Hohenfurth, Emil Hirsch und Otto Ege

Passend zur Tagung „Klösterliche Handschriften- und Buchverkäufe in der Zwischenkriegszeit“, die am 16-17. April in Wien stattfindet, beschäftigt sich dieser Blogeintrag mit Verkäufen aus dem Stift Hohenfurth/Vyšší Brod und, im Zusammenhang damit, mit der Provenienz eines Otto-Ege-Leafs.

In zwei ausführlichen Blogeinträge hat sich Peter Kidd mit der Provenienz der Handschrift beschäftigt, die als Blatt Nummer 2 für das berühmtem „Fifty Original Leaves of Medieval Manuscripts“ Portfolio von Otto Ege zerschnitten wurde und als „12th-century Cistercian Missal“ bezeichnet wird (eher 13. Jh.). Nachdem die Handschrift zunächst Frankreich oder Spanien zugeschrieben worden war, wies sie Christopher de Hamel zuletzt aufgrund eines neu zugewiesenen Blattes mit figürlicher Dekoration Österreich zu.

Kidd  weist nun auf eine ausführliche Beschreibung der kompletten Handschrift in einem undatierten Katalogs (wohl Ende der 1920er Jahre) des Antiquariats Emil Hirsch aus München hin (Nr. 17 des Katalogs mit Tafel VII)[1]. Er schließt seinen Beitrag mit folgender Bemerkung:

“It is suggestive, but probably no more than a coincidence, that Hirsch owned two other manuscripts now at the British Library, both from Cistercian houses in southern Germany or Austria: Hirsch III.606, of unknown precise provenance, and Hirsch III.943, which may have been written in 1191 for the Abbey of Wilhering, a little west of Linz, and was later at the Cistercian abbey of Hohenfurt in Southern Bohemia, now Vyšší Brod in the Czech Republic, a little north of Linz.”

Zunächst ist klarzustellen, dass es sich bei den Handschriften in der British Library vorrangig um Bände aus dem Besitz von Paul Hirsch, einem deutschen Musikwissenschaftlerund Sammler von Büchern über Musik, und nicht von Emil Hirsch, dem oben genannten Antiquar handelt. Aus der Hirsch-Collection der BL wurde die von Kidd genannte Handschrift  Hirsch III.934 aber tatsächlich von Emil Hirsch an Paul Hirsch verkauft. Sie findet sich als Nr. 14 im oben genannten Katalog.  Dieses Missale, dessen Buchschmuck Friedrich Simader einen Beitrag gewidmet hat[2], ist schon länger als Codex CXII des Zisterzienserkloster Hohenfurth/Vyšší Brod identifiziert[3].

Otto Ege und Hohenfurth?

Nach diesem ersten Hinweis auf die Handschriftenprovenienz lassen sich nun rasch noch mehrere andere Handschriften im Katalog von Emil Hirsch finden, die offensichtlich aus der Hohenfurth/Vyšší Brod stammen (siehe unten). Was lässt sich  aber über das Missale sagen, das von Otto Ege zerschnitten wurde?

Die Handschrift zeichnet sich durch eine Kreuzigungsszene aus, in der die Jungfrau Maria Blut aus der Seite Christi in einem Kelch sammelt. Auf der anderen Seite des Kreuzes ist ein Schwert abgebildet, neben dem Johannes mit einem Buch steht.

Abbildung zur Nr. 17 im Katalog von Emil Hirsch

Unter den Handschriften von Hohenfurth/Vyšší Brod findet sich für Cod. CXXXIV der folgende Eintrag:

Beschreibung von Cod. CXXXIV von Raphael Pavel

Diese Beschreibung des Bildschmucks im Katalog von Raphael Pavel macht es sehr wahrscheinlich, dass es sich dabei um das gesuchte Zisterziensermissale handelt und auch die Blattanzahl von 173 Blatt stimmt in beiden Beschreibungen überein. Hinweise auf die nachgetragene Missa de s. Bernardo finden sich jedoch in den Auktionskatalogen nicht.

Zu Cod. CXXXIV existiert jedoch noch eine weitere Beschreibung, die im Katalog der illuminierten Handschriften von Hohfenfurt von  Antonín Friedl aus dem Jahr 1968 abgedruckt wurde (S. 26 Nr. 16)[4]:

Beschreibung von Cod. CXXXIV von Antonín Friedl

Friedl beschreibt hier den Buchschmuck ausführlicher und gibt die Größe der Handschrift mit 35 x 25 cm an. Im Auktionskatalog von Hirsch wird eine Größe von 350 x 234 mm erwähnt, die zumindest in der Höhe exakt mit der Hohenfurther Handschrift übereinstimmt, wenn auch die Breite etwas geringer ist.

Der Eintrag geht auch auf den mittelalterlichen Einband der Handschrift ein. Da die Beschreibung des Einbandes im Ausktionskatalog und auch in den anderen von Peter Kidd genannten Publikationen jedoch nur vage bleibt, ist hier keine eindeutige Identifizierung möglich. Jedoch wird in allen Beschreibungen ein mittelalterlicher Einband erwähnt.

Von Interesse ist der Hinweis zur Geschichte der Handschrift am Ende der Beschreibung Friedls: Im Jahr 1945 fehlte sie in der Bibliothek. Schon in der Einleitung erwähnt Friedl eine Reihe Hohenfurther Handschriften, die zwischen 1945-1950 die Bibliothek verließen, unter ihnen auch Cod. CXXXIV. Die Beschreibung beruht offensichtlich früheren Arbeiten des Autors, der schon seit den 1920er Jahren zu Buchmalerei publizierte. Es spricht damit also nichts dagegen, dass die Handschrift bereits vor dem zweiten Weltkrieg abhandenkam und daher im Auktionskatalog von Emil Hirsch erwähnt werden kann.

In Summe kann trotz der fehlenden Abbildungen in den Hohenfurther Katalogen daher sicher angenommen werden, dass es sich bei Cod. CXXXIV um die Quelle der Blätter Nr. 2 aus dem Konvolut „50 Leaves“ von Otto Ege handelt. Damit bestätigt sich nun auch eine Vermutung Peter Kidds, der angesichts eines Nachtrags zum Fest des Hl. Wenzel in der Handschrift schreibt:

the missal is currently attributed to Austria; perhaps we should be looking to the far north of the present-day country, and into what is now the Czech Republic.

Liste von Handschriften aus Hohenfurth/Vyšší Brod bei Emil Hirsch

Was nun die anderen Handschriften im Auktionskatalog von Emil Hirsch betrifft, soll die folgende Tabelle Hinweise auf eine Hohenfurther Provenienz geben, soweit sie mir ersichtlich war bzw. ohnehin aus der Literatur bekannt ist. Sie gibt neben den Katalognummern der schon genannten Kataloge von Pavel und Friedl auch die Nummer in einer Abschlussarbeit von David Michal Říha zu den illuminierten Handschriften von Hohenfurth aus dem Jahr 2006 an[5]. Zusätzlich wird auf eine Liste der in Hohenfurth fehlenden Handschriften im Ergänzungskatalog von Bohumil Ryba von 1980 verwiesen (dort S. VI)[6]. Der Eintrag „(fehlt)“ weist darauf hin, dass die jeweiligen Autoren die Handschrift im Katalog als fehlend vermerkten. Die heutigen Aufenthaltsorte wurden nicht ausführlich recherchiert, sodass hier sicher noch Ergänzungen zu machen sind.

Es wird deutlich, dass offensichtlich nicht alle Handschriften, die im Katalog von Emil Hirsch aufscheinen, auch tatsächlich verkauft wurden. Ob sie allerdings heute noch immer vor Ort sind, muss erst nachgeprüft werden.

Katalognr. Hirsch Katalognr.

Pavel

Katalognr.

Friedel

Fehlend bei Ryba Katalognr.

Riha

Heutiger Aufenthaltsort
1 XCIV 15 (fehlt) ja 15 (fehlt)
2 CLVI 17 nein III/3b Hohenfurth?
3 CLVIII 17 nein III/3c Hohenfurth?
7 LXXXI nicht im Katalog ja nicht im Katalog Princeton University Library, MS Garrett 70
9 CXLV 34 ja 33 (fehlt)
11 XXVIII nicht im Katalog nein nicht im Katalog Hohenfurth?
13 CXLIX 38 ja 37 (fehlt) Knihovna národního muzea v Praze

Idno: XVIII B 35

14 CXII 8 (fehlt) Ja 8 (fehlt) British Library, Hirsch III.934
15 LVII 20 nein 19 Hohenfurth?
16 LXXV 2 (fehlt) ja 2 (fehlt) Chicago, Newberry Library, Cod. +7
17 CXXXIV 16 (fehlt) ja 16 (fehlt) Otto Ege Leaf Nr. 2
18 CXXIII 27 (fehlt) nein 26 Hohenfurth?
19 CLII? 48 (fehlt) ja 47 (fehlt)
20 CXXXVIII 18 ja 17 (fehlt) Getty Museum, Ms. Ludwig XIII 1
25 CXLIII 19 ja 18 (fehlt)

 

[1] Valuable Manuscripts of the middle ages. Mostly illuminated. Antiquariat Emil Hirsch (München, undatiert) online.

[2] Friedrich Simader, Ein vermeintliches „Missale Salisburgense“ der British Library. Codices Manuscripti, 48/49 (2004) 7-12.

[3]  Raphael Pavel, Beschreibung der im Stifte Hohenfurt befindlichen Handschriften, in: Die Handschriften-Verzeichnisse der Cistercienser-Stifte, Bd. 2: Wilhering, Schlierbach, Osegg, Hohenfurt, Stams (Xenia Bernardina II,2, Wien 1891) 165-461, hier 205.

[4] Antonín Friedl, Iluminované rukopisy vyšebrodské (České Budějovice 1967) online, hier 26 Nr. 16

[5] David Michal Říha, Základní fond středověkých rukopisů v cisterciáckém klášteře ve Vyšším Brodě (Prag 2006) online.

[6] Bohumil Ryba, Soupisy rukopisů a starých tisků do roku 1800 z fondů Krajské knihovny v Českých Budějovicích II/1–2. Rukopisy kláštera ve Vyšším Brodě. Dodatek (České Budějovice 1980) online.

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