präsent“ zu sein. Im konkreten Fall war es für Sundarheri, den wir mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Freisinger Diakon Sundarheri halten, wohl ein persönliches Anliegen, mit seinem Namen in größtmöglicher Nähe des Hl. Emmeram ein Zeichen der dauerhaften Präsenz zu setzen.


[1] Bernhard Bischoff, Bemerkungen zu den Chiemseer Inschriften, in: Vladimir Milojčić, Bericht über die Ausgrabungen und Bauuntersuchungen in der Abtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee 1961–1964 (Bayerische Akademie der Wissenschaften, phil. – hist. Kl., Abhandlungen N. F. 65 A, München 1966) 275–281, hier 275f. mit Taf. LXXXIII a–c.

[2] Bischoff, Bemerkungen (wie Anm. 1) 276. Zu den Graffiti von Corvey s. Felix Kreusch, Beobachtungen an der Westanlage der Klosterkirche zu Corvey (Bonner Jahrbücher, Beihefte  9, Köln/Graz 1963) 49ff. und Abb. 26–30.

[3] Dieter Geuenich, Renate Neumüllers-Klauser und Karl Schmid (Hgg.), Die Altarplatte von Reichenau-Niederzell (MGH Libri memoriales et necrologia, N. S. I, Supplementum, Hannover 1983).

[4] Die Zitate in Die Altarplatte (wie Anm. 3) 12 und 15.

[5] Die Altarplatte (wie Anm. 3) 14 mit Anm. 16.

[6] Die Altarplatte (wie Anm. 3) 17.

[7] Die Altarplatte (wie Anm. 3) 17 –19 („3. Vergleichbare Überlieferungen“).

[8] S. bei Detlev Kraack und Peter Lingens, Bibliographie zu historischen Graffiti zwischen Antike und Moderne (Medium Aevum Quotidianum, Sonderbd. 11, Krems 2001) 209 Nr. 1642 und 1645 die detaillierten Hinweise auf die Bände 1 (1977) und 5 (1997) des Corpus Inscriptionum Medii Aevi Helvetiae. Die frühchristlichen und mittelalterlichen Inschriften der Schweiz.

[9] Der Hinweis und das Bild sind der Aufmerksamkeit von Eva Regina Stain (Wien) zu danken, die mein Faible für Graffiti kennt und teilt (Winfried Stelzer, Datierte steirische Graffiti des 14. und 15. Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 107 [2016] 37–61, hier 42 Anm. 22 und 60 Nr. 25). Für die Mitteilung möchte ich ihr herzlichst danken.

[10] Matthias Exner, Gemalte monumentale Inschriften. Kunsthistorische Einordnung ausgewählter frühmittelalterlicher Denkmäler aus Bayern, in: Walter Koch und Christine Steininger (Hgg.), Inschrift und Material, Inschrift und Buchschrift. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik Ingolstadt 1997 (Bayerische Akademie der Wissenschaften, philos.–histor. Klasse, Abhandlungen N. F., Heft 117 (München 1999) 15–30, hier 23–25 über die Ringkrypta, die wörtlichen Zitate  24 und 25. Vgl. auch Matthias Exner, Denkmäler frühmittelalterlicher Wandmalerei in Bayern. Bestand, Ergebnisse, Aufgaben, in: Ders. (Hg.), Wandmalerei des frühen Mittelalters. Bestand, Maltechnik, Konservierung (ICOMOS [International Council On Monuments and Sites], Hefte des Deutschen Nationalkomitees 23, München 1998) 99–118, hier 104–107 über die Ringkrypta mit Abb. 141–147 und 164, sowie Jürgen Pursche, Zur Konservierung der frühmittelalterlichen Wandmalereien in der Ringkrypta von St. Emmeram in Regensburg, in: Exner (Hg.), Wandmalerei 119–128 mit Abb. 165–170. – In diesen Arbeiten – s. auch Anm. 12 – finden sich ausreichende Hinweise auf frühere Publikationen.

[11] Sebastian Scholz, Gemalte monumentale Inschriften. Paläographische Einordnung ausgewählter frühmittelalterlicher Denkmäler aus Bayern, in: Walter Koch und Christine Steininger (Hgg.), Inschrift und Material (wie Anm. 10) 31–44, hier 36–38 über die Ringkrypta, das wörtliche Zitat 38, dazu Tafel 5 Abb. 8 a und b (S. 36 irrig als „Abb. 6 a, b“ zitiert).

[12] Walter Haas, Max Piendl, Hans K. Ramisch, Beiträge zur Baugeschichte von St. Emmeram in Regensburg. Ramwoldkrypta, Ringkrypta, Kapitelsaal, in: Thurn und Taxis-Studien 2 (Kallmünz 1962) 127–156, hier 146–153 Hans K. Ramisch, Die Wandmalereien in der Ringkrypta und im Verbindungsgang zur Ramwoldkrypta, 148 der Hinweis auf die Pilgerinschriften. Der Hinweis wurde wiederholt bei Hans Ramisch, Die Flechtbandmalereien in der Ringkrypta von St. Emmeram in Regensburg, in: Ratisbona Sacra. Das Bistum Regensburg im Mittelalter. Ausstellung anläßlich des 1250jährigen Jubiläums …, Diözesanmuseum Obermünster Regensburg … 1989 (München/Zürich 1989) 200–201 Kat.-Nr. 106, hier 201.

[13] Wie mir Sebastian Scholz (Universität Zürich) am 23. Juni 2020 mitteilte, hatte er damals den „Auftrag des Bayerischen Landesdenkmalamtes, Schriftbänder in der Ringkrypta zu analysieren, bevor diese aus konservativen Gründen wieder überdeckt wurden.“ Graffiti waren davon nicht betroffen.

[14] Natalie Maag, Alemannische Minuskel (744–846 n. Chr.). Frühe Schriftkultur im Bodenseeraum und Voralpenland (Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 18, Stuttgart 2014). – Die paläographische Beurteilung und Einschätzung der Schrift des Graffito fand die Zustimmung von Bernhard Zeller (Wien), mit dem ich die Probleme diskutieren konnte. Für seine Hilfsbereitschaft möchte ich ihm herzlich danken. – Die Durchsicht der wichtigsten einschlägigen paläographischen Publikationen von Bernhard Bischoff (Die Südostdeutschen Schreibschulen I und II, Kalligraphie in Bayern, Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts) sowie der CLA war nicht ergiebig.

[15] Maria Neumann, Die bairische Volksordnung zur Karolingerzeit auf  Grund genealogischer Untersuchungen (ungedr. phil. Diss. der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen 1947) 205.

[16] Wilhelm Störmer, Sundarheri scriptor, der Lieblingsnotar Bischof Arbeos in den Traditionen Freising, in: Theo Kölzer u. a. (Hgg.), De litteris, manuscriptis, inscriptionibus … Festschrift zum 65. Geburtstag von Walter Koch (Wien/Köln/Weimar 2007) 17–25. – S. auch Neumann, Die bairische Volksordnung (wie Anm. 15) 205–211.

[17] Störmer, Sundarheri 24.

[18] Joachim Jahn, Bayerische „Pfalzgrafen“ im 8. Jahrhundert? Studien zu den Anfängen Herzog Tassilos (III.) und zur Praxis der fränkischen Regentschaft im agilolfingischen Bayern, in: Früh- und hochmittelalterlicher Adel in Schwaben und Bayern (Regio 1, Forschungen zur schwäbischen Regionalgeschichte, Sigmaringen 1988) 80–114, hier 110ff. sowie ders., Virgil, Arbeo und Cozroh. Verfassungsgeschichtliche Beobachtungen an bairischen Quellen des 8. und 9. Jahrhunderts, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 130 (1990) 201– 292, hier 248.

[19] Störmer, Sundarheri 17f.

[20] Neumann, Die bairische Volksordnung (wie Anm. 15) 205.

[21] Störmer, Sundarheri 23 mit Anm. 31.

[22] Störmer, Sundarheri 23.

[23] Störmer, Sundarheri 23f.

[24] Alois Weissthanner, Die Traditionen des Klosters Schäftlarn 760–1305 (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte N.F. 10/1, München 1953) 6 Nr. 1b, dazu Störmer, Sundarheri (wie Anm. 16) 23 Anm. 35.

[25] Weissthanner, Die Traditionen (wie Anm. 24) 17ff. Nr. 12, dazu Störmer, Sundarheri 23 Anm. 35.

[26] So Störmer, Sundarheri 23 bei Anm. 32 gegen seine eigene frühere Ansicht Wilhelm Störmer, Adelsgruppen im früh- und hochmittelalterlichen Bayern (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte 4, München 1972) 129 und gegen Gottfried Mayr, Studien zum Adel im frümittelalterlichen Bayern (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte 5, München 1974) 32.

[27] Störmer, Sundarheri 24 Anm. 37.

[28] Paulus Piper (ed.), Confraternitates Augienses, in: MGH Libri confraternitatum Sancti Galli, Augiensis, Fabariensis ed. Paulus Piper (Berlin 1884) 145–352, hier 175 Sp. 68 Nr. 25; Facsimile: Johanne Authenrieth, Dieter Geuenich und Karl Schmid (Hgg.), Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau (Einleitung, Register, Faksimile) (MGH Libri memoriales et necrologia, N. S. I, Hannover  1979) p. 18 Sp. A Abschnitt 3 (Farbdigitalisat der Seite).

[29] Ausgabe: Sigismundus Herzberg-Fränkel (ed.), Monumenta necrologica monasterii S. Petri Salisburgensis, in: MGH Necrologia Germaniae 2: Dioecesis Salisburgensis (Berlin 1904) 3–64, hier 31 Sp. 77 Z. 41; Facsimile: Karl Forstner, Das Verbrüderungsbuch von St. Peter in Salzburg (Codices Selecti phototypice impressi 51, Graz 1974) p. 22, Spalte 5, vorletzte Zeile (Digitalisat der Seite).

[30] München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, HL Freising 3a (Cozroh-Codex).

[31] Bernhard Bischoff (Hg.), Arbeo: Vita et passio sancti Haimhrammi martyris. Leben und Leiden des hl. Emmeram (München 1953) (kostenpflichtige Version).

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Eine Handschrift aus der Burgbibliothek Kreuzenstein (Beobachtungen aus Auktions- und Antiquariatskatalogen I)

In einer vom Auktionshaus Christie’s für den Zeitraum 1. bis 16. Oktober 2020 angesetzten Online-Auktion wird als lot 84 ein „Austrian chained binding“ angeboten, das ein 1440 datiertes Papiermanuskript, enthaltend einen Traktat aus dem Umkreis der Universität Wien und Predigten, umschließt.

Die online zugängliche Beschreibung ist freilich, was die Besitzgeschichte der Handschrift betrifft, nicht ganz akkurat, und sie lässt sich außerdem in einem wichtigen Punkt ergänzen.

Zur „Provenance“ der Handschrift heißt es: „Piarists of Vienna (early inscription) – Johann Ernst von Jamaigne (1648-1719, Protonotary Apostolic in Waidhofen an der Thaya; engraved armorial bookplate) – Sotheby’s, 15 December 1953, lot 106 (bought through Offenbacher) – Cornelius J. Hauck (his sale, Christie’s New York, 27 July 2006, lot 106).“
Nun waren die Piaristen von Maria Treu in Wien unzweifelhaft Eigentümer der Handschrift, wie der auch in der Beschreibung erwähnte Besitzvermerk zeigt:

Christie’s, Katalog lot 84, f. 1r (Ausschnitt)

Allerdings befand sich die Handschrift erst ab 1719 in den Händen der Piaristen, deren Wiener Niederlassung sich damals auch erst in Errichtung befand. Der derzeit erste bekannte Besitzer war vielmehr der von Christie’s an zweiter Stelle genannte Weltpriester Johann Ernst Jamaigne (Jamagne), der seine Bibliothek den Wiener Piaristen vermacht hatte. Jamaigne – sein Name findet sich in zahlreichen Schreibweisen, von denen auch nicht alle in der GND erfasst sind – wurde 1648 wahrscheinlich in Wien geboren und ist am 10. Dezember 1719 als Pfarrer und Dechant von Waidhofen an der Thaya verstorben. Seit 1673 war er Priester und zunächst als Vikar (in dieser Zeit erwarb er außerdem ein Doktorat der Universität Padua) und dann Pfarrer in Altpölla tätig. Er war ein engagierter Seelsorger, Prediger und Autor – außerdem besaß er aber eine stattliche Sammlung mittellalterlicher Handschriften. Auf diesen Aspekt seiner Biographie[1] wird vielleicht einmal in einem anderen Iter-Beitrag eingegangen werden. Hier sind sein Name und die Erwähnung der Wiener Piaristenbibliothek aber vor allem ein Hinweis auf den nächsten Besitzer der Handschrift, der in der Katalogbeschreibung leider unterschlagen wird.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts baute der österreichisch-ungarische Adelige, Abenteurer und Philantrop Graf Johann Nepomuk Wilczek (1837-1922) die Ruine der in der Nähe von Korneuburg bei Wien gelegenen Burg Kreuzenstein wieder auf und richtete sie als Museum für seine umfangreichen Sammlungen ein.

Kreuzenstein (Postkarte 1868, gemeinfrei, Wikipedia Commons)
Kreuzenstein (Aufnahme 2015, Anna Saini [Wikipedia Commons, CC BY-SA 4.0])

Zu diesen Sammlungen gehörte auch eine Bibliothek mit einem nicht unbedeutenden Bestand an mittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln, deren wesentlichen Bestandteil die von Wilczek zu einem leider nicht genau bekannten Zeitpunkt erworbenen Handschriften der Wiener Piaristenbibliothek bildeten. Einen ausführlichen Überblick über den Handschriftenbestand hat Franz Lackner 1999 veröffentlicht[2]; ein von ihm am 1. März 2000 erstelltes Update der Handschriftenliste findet sich hier.

Dass sich die derzeit bei Christie’s angebotene Handschrift tatsächlich in der Kreuzensteiner Bibliothek befunden hat, lässt sich sicher nachweisen. Den Angaben im Auktionskatalog zufolge enthält der Codex zunächst den Tractatus de duodecim partibus fidei des Magister Nicolaus de Gretz. Dieser Text kann nach seinem Initium Dilectissimi quicumque homo habens usum rationis vult venire in regnum celeste … unschwer genauer identifiziert werden als die Expositio symboli apostolorum des Nicolaus de Graetz. Der Autor dieses in zahlreichen Handschriften überlieferten Textes (Stegmüller, RB 5813 und Ergänzungsband) ist Nikolaus von Graz , der im Sommersemester 1415 an der Universität Wien immatrikuliert wurde und sein gesamtes weiteres Leben in Wien verbrachte. Nach dem Erwerb des Magistergrades der Artes (1421) begann er ein Studium der Theologie, das er 1439 mit dem Erwerb des Doktorats bekrönte. Schon am 28. September 1436 wurde er als Kanoniker des Kapitels von St. Stephan installiert. Vor dem 4. Oktober 1441 ist er verstorben[3].

Auf Blatt 96v, nach dem Ende der Expositio, findet sich ein mit 17. Februar 1440 datierter Schreibervermerk: Explicit tractatus de duodecem [!] partibus fidei, finitus feria tertia proxima post festum Valentini per manus Petri Bawtz moraui de Olomuntz, Anno domini etc. 40.

Christie’s Katalog lot 84, f. 96v

Im – kodikologisch eine ursprünglich selbstständige Einheit gewesenen – zweiten Teil der Handschrift (f. 97-406) ist der Winterteil einer Predigtsammlung überliefert, deren genauere Bestimmung der Auktionskatalog nicht bietet und die aufgrund unzureichender Anhaltspunkte auch hier nicht versucht werden kann.

Einen sicheren Hinweis auf die Bibliothek der Burg Kreuzenstein liefert die auf einem auf dem Hinterdeckel aufgeklebten Papierschild eingetragene Nummer 5874, die auch mit Bleistift auf f. 1r vermerkt ist.


Diese Nummer verweist auf den einzigen derzeit bekannten Gesamtüberblick über den Inhalt der Kreuzensteiner Sammlung, ein um 1910 erstelltes gedrucktes Inventar über den „Fideikommiss Burg Kreuzenstein“. Die wie alle Einträge extrem knapp gehaltene Angabe zur Nummer 5874 lautet „Nicolaus de Grätz I, Man., Pap., XV., Folio“[4] und stimmt somit mit dem Inhalt des bei Christie’s angebotenen Bandes überein.

Nur nebenbei sei erwähnt, dass Ms. 5874 einer der beiden Trägerbände der Fragmente des sogenannten Kreuzensteiner Passionsspieles ist, die der Germanist Joseph Strobl, der viele Jahre lang als Bibliothekar für Graf Wilczek tätig war, ausgelöst und veröffentlicht hatte, bevor sie 1915 bei einem Brand in Kreuzenstein vernichtet worden sind[5].

Zum Schluss soll noch auf einen Aspekt der Handschrift hingewiesen werden, der aus der Sicht des Auktionshauses wohl besonders attraktiv ist – der Codex ist ein Kettenband: „Intact codices from medieval chained libraries are extremely rare at auction“. Ohne dazu ein abschließendes Urteil äußern zu können, sind hier allerdings gewisse Vorbehalte angebracht. Es ist auffällig, dass viele aus der Kreuzensteiner Bibliothek stammende Handschriften Kettenbände sind – so etwa die vier Bände des sogenannten Kreuzensteiner Legendars (seit 1992 Wien, ÖNB Cod. Ser. n. 35753 – dieser Band ist digitalisiert, 35754, 35755 und 35756). Schon Walter Jaroschka und Alfred Wendehorst haben in ihrem 1957 veröffentlichten Aufsatz über das Legendar festgestellt, daß Wilczek die Bände „wie auch einige andere Handschriften seiner Bibliothek durch Anbringung von Ketten am hinteren Rückendeckel zu einem liber catenatus adaptieren“ ließ[6] und damit die Ketten ins 19. Jahrhundert datiert.

Wien, ÖNB, Cod. Ser. n. 35753, Hinterdeckel

Graf Wilczek versuchte mit dem Wiederaufbau von Kreuzenstein nichts weniger als die perfekte mittelalterliche Burg zu verwirklichen; die darin beherbergte Bibliothek sollte eine perfekte mittelalterliche Bibliothek sein – mit angeketteten Bänden. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die Ketten an den Kreuzensteiner Handschriften nicht aus dem Mittelalter stammen, sondern das Ergebnis historistischen Gestaltungswillens sind. Aber zur abschließenden Klärung dieser Frage sind weitere vergleichende Untersuchungen notwendig, die durch die außerordentlich betrübliche Zerstreuung der Bibliothek sehr erschwert sind.


Nachtrag 18.10.2020: die Handschrift wurde für 25000 $ (inkl. „buyer’s premium“) verkauft. Falls jemandem die erwerbende Institution / Person bekannt ist, bin ich für eine Mitteilung (Email) sehr dankbar.


[1] Einen knappen Überblick gibt Uwe Harten, Art. „Jamaigne, Johann Ernst (Jean Ernest) von (de)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_J/Jamaigne_Johann.xml (1.10.2020).

[2] Franz Lackner, Handschriften aus der Burg Kreuzenstein in der Österreichischen Nationalbibliothek (Codices Ser. n. 31.373, 32.850, 35.704, 35.746, 35.753-35.756 und 38.978), in: Codices manuscripti Heft 27/28 ( September 1999) 9-36.

[3] Sein akademischer Lebenslauf ist übersichtlich hier zusammengefasst: Nikolaus de Greczz super Mura (RAG-ID: ngND2Y678Nl46cjdhMmc0) (6.10.2020). Einen Überblick über ihm zugeschriebene Werke gibt Xystus Schier, Specimen Styriae literatae (Wien o. J. [c. 1769]) (ÖNB-Digitalisat) p. 6. Vgl. auch Joseph Aschbach, Geschichte der Universität Wien im ersten Jahrhunderte ihres Bestehens (Wien 1865) p. 467-469 (Digitalisat) sowie Hermann Göhler, Das Wiener Kollegiat-, nachmals Domkapitel zu St. Stephan in Wien 1365-1554. Hrsg. v. Johannes Seidl, Angelika Ende und Johann Weißensteiner (Wien / Köln / Weimar 2015) 296 Nr. 157.

[4] Eingesehen wurde das unter der Signatur G 505 in der Bibliothek des Niederösterreichischen Landesarchivs in St. Pölten verwahrte Exemplar.

[5] Joseph Strobl, Kreuzensteiner Passionsspiel, in: Joseph Strobl, Aus der Kreuzensteiner Bibliothek. Studien zur deutschen Literaturgeschichte (Wien 1907) 3-23 (Digitalisat) (auch, mit gleicher Paginierung, Halle 1909, Digitalisat).

[6] Walter Jaroschka – Alfred Wendehorst, Das Kreuzensteiner Legendar. Ein Beitrag zur Geschichte der österreichischen Hagiographie des Spätmittelalters, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 65 (1957) 369-418, hier 370. Auch Franz Lackner lässt in seiner Beschreibung des Ms. 5667 im Katalog der Datierten Handschriften in Niederösterreichischen Archiven und Bibliotheken (online zugänglich hier) leise Zweifel erkennen, ob die Reste der am Einband vorfindlichen Kette original sind.

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Ein Fragment des „Dietsche Doctrinale“ zwischen Wien und Berlin

Auf der Suche nach noch unbekannten Werken versuchten Forscher bereits im 19. Jahrhundert ihr Glück bei als Makulatur in Einbänden erhalten gebliebenen Fragmenten. Bei der Erforschung wurden beispielsweise als Spiegelblätter eingeklebte Pergamentstücke oft kurzerhand abgelöst, die Trägerbände aber nur selten notiert. Solch zerrissene Überlieferungszusammenhänge sind heute ein Ärgernis der modernen Fragmentenforschung. In Projekten wie jenem zur Erforschung der Fragmente des Klosters Mondsee (gefördert durch GoDigital 2.0 der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), dessen Ziel es ist, die Überlieferung aufzuarbeiten und online zur Verfügung zu stellen, können teilweise Trägerbände abgelöster Fragmente ausfindig gemacht werden. Umgekehrt finden sich in den Deckeln oft mehr oder weniger gut lesbare Leimabklatsche entnommener Stücke, für die wiederum nach den „Originalen“ gefragt werden muss.

Dietsche Doctrinale: Abklatsch am inneren Vorderdeckel von Wien, ÖNB, Cod. 4013 (gespiegelt und gedreht) und abgelöstes Fragment in der Staatsbibliothek zu Berlin – PK

Einen solchen Fall stellen die Leimabklatsche an den Innenseiten des Vorder- und Hinterdeckels eines Mondseer Codex der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) in Wien dar (ÖNB Cod. 4013, F-xhxj)[1]. Sie enthalten das niederländische Lehrgedicht Dietsche doctrinale in einer Abschrift des 14. Jahrhunderts[2]. Eine Recherche nach den Originalblättern in den Beständen der ÖNB war erfolglos, tatsächlich befinden sich die Fragmente heute unter der Signatur Ms. germ. fol. 751, Heft 7/fol. 29f (F-np2j) in der Staatsbibliothek zu Berlin (Rekonstruktion F-7x5c)[3].

Die zwei Blätter tragen den privaten Bibliotheksstempel des bedeutenden Germanisten August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der sich für die altniederländische Sprache besonders interessierte. Er hielt sich – wie auch aus seiner autobiographischen Lebensbeschreibung hervorgeht – 1834 im Lauf einer längeren Forschungsreise auch in Wien auf. Er bearbeitete dort unter anderem gemeinsam mit dem Botaniker und damaligen Skriptor der Hofbibliothek Stephan Endlicher die althochdeutschen „Monseer Fragmente“ in der Hofbibliothek (heute ÖNB Cod. 3093*). Endlicher durchsuche für die kurz danach erschiene Edition des Textes alle Mondseer Handschriften der Bibliothek und stieß dabei wahrscheinlich auch auf das Fragment des Dietsche Doctrinale[4]. Ob Hoffmann von Fallersleben schon zu diesem Zeitpunkt in den Besitz der Blätter kam, ist nicht geklärt. Dass die Fragmente tatsächlich in seinem Besitz waren, geht jedoch auch aus anderen Quellen hervor. Im Jahr 1846 war er gezwungen, seine Privatbibliothek zum Kauf anzubieten; in dem im Druck erschienenen Verkaufskatalog finden sich die Stücke unter der Nummer XXIV.7 (Bruchstücke niederländischer Gedichte des 14.–15. Jahrhunderts) verzeichnet[5]. Seine Bibliothek wurde schließlich nach Berlin verkauft, wodurch der Weg der Fragmente des Dietschen Doctrinale von Wien nach Berlin einigermaßen geklärt ist.


[1] Die Bibliothek des Klosters Mondsee wurde nach dessen Auflösung 1791 zerstreut, die Handschriften kamen mehrheitlich an die Hofbibliothek, heute Österreichische Nationalbibliothek.

[2] Im Abklatsch repräsentiert sind in etwa die Verse 139–236 und 1130–1220 des 3. Buches, der abgeklatschte Text ist aber in sehr schlechtem Zustand, teilweise sind nur einzelne Buchstaben einer Zeile vorhanden.

[3] Gunilla Ljunggren verzeichnet in ihrem Werk zur mittelniederdeutschen Version „Leyen Doctrinal“ auch die fragmentarische Überlieferung des Dietschen Doctrinale. Darunter findet sich auch das damals noch als Depositum in Tübingen gelagerte Berliner Fragment, dessen Text sich zur Hälfte mit jenem in den Wiener Leimabklatschen (die schließlich nur die Hälfte des auf den Originalblättern erhaltenen Textes aufweisen können) deckt, womit ein wichtiger Hinweis auf die korrekte Identifizierung gewonnen wurde. Gunilla Ljunggren, Der Leyen Doctrinal. Eine mittelniederdeutsche Übersetzung des mittelniederländischen Lehrgedichts Dietsche Doctrinale (Lunder Germanistische Forschungen 35, Lund 1963) 26.

[4] [August Heinrich] Hoffmann von Fallersleben, Mein Leben. Aufzeichnungen und Erinnerungen, Bd. 2 (Hannover 1868) 246–255; siehe auch: Elke Krotz, Auf den Spuren des althochdeutschen Isidor. Studien zur Pariser Handschrift, den Monseer Fragmenten und zum Codex Junius 25 (München 2002) 155f.

[5] [August Heinrich Hoffmann von Fallersleben,] Bibliotheca Hoffmanni Fallerslebensis (Leipzig 1846) 48; Eine Identifizierung mit den Leimabklatschen in Wien ist durch die abgedruckten Anfänge der Kapitel eindeutig möglich.

Bildnachweis Berlin: Staatsbibliothek Berlin – PK http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000033BB00000000

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Can you see the journey? A visualization mock-up of the early years of the Pez correspondence

Digital Humanities may be fashionable, but they are not a fad. At all times, humanistic thinking has interacted with other forms of scientific epistemology—and sometimes it has even exerted pressure on other fields, like with the historicizing of religion in the Enlightenment. More often, however, the humanities have been forced to defensively safeguard, and try to methodologically underpin, their epistemic standards and claims. Were Wilhelm Dilthey alive today, he might write his Historik in reaction to data science, whose present epistemic eddying can be viewed as similar to that of the natural sciences in late 19th-century Germany.

Humanist scholars engaging with digital methods may thus be advised to formulate their questions before artificial intelligence does it for them. Part of this process is a highly experimental approach to historical source material that is often considered awkward: Quantitative descriptions or visualizations of patterns and trends traceable in a text or a defined series of sources frequently do not follow sound statistical methods, instead merely offering intuitive juxtapositions of coloured chunks. It is precisely this approach that can sometimes lead to new insights, however, as the following paragraphs will attempt to show.

During the past years, the members of the Pez project have set out not only to transform previous scholarly work into machine-readable data, but also to explore the possibilities of data visualization and analysis. Inspired by the “Design sprints” in the context of the COST Action “Reassembling the Republic of Letters”,[1] the Pez group put in several days of intense work with Marco Quaggiotto, an interface design specialist from Milan Politecnico, in September 2017. At the centre of this cooperation were the first ten years of the Pez correspondence, which have already been published in print (see below). The main idea behind the visualization was to relate two parameters: the number of occurrences of selected terms or names of persons in the correspondence during the period under scrutiny, and the exact indication of those occurrences in the individual letters. The former parameter—here: total occurrences of the term “Jesuits”—is depicted in a flow diagram on the right-hand side of the image (proceeding from bottom to top). The latter parameter appears on the left in the shape of a coloured dot for each letter in which the term occurs (with white spots indicating letters in which the term is not mentioned). These dots and spots are placed on vertical bars representing individual correspondents; ideally, the overall length of the bar shows the lifespan of the correspondent, while the black sections indicate the duration of the correspondence with the brothers Pez.

Mock-up visualization of occurrences of the term „Jesuits“ in the Pez correspondence, 1709-1718 (by Marco Quaggiotto).

But what does all this have to do with the topic of library visits and journeys? Following a long discussion about the visualization parameters, the group agreed on a reduced colour-coding scheme for the Pez correspondents that is limited to the following categories: green / Benedictine (of any congregation); blue / Catholic, but not Benedictine (thus including lay scholars and members of other religious communities alike); orange / Protestants (of any profession); red / converts to Catholicism (not taking into consideration their dates of conversion, however).

The initial question underlying the visualization was answered rather unsurprisingly: Jesuits became an important topic at the time of the “Cura salutis” controversy in 1715.[2] However, the Pez group was surprised by the accumulation of blue bars—following an exclusive sequence of “green” correspondents—starting in 1712, with continuous new additions through 1717. This shows how the Pez correspondence expanded, after the first three years, from a purely inner-Benedictine network into one reaching out to other Catholic (and eventually, Protestant) scholars.

Cod. Mell. 1850, documneting the library visits of the brothers Pez, in particular those of 1717; here: 217r, concerning Oberaltaich (at http://unidam.univie.ac.at/id/488103).

The point here is that there seems to be a punctual correlation of this expansion with the library travels undertaken by the brothers. Each year, starting in 1712 and culminating in their extended library tour in 1717, the brothers visited local libraries in their surroundings;[3] before 1712, Bernhard Pez had relied on circular letters to his confrères to reach potential correspondents. The visualization clearly shows the impact of his changed strategy—but also to some degree the limited sustainability of these new contacts, which did not always result in longer correspondences. (Generally speaking, assessing the relation between itineraries and correspondences can be a fruitful way to digitally look at the geographic dimension of early modern intellectual history.[4]) To be sure, these insights will not be followed here by a thorough analysis of the actual individual correspondences, as that is what the edition is for; nor does this interpretation claim to consider all the possible factors leading to the image seen above. What the visualization does indicate, however, is that library visits can enhance a correspondence network—though not necessarily in a sustainable fashion—and that data visualizations can often answer questions that were not even asked at the outset.


[1] See Reassembling the Republic of Letters in the Digital Age. Standards, Systems, Scholarship, eds. Howard Hotson, Thomas Wallnig (Göttingen 2019).

[2] Thomas Wallnig – Thomas Stockinger, Die gelehrte Korrespondenz der Brüder Pez. Text, Regesten, Kommentar, Bd. 1: 1709–1715 (Vienna 2010), 14.

[3] Wallnig – Stockinger, Gelehrte Korrespondenz 1, 5; Thomas Stockinger – Thomas Wallnig – Patrick Fiska – Ines Peper – Manuela Mayer, Die gelehrte Korrespondenz der Brüder Pez. Text, Regesten, Kommentar, Bd. 2: 1709–1716–1718 (Vienna 2010), 12 (partial volumes 1 & 2).

[4] Vladimir Urbanek, Individual Itineraries, in Hotson – Wallnig (eds.), Reassembling the Republic of Letters, 325– 332.

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